20 Jahre "Menschen für Menschen"
Rede der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, bei der Pressekonferenz "20 Jahre Menschen für Menschen" am 15. Mai 2001 in Berlin
Heidemarie Wieczorek-Zeul Vor zwanzig Jahren hat Karlheinz Böhm seine Initiative "Menschen für Menschen" gestartet. Seither steht er mit seiner Persönlichkeit, seiner Leistungskraft und seinem Engagement für die Menschen in Äthiopien ein. Er wirbt bei uns, in einem der reichsten Länder des reichen Nordens, für dieses Land in Afrika mit seiner großen Geschichte und seiner großen Not. Und er arbeitet in Äthiopien, setzt um, was ihm nur immer möglich ist. Zwanzig Jahre sind ein halbes Arbeitsleben. Wer in seinem Beruf, im Falle von Karlheinz Böhm in seinem Beruf als Schauspieler, sein Leben lang Großartiges geleistet hat, der hat eigentlich allen Grund, zufrieden zu sein, der darf sich mit Recht zur Ruhe setzen. Karlheinz Böhm hat das nicht getan. Er hat dem, was eigentlich schon ein ganzes Arbeitsleben ausmacht, noch ein zweites angefügt. Das ist eine große persönliche Leistung, für die ich Karlheinz Böhm anlässlich des 20. Jahrestags der Wette danken möchte.

Karlheinz Böhm engagiert sich in einem Bereich, der zu den Kernaufgaben unseres Ministeriums zählt, und der zu den Kernaufgaben der Politik jedes Industrielandes zählen sollte. Es geht darum, akute Not zu lindern, und es geht darum, den Menschen eine tragfähige Lebensperspektive zu geben. Unsere gemeinsamen Aufgaben sind: den Frieden zu bewahren, Menschenrechte zu sichern und die Demokratie zu stärken, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu fördern, die natürlichen Ressourcen zu schützen und die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen.

Das sind Aufgaben, die uns alle angehen. Die Regierungen der Industrieländer allein können sie nicht erfüllen. Worauf die Staaten angewiesen sind, ist das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Jeder Einzelne kann etwas tun. "Menschen für Menschen" bündelt das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger in vorbildlicher Weise. Und das nun schon seit 20 Jahren. Diese Initiative ist, gemeinsam mit vielen anderen ähnlicher Art, unverzichtbar für eine erfolgreiche Entwicklungspolitik. Die Entwicklungsanstrengungen der Staaten brauchen als notwendige Ergänzung das gesellschaftliche Engagement.

Deshalb und weil die Arbeit von "Menschen für Menschen" der notleidenden Bevölkerung unmittelbar zugute kommt, weil also die Arbeit von "Menschen für Menschen" sehr effizient ist, hat das Bundesentwicklungsministerium die Arbeit in der Vergangenheit immer wieder unterstützt. Ich darf Karlheinz Böhm heute versichern, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Denn wir haben auch in den nächsten 20 Jahren ein großes Interesse an einer guten Zusammenarbeit.

Das gilt um so mehr, als wir jetzt prüfen, ob wir die Entwicklungszusammenarbeit mit Äthiopien wieder offiziell aufnehmen werden. Noch in diesem Monat, am 31. Mai, werden Beamte meines Ministeriums zu ersten Gesprächen nach Addis Abeba reisen. Diese Entwicklung wurde möglich, weil Äthiopien und Eritrea im Dezember vergangenen Jahres endlich Frieden geschlossen haben. Wir hatten in Äthiopien, wie im Falle anderer Länder auch, die Entwicklungsprojekte fortgesetzt, die den Menschen unmittelbar zugute kommen. Aber die finanzielle Zusammenarbeit mit Äthiopien haben wir von unserer Seite aus während des Krieges vollständig unterbrochen. Bei den Konsultationen Ende Mai geht es unter anderem darum, auf die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen zu drängen - Stichworte sind die Demokratisierung und die Menschenrechte.

Auch die Verbindungen zur internationalen Staatengemeinschaft könnten sich verbessern. So wird Äthiopien im September dieses Jahres voraussichtlich den in der multilateralen Entschuldungsinitiative sogenannten "decision point" erreichen. Der Erlass von Schulden ist gekoppelt an ein strenges Programm zur Armutsbekämpfung, das das Land erarbeiten muss, das entschuldet werden soll. Damit ist sichergestellt, dass die Entschuldung gerade den ärmsten Teilen der Bevölkerung zugute kommt. Die frei werdenden Mittel sollen in Äthiopien für Ernährungssicherung, Gesundheit und Bildung genutzt werden.

Entscheidend für eine einigermaßen befriedigende Entwicklung von Äthiopien wie von Eritrea bleibt die Stabilisierung des Friedensprozesses. Frieden bleibt die Grundlage für jede Entwicklung. Der jüngste Krieg hat die beteiligten Länder schwer in Mitleidenschaft gezogen. Es sind immer die Schwächsten, die am schlimmsten leiden: die Kinder, die Frauen, die Alten. Diese Not müssen wir lindern, auch mit tatkräftiger Hilfe von "Menschen für Menschen". Aber wir müssen mehr tun. Wir müssen dafür sorgen, dass ein sich selbst tragender positiver Entwicklungsprozess in dieser Region in Gang kommt. Neben unserem Engagement, unserer Unterstützung müssen in den beteiligten Staaten die Kräfte politisch maßgebend werden und bleiben, die den Frieden wollen und die die Demokratie voranbringen wollen.

Wenn in dieser Region ein Kampf geführt werden muss, dann nicht der Kampf von Menschen gegen Menschen, sondern der Kampf von Menschen für Menschen, der Kampf gegen die Armut. Armut ist menschenunwürdig und oft die Ursache von Gewalt. Die Region hat noch einen langen Weg vor sich. Gemeinsam können wir diesen Weg zurücklegen ? die politisch konstruktiven Kräfte in Äthiopien und den anderen Ländern der Region, und in den Industriestaaten die Regierungen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürger, die sich für diese Sache engagieren.

Dirk Jasper FilmLexikon
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