Interview mit Katja Flint
Katja Flint Katja Flint, 38, spielt in dem Sat.1-Film "Annas Fluch - Tödliche Gedanken", 15.09.1998, 20.15 Uhr, eine Hauptrolle Frage: Was hat Sie an der Rolle der Anna K. gereizt? Was mögen Sie an ihr?

Katja Flint: Zunächst mal reizte mich die gesamte Geschichte. Ich entscheide mich für eine Rolle erst, nachdem ich die Geschichte gelesen habe und glaube, dass sie spannend oder unterhaltsam ist. Sie soll ein größeres Publikum interessieren und nicht nur mich. Natürlich ist auch die Figur an sich entscheidend, das ganze Drumherum, die Kollegen, die Regie usw. Anna ist eine sehr vielschichtige Frauenrolle, die nicht so leicht zu durchschauen ist - was an ihrem Beruf als Pianistin und an ihren hellseherischen Fähigkeiten liegt. Gerade dieses Undurchsichtige interessiert mich an ihr. Außerdem glaube ich, dass das Thema 'Außersinnliche Wahrnehmung' in den nächsten Jahrzehnten sehr an Bedeutung in unserem Leben gewinnen wird.

Frage: Inwiefern?

Katja Flint: Es ist ein sehr heikles Thema, das sehr leicht als unseriös abgetan wird. Man weiß einfach noch zu wenig darüber, aber in 20 oder 30 Jahren wird man damit ganz anders umgehen und es nicht in die esoterische Ecke abschieben. Es ist sehr spannend, sich damit zu beschäftigen. Vor allem in der Vorbereitung für den Film habe ich viel gelesen, mich über den neuesten Stand der Wissenschaft informiert. Und dann hat es mir natürlich Spaß gemacht, eine hochbegabte Pianistin zu spielen, weil ich überhaupt nicht Klavier spielen kann.

Frage: Sie spielen gar nicht selbst?

Katja Flint: Nein. Ich kann noch nicht einmal 'Alle meine Entchen' auf dem Klavier spielen. Die Musik ist wunderschön, sie wurde ja extra für den Film komponiert. Eigentlich ist es sehr schade, dass ich kein Instrument wirklich gut spielen kann, denn ich liebe Musik sehr, vor allem klassische. Ich habe mit einer Konzertpianistin gearbeitet. Sie hat mit mir ein paar Griffe und Gesten einstudiert. Ein paar leichte Stellen spiele ich dann tatsächlich selbst im Film, so dass die Kamera von den Fingern auf das Gesicht schwenken kann und den Eindruck erweckt, ich würde selbst spielen. Für das Comeback-Konzert haben wir eine Art Choreographie einstudiert.

Frage: Nochmal zurück zur Hellseherei. Sie glauben an die Existenz solcher Fähigkeiten?

Katja Flint: Ja, ich glaube, dass da sehr viel möglich ist. Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass man die Relativitätstheorie widerlegt hat. Man hat Luftlöcher entdeckt, in denen man die Lichtgeschwindigkeit überschreiten kann. Das würde bedeuten, dass man in die Zukunft und in die Vergangenheit reisen kann. Das ist wissenschaftlich belegt. Was wir, sozusagen, aus irgendwelchen Science-fiction-Filmen noch als unglaubwürdig abstempeln, ist inzwischen theoretisch von der Wissenschaft belegt. Man ist zwar noch nicht so weit, dass man mit Fluggeräten durch diese Tunnel fliegen kann, aber das wird sich weiterentwickeln. Ob das nun wirklich stimmt oder nicht, weiß man nicht von heute auf morgen. Aber eins ist sicher, es hat immer wieder Prophezeiungen gegeben, die eingetreten sind.

Es gibt nachgewiesenermaßen hellseherische Fähigkeiten, z. B. Leute, die plötzlich Sprachen aus der Vergangenheit sprechen, oder die Orte, die existierten, genau beschreiben, obwohl sie dort nie waren oder nichts darüber wissen konnten. Da gibt es ganz viele Dinge, die erstaunlich sind und über die wir vielleicht in der Zukunft noch viel mehr erfahren werden. Der Mensch ist einfach sehr realistisch, und das, was man nicht beweisen kann, das gilt nicht. So bin ich auch eingestellt. Ich würde nie zu einer Wahrsagerin gehen, würde mir nie die Karten legen lassen oder in eine Kugel gucken. Und trotzdem finde ich das höchst spannend. Es gibt etliche wissenschaftliche Bücher darüber, die sich sehr präzise damit beschäftigen und auch wirklich trennen, was Humbug ist und was wirklich Hand und Fuß hat.

Frage: Die Mystery-Schiene ist ja bereits voll im Trend.

Katja Flint: Ja, aber das sollte einigermaßen in der Form bleiben, für meinen Geschmack muss es einen Hauch von Glaubwürdigkeit behalten - aber auch Rätsel. Anna z. B. ist ja eine Frau, die ihre Fähigkeiten gar nicht wahrhaben will, die das eher von sich weist. Es widerfährt ihr und es irritiert sie, es bringt sie aus ihrer Karriere 'raus, es zerstört ihr ganzes Leben. Nichts wäre ihr lieber, als wenn sie das nicht könnte. Das ist ihr Hauptkonflikt in dem Film. Es passiert ihr, sie sagt nicht: ,Ich kann das und ich will das' und erfindet noch ein bißchen dazu.

Frage: Annas Beziehung zu Nick ist eine ganz eigentümliche. Wie würden Sie sie beschreiben?

Katja Flint: Was mir daran gut gefällt, ist, dass es das Gut-Böse-Muster aufbricht. Natürlich sind Nick und seine Ehefrau ein Sympathiepärchen. Die Frau ist schwanger, charmant, zauberhaft. Trotzdem passiert es im Leben, dass es eine erotische Spannung gibt, obwohl sie überhaupt nicht erwünscht ist. Und diese erotische Spannung entsteht zwischen Anna und Nick. Nicht wirklich ernst, aber sie ist da. Derartige Irritationen machen die Geschichte glaubwürdig und spannend. Es ist eine wellenartige Beziehung, es gibt Momente tiefsten Vertrauens und dann das abolute Mißtrauen. Es sind zwei völlig verschiedene Welten. Nick versteht nichts von ihrer Musik, und Anna versteht nichts von diesem trockenen, klaren Anwaltsdenken. Sie vertraut sich ihm an. Er glaubt ihr aber nicht.

Frage: Sie haben eine große Wandlungsfähigkeit. Vom Thriller bis zur Komödie spielen Sie alles. Haben Sie persönliche Vorlieben?

Katja Flint: Nein, ich bin ja deshalb Schauspielerin geworden, weil ich Lust habe, immer wieder andere Sachen zu machen. Ich würde jetzt nicht sagen, jede neue Rolle muss das Gegenteil von der letzten sein - das ist albern. Klar, wenn man dann zwei- oder dreimal hintereinander was ähnliches gemacht hat, dann hat man wieder Lust auf etwas Neues. Wobei ich eigentlich immer versuche, bei jeder Figur, die ich spiele, einen neuen Menschen zu kreieren.

Frage: Wann starten die Dreharbeiten zu "Marlene"?

Katja Flint: Im Herbst 1999. Es wird ein Kinofilm. Regie führt Joseph Vilsmaier.

Frage: Wie kann man einer Figur wie Marlene Dietrich gerecht werden?

Katja Flint: Also, erst einmal liest man alles. Es gibt ja, Gott sei Dank, unglaublich viel Material über Marlene Dietrich. Ich bin immer noch dabei, mich durch das ganze Zeug zu lesen. Die Dietrich ist 1901 geboren und hat bis 1992 gelebt. Ihre Karriere hielt sich über einen sehr langen Zeitraum, nicht wie bei vielen Schauspielerinnen, die eine kurze Superstar-Phase haben und dann wieder weg sind.

Man betrachtet so eine Persönlichkeit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, mal aus Sicht der Tochter, mal vom Standpunkt der Außenstehenden und dann wiederum von ihr selbst. So nach und nach ergibt sich langsam ein Bild. Außerdem kenne ich einige Leute, die sie ganz gut kannten, mit denen ich gesprochen habe und noch sprechen werde. Jeder hat sein eigenes Bild von Marlene Dietrich.

Frage: Ist sie Ihnen sympathisch?

Katja Flint: Ja und nein. Das ist gerade das Interessante. Ihre preußische Disziplin kommt mir zum Beispiel sehr nahe. In anderen Punkten haben wir überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Aber das ist auch gut so. Ich bin ja nicht Schauspielerin geworden, um mich jetzt selbst dauernd zu spielen, sondern ich will was entdecken und immer wieder dazulernen. Eine rein sympathische Marlene zu zeigen, finde ich falsch. Sie zu demontieren und nur negativ zu zeigen, ist ebenso falsch. Ich hoffe auf eine Geschichte, die auf spannende, anrührende, kritische und humorvolle Weise von einer Legende erzählt, davon, wie sie eine wurde und von den Schattenseiten, eine zu sein.

Frage: Sie arbeiten viel - gibt es Momente, in denen Sie sagen, ich will jetzt gar nichts mehr hören von neuen Rollen oder Kollegen, ich will ganz einfach nur abschalten?

Katja Flint: Das tue ich auch. Ich habe etliche Freunde, die nicht aus der Filmbranche sind, und mein Sohn interessiert sich mehr für Fußball, Rollerblading und Spaghetti.

Dirk Jasper FilmLexikon
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