Interview mit Katja Flint
Katja Flint Katja Flint spielt die Rolle der Marlene Dietrich in dem Film Marlene. Frage: Die Rolle der Dietrich zu spielen, kommt einer Lebensaufgabe gleich. Wie haben Sie diese gemeistert?

Katja Flint: Zur Lebensaufgabe wollte ich mir diese Rolle nicht machen. Aber als ich sie annahm, war mir klar, dass ich eine ungewöhnlich lange Vorbereitungszeit benötigen würde, um sie zu bewältigen.

Frage: Wie aufwändig war die Recherche und welche Schwerpunkte haben Sie dabei gesetzt?

Katja Flint: Man könnte sich Jahre mit der Recherche befassen, so viel Material gibt es über Marlene Dietrich. Ich habe vier Biografien sehr genau gelesen, einige andere nur überflogen. Spannend für mich waren die sehr unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Autoren, inklusive ihrer Autobiografie. Außerdem habe ich Bildbände, Dokumentationen und Filme angesehen und viele CDs gehört, bis mich Marlene Dietrich in den Schlaf verfolgte. An diesem Punkt beschloss ich, aufzuhören und auf das Drehbuch zu warten, um dann konkret weiterzumachen.

Frage: Welches Bild der Dietrich ist bei Ihren Recherchen für Sie persönlich entstanden?

Katja Flint: Die Widersprüche empfand und empfinde ich als besonders faszinierend. Einerseits die selbstverliebte, egozentrische Diva mit 1.000 Affären, süchtig danach, von anderen begehrt, geliebt und geachtet zu werden, andererseits die bodenständige Hausfrau mit preußischer Erziehung, die außerdem großzügig, hilfsbereit, intelligent, schlagfertig und sehr witzig sein konnte.

Frage: Welche besonderen Anforderungen stellt eine Figur dar, die real existiert hat?

Katja Flint: Fast jeder erwachsene Mensch weiß etwas über Marlene Dietrich. Viele meinen zu wissen, wie sie war und was sie ausgemacht hat, und diese vielen Meinungen stimmen keineswegs überein. Mir wurde klar, dass es unmöglich ist, die verschiedenen Erwartungshaltungen zu erfüllen. Ich entschied mich für eine Kombination aus der vom Drehbuch vorgegebenen Marlene und dem Bild von ihr, dass ich mir im Laufe der Recherche gemacht habe.

Frage: Wenn Sie dazu aufgefordert werden würden, bei einer Gala-Veranstaltung im Dietrich-Outfit zu erscheinen, welche Garderobe würden Sie wählen?

Katja Flint: Ich kleide mich grundsätzlich nach dem Lustprinzip und nach dem dreimonatigem Dreh gehe ich im Moment lieber als Katja Flint. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass ich einen Teil eines Kostüms neu und somit modern kombiniere. Zum Beispiel den spektakulären Federmantel mit einem modernen Abendkleid.

Frage: In Interviews während der Dreharbeiten sprach Vilsmaier stets von seiner "Verbündeten", wenn es um seine Hauptdarstellerin ging. Wie beschreiben Sie das Verhältnis zu Ihrem Regisseur?

Katja Flint: Wir waren uns ohne viele Worte einig, hatten oft im selben Moment den selben Gedanken. Dazu kommt, dass er der uneitelste und natürlichste Mensch der Filmbranche ist, mit einer unerschöpflichen Energie und Freude am Filmemachen. Man kann gar nicht anders, als ihn von Herzen zu mögen.

Frage: Warum übt der Name Marlene Dietrich auch an der Schwelle zum neuen Jahrtausend noch immer diese unglaubliche Faszination aus?

Katja Flint: Ihre Verführungskunst, erhalten auf Fotos, im Film und in ihrem Gesang, ist zeitlos. Außerdem war sie schon zu ihrer Zeit eine, in unserem Sinne, moderne Frau. Sie wollte Kind, Karriere und die Liebe.

Frage: Glauben Sie, dass in unseren Zeiten ein Mythos Marlene wiederholbar wäre? Oder gehorcht das Starsystem heute anderen Gesetzen?

Katja Flint: Glamourstars wie Marlene Dietrich und Marilyn Monroe blieben in all ihren Rollen ihrem Typ treu, dies allerdings so brillant, dass man sie wohl auch noch im nächsten Jahrtausend verehren wird. Moviestars von heute lieben die Vielseitigkeit des Schauspielberufs und wollen nicht nur auf einen Typ festgelegt sein. Heute sind die größten Stars die Popstars, viele sind so schnell wieder weg wie sie aufgetaucht sind, aber manche bleiben. Madonna ist für mich ein vergleichbares Phänomen von heute.

Frage: Der Film "Marlene" steht und fällt mit seiner Hauptdarstellerin. Wie sind Sie mit diesem immensen Druck umgegangen?

Katja Flint: Hin und wieder überfielen mich Panik und Albträume. Mir wurde klar, dass auch die beste Kopie nie so gut sein könnte wie das Original. Ich überlegte, was ich mir als Zuschauer von einem Spielfilm über Marlene Dietrich erhoffen würde und stellte fest, dass es uninteressant wäre, eine mehr oder weniger gute Kopie von dem zu sehen, was ich schon kannte. Viel spannender wäre es, hinter die Fassade zu blicken und zu sehen: wie war sie, wenn keine Kamera dabei war, was waren ihre Sorgen und Probleme, wie ging es den Menschen um sie herum. All die Dinge, die sie selbst, um ihre Legende zu schützen, der Öffentlichkeit nie preisgeben wollte. Unser Drehbuchautor wünschte sich offenbar Ähnliches, denn genau darum geht es in Marlene. Ich beschloss also, die private Marlene möglichst menschlich sein zu lassen und die bekannte Mimik und Gestik nur eingeschränkt zu verwenden. Die bekannten öffentlichen Situationen sollten allerdings so nah am Original wie möglich sein, wie: Der große Bühnenauftritt im Tasselkleid, die Szenen in Frack und Zylinder, Marlene in berühmter Pose singend mit angezogenem Bein und der Auftritt an der Front. Somit hatte ich mir ein Ziel gesetzt, an dem ich in der Vorbereitung peu à peu arbeiten konnte. Das half mir, mit dem Druck umzugehen. Beim Drehen ist Spaß und Spielfreude das beste Mittel gegen Druck.

Frage: Gibt es für Sie ein Leben nach Marlene und wie könnte dies aussehen?

Katja Flint: Oh ja! Ich bin bereits dabei, es in vollen Zügen zu genießen. Beruflich gibt es ein paar Ideen, die ich gemeinsam mit einigen kreativen Köpfen unserer Branche vorantreibe, in der Hoffnung, dass das eine oder andere gute Drehbuch entsteht.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper