Interview mit Katja Riemann

"Ich kann etwas erzählen, was sinnvoll ist."

Katja Riemann spielt in dem Drama um die Rosenstraße die Rolle der jungen Lena Fischer. Frage: Wo liegen die Anfänge der Rosenstraße für Sie, wie kam das Projekt zu Ihnen?

Katja Riemann: Ich habe das Drehbuch 2001 von Henrik Meyer, einem der drei Produzenten, bekommen. Ich wusste zwar von der Geschichte, aber eben zu wenig, und habe mich dann erst in diese ganze Historie "hineingeschmissen". Für mich war dabei sicher das Großartigste, die Chance zu haben, mit Margarethe von Trotta zu arbeiten, auch überhaupt ein Buch von ihr lesen zu dürfen. Vor vielen, vielen Jahren saß ich einmal bei ihr und Volker Schlöndorff im Münchner Wohnzimmer auf dem Sofa - das war für mich damals schon etwas Besonderes und natürlich dieser Hauch einer Vorstellung, einmal mit ihr zu arbeiten. Und nun, ungefähr 15 Jahre später, ist schließlich etwas daraus geworden ...

Frage: Was hat dieses Projekt für Sie so besonders gemacht?

Katja Riemann: Ich habe es noch nie so sehr wie bei diesem Film verfolgt, ob wir es schaffen, ob er gefördert wird, ob die Finanzierung gelingt. Natürlich war ich bei den vielen Debütfilmen, die ich mit Hochschülern gedreht habe, auch immer daran interessiert, dass wir nun das Geld zusammenbekommen. Aber hier war es doch noch einmal anders, zumal in times like these: Als wir anfingen, crashte es an der Börse, und es war die Frage, ob das finanziert werden würde. Zumal ich mich auch daran erinnern kann, dass es noch ein amerikanisches Drehbuch gab, für ein zweites Rosenstraße-Projekt mit Sharon Stone zur gleichen Zeit.

Und die Amerikaner besaßen die unglaubliche Frechheit, wie ich finde, das Projekt bei der deutschen Förderung einzureichen. Das lag für kurze Zeit wie ein Schatten über uns. Und ich dachte mir schon: "Siehste, wenn ich mal mit Margarethe von Trotta arbeiten darf, kommt wieder was dazwischen". Ich hatte richtig Angst. Ein Hollywood-Film zu diesem Thema, unserer Geschichte, mit der wir selbst doch genug zu tun haben - jeder für sich allein, als auch in den verschiedensten Künsten. Dann kam es so, dass wir es waren, die gefördert wurden, und so hat sich der Schatten verflüchtigt.

Frage: Als Sie schließlich zugesagt haben, was war das für ein Gefühl für Sie?

Katja Riemann: Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Das war einer jener seltenen Momente, in denen sich meine Lust an meinem Beruf mit einem persönlich-politischen Anliegen deckte. Ich kann das, was ich gelernt habe, in einen Dienst stellen und etwas erzählen, was sinnvoll ist. Frage: Der 43er Frauenaufstand in der Rosenstraße wurde in den Geschichtsbüchern lange vernachlässigt, dieses Jahr nun jährte sich das Ereignis zum 60. Mal ...

Katja Riemann: Das Thema wurde ja Anfang der 90er-Jahre erst richtig publik, und kurze Zeit darauf fing Margarethe von Trotta bereits damit an, die erste Drehbuch-Fassung zu schreiben. Ich empfinde diese Ereignisse in der Rosenstraße als eine Art "Wunder des Nationalsozialismus". Und ich frage mich, wie es sein kann, dass das über so lange Zeit nahezu keinen Menschen interessiert hat. Ich glaube auch, dass Widerstand noch sehr viel mehr möglich gewesen wäre in dieser Zeit.

Wobei man, wenn man ganz genau ist, überlegen muss, ob man überhaupt das Wort "Widerstand" oder "Aufstand" für die Frauen in der Rosenstraße verwenden sollte. Ein Widerstand oder ein Aufstand ist etwas Geplantes, Vorsätzliches, eine Protest-Kundgebung, wo man sagt "Wir setzen ein Zeichen gegen ... oder für ...", wo man sich versammelt, die persönliche Angst zu überwinden und gemeinsamen Mut zu haben. Das war es eben nicht in der Rosenstraße, sondern jede einzelne Frau musste für sich erst einmal herausfinden, wo ihr Mann überhaupt ist. Da sind Hunderte von Geschichten über diese Tage hinweg passiert - den Mann zu finden, in einer so großen Stadt wie Berlin. Überhaupt herauszubekommen, dass er in der Rosenstraße sitzt, im jüdischen Wohlfahrtsheim - das finde ich spannend.

Frage: Wie haben Sie sich auf die Rolle der Lena Fischer schließlich vorbereitet?

Katja Riemann: Ich habe wohl alles, was es zu dem Thema "Rosenstraße" an Literatur gibt, zusammengetragen und gelesen. Was aber noch viel wichtiger war während der Vorbereitung zum Dreh und während der Dreharbeiten, das sind die persönlichen Geschichten von Menschen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, Biographien. Einfach, um in dieser Zeit zu bleiben, in dieser Terminologie, damit mir dies auch vertraut bleibt. In diesem Berlin von damals, diesem Deutschland. Ein Gefühl für Musik und Kleidung und all dies zu bekommen. Oder, was Radio hören überhaupt bedeutete, wie man Nachrichten erfuhr - bis ich zum Schluss von Nazis geträumt habe und mir dachte, "Jetzt reicht´s, jetzt muss ich wieder zurück ins Jahr 2002".

Zudem gab es ein Buch über die Gräfin Maria von Mahrzahn, das Margarethe von Trotta mir empfohlen hat, letztendlich als eine Art Vorbild, Personnage für Lena. Die Gräfin war auch Preußin, ist groß geworden in Ostpreußen auf einem Gut in einem Dorf, dem Vater gehörten die Ländereien ringsum, und sie hatte Privatlehrer, Kindermädchen. Es ist ein Großwerden mit der Selbstverständlichkeit des Großbürgertums, aber auch mit diesen Moralvorstellungen und Werten, diesem Kulturgut, dieser Bildung. Und diese Frau hat sehr vielen Juden geholfen, hat sie versteckt, und natürlich ihrem eigenen Mann.

Nun komme ich selbst aus Norddeutschland, und den Norddeutschen sagt man zumindest eine gewisse Reserviertheit nach, was aber nicht heißt, dass das Herz darunter in irgendeiner Art und Weise weniger heiß wäre. Überhaupt nicht, im Gegenteil. Vielleicht ist es nur eine Oberflächenstruktur, die mit Disziplin zu tun hat, ein Sich-Zusammenreißen. Man sieht ja bei Lena auch die Vergangenheit, woher sie kommt, diese Etikette. Die weiß eben, wie man mit gewissen Leuten spricht, die lässt sich nicht einschüchtern von irgendwelchen Obersturmbannführern. Oder vielleicht lässt sie sich einschüchtern, zeigt es aber nicht, nie.

Diese Contenance - sie hat nichts mehr, aber das ist noch da, ist verinnerlicht. Das interessiert mich auch wieder als Schauspielerin, dieser innere Widerstreit zwischen der persönlichen Angst um den Mann - und natürlich auch um sich selbst - mit dieser Verzweiflung auf der einen Seite. Andererseits diese Würde, dieser Stolz, dieses Großbürgerliche. Zu sagen, okay, die Klamotten sind zwar alle nicht mehr so schick - aber wir stehen das durch.

Frage: Was hat Lena Fischer von Katja Riemann an Persönlichem?

Katja Riemann: Ganz viel, ich bin es ja, es ist ja mein Körper, mein Atem, es sind meine Tränen, es ist meine Lebenszeit. Man baut sich natürlich seine Figur, holt sich von überall etwas her. Aber es ist nicht nur so, dass ich auf die Figur zugehe, die Figur muss auch zu mir kommen. Man trifft sich auf halbem Wege - Lena Fischer und Katja Riemann. In der Vorbereitung auf Lena ging ich in ein Fitness-Center, um ein paar Kilo abzunehmen. Da fragten mich ein paar Mädels, was ich denn zur Zeit mache. Das waren Berliner Mädels, Anfang 20, gepierct, die auf die Piste und ins Fitness-Studio gehen.

Am Schluss standen vier Mädchen um mich herum - diesen Film müssten sie sehen, das interessiere sie, gerade dieses Miteinander unter Frauen. Man kann viele Menschen dafür entzünden - über persönliche Geschichten, die natürlich viel von Politik und Gesellschaft erzählen. Am Ende des Tages geht es immer um Menschen, wenn man Politik macht ... Und natürlich hat all das auch mit mir zu tun ...

Meine Tochter Paula hat mir einmal etwas von sich und ihrer Freundin erzählt. Sie ist eine, die sich für andere einsetzt. Ich fragte sie dann: "Ach, das machst du für sie?", und sie meinte ja, denn ihre Freundin könne das nicht, sei zu schüchtern, also müsse sie das machen, "Und ich traue mich, das zu tun - für sie.".

Katja Riemann
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'
Katja Riemann in 'Rosenstraße'

Dirk Jasper FilmLexikon

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