Interview mit Kenneth Branagh
Kenneth Branagh Kenneth Branagh, Regisseur und Darsteller über den Film "Ein Winternachtstraum" Frage: Was hat Sie auf dieses Thema gebracht?

Kenneth Branagh: Vor zirka vier Jahren wollte ich über jemanden ein Stück schreiben, der sein Leben von Grund auf ändert, indem er die Schauspielerei an den Nagel hängt. Diesen Moment der Krise, wenn man damit aufhört, sich zu fragen, was man macht, wollte ich herausarbeiten. Das passiert irgendwann allen Schauspielern - mir ebenso - und es kam mir immer etwas komisch vor, wenn ich daran dachte, weil es so witzlos ist, aber dennoch denken wir alle daran. Während der Jahre entwickelte sich diese Idee immer mehr zu einer unprätentiöseren Angelegenheit, bekam eher eine selbstironische Sichtweise dessen, wie Schauspieler sich in einer solchen Situation benehmen. Man könnte es auch als eine Momentaufnahme einer existentiellen Hoffnungslosigkeit bezeichnen. Der Film ist in gewisser Weise eine Satire auf die überzogene Besessenheit, die in Schauspielern, aber auch in uns allen steckt.

Frage: Wenn Sie schon seit vier Jahren an diesem Thema arbeiten, warum haben Sie es gerade jetzt verfilmt?

Kenneth Branagh: Ich wollte nach "Frankenstein", eine gewaltige Produktion, etwas sehr Kleines machen, und es hat Spaß gemacht, auf einer völlig anderen Ebene zu arbeiten. Filme können manchmal davon profitieren, wenn sie auf diese Art gedreht werden. Ich glaube fest daran, dass es wichtig ist, an dem zu arbeiten, was man macht, und nicht nur alle zwei bis drei Jahre einen Film zu drehen. Es ist wichtig, etwas Neues auszuprobieren.

Frage: Hat Ihnen diese Erfahrung Spaß gemacht?

Kenneth Branagh: Während der Dreharbeiten hatte ich den Eindruck, eine neue Phase meiner Arbeit einzuläuten - sozusagen das Ruckzuck-Verfahren. Ich genoß die Schnelligkeit der Dreharbeiten, ich genoß die Herausforderung, nur mit begrenzter Zeit drehen zu können und es trotzdem zu schaffen. Aufgrund des geringen Budgets musste bei allen die Kreativität in einer ganz bestimmten Weise funktionieren. So etwas hält einen fit. Ich will damit nicht sagen, dass es der einzige oder beste Weg ist zu arbeiten, aber ich fühlte, dass es zu dieser Zeit genau das Richtige für mich war.

Frage: Haben Sie es genossen, einmal Regie führen zu können, ohne selbst auch mitzuspielen?

Kenneth Branagh: Ja, und wie. Ich konnte länger schlafen und hatte auf einmal in einer ganz anderen Weise Spaß an der Regiearbeit. Ich finde, dass es viel schwieriger ist, Regie zu führen, als zu spielen. Selbst bei einem so kleinen Budget ist es immer noch eine Menge Geld, und ich will immer innerhalb der gesetzten Zeit und innerhalb des Budgetlimits fertig werden, denn das halte ich für angemessen, aber auch, weil ich denke, wenn man das schafft, dann hat man auch verdient, einen weiteren Film zu machen. Es war nie leicht für mich, Regie zu führen, aber ich genieße es mehr und mehr.

Frage: Wie autobiographisch ist die Figur des Joe Harper?

Kenneth Branagh: Nicht so sehr, denke ich. Aber ein wenig von seiner Romantik, seinem Optimismus, der Naivität, Sentimentalität und natürlich auch seiner Unbedarftheit stammt unverkennbar von mir. Ich habe mich allerdings nie in der Situation befunden, in der er steckt, und ich habe auch nie das gefühlt, was ich in seine Figur hineingeschrieben haben. Ich war nie ein Jahr lang ohne Engagement, so wie er, so dass dieser Teil der Rolle reine Fantasie ist und mehr mit den Vorstellungen zu tun hat, die mir wichtig waren.

Frage: War es für Sie wichtig, mit Schauspielern zusammenzuarbeiten, die Sie schon kannten?

Kenneth Branagh: Wir mussten so schnell drehen, dass mir jedes Mittel recht war, das uns erlaubte, sehr schnell zu arbeiten. Ich wollte Kollegen, die selbst eine Ahnung davon hatten, wie es ist, ein Stück in so kurzer Zeit zu inszenieren, und die sich schon untereinander kannten, so dass es einfacher war, einen Zusammenhalt unter den Mitgliedern des Ensembles herzustellen. Ähnlich wie in "Peter's Friends" ist auch hier der Gedanke enthalten, dass in einer schwierigen Lage Kameradschaft und Freunde etwas sind, auf das man sich verlassen kann bzw. was dazu führt, dass sich die Mühe, die man sich macht, auch wirklich lohnt.

Frage: Stand die Besetzung schon fest, als sie das Drehbuch verfaßten?

Kenneth Branagh: Ungefähr sieben der Rollen sind den Schauspielern, die in Frage kamen, auf den Leib geschrieben - vor allem die von John Session und Richard Brier -, der Rest trug viel dazu bei, denn je mehr wir umschrieben, desto näher kamen wir den einzelnen Charakteren.

Frage: Warum gerade Hamlet?

Kenneth Branagh: Hamlet ist sehr kompliziert. Für die einen repräsentiert das Stück all das, was sie am Theater so langweilig und dumm finden, wie Männer in Strumpfhosen und weißen Hemden. Für die anderen bedeutet es das bewegendste und außergewöhnlichste, was Theater zu bieten har. Im Film betrachten wir belustigt die beiden Gegensätze - die Sicht der Schauspieler, die Hamlet als den Zenith ihrer Karriere betrachten, sowie das andere Extrem, das sehr komisch wirken kann, wenn die Inszenierung so richtig schlecht ist.

Frage: Warum haben Sie in Schwarzweiß gedreht?

Kenneth Branagh: Ich wollte sehen, wie es wirkt, eine Geschichte in Schwarzweiß zu erzählen, und dazu mit einem etwas nostalgischen Blick auf das Theater. Dazu wollte ich das Gefühl vermitteln, dass Sie wahrscheinlich hatten, als Sie Ihren ersten Film sahen, und dafür fand ich Schwarzweiß-Aufnahmen genau richtig. Wenn man Mickey Rooney und Judy Garland auf dem Bildschirm sieht, wie sie als 35jährige noch Personen spielen, die gerade einmal 16 sind, dann liegt es auch an den Schwarzweiß-Aufnahmen, dass an der ganzen Sache etwas Unwirkliches ist. Auch dieser Film ist irreal. In dieser Weise werden nun einmal in Kirchen keine Stücke inszeniert. Man schläft da auch nicht, weil es einem gar nicht erlaubt wird. Aber so ähnlich könnte es auch in den alten Schwarzweißfilmen stattgefunden haben, und deshalb fand ich es richtig.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Dirk Jasper FilmLexikon
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