Interview mit Knut Loewe
Knut Loewe Knut Loewe war für die Ausstattung von Rainer Kaufmanns Kalt ist der Abendhauch zuständig. Frage: Einen Kinofilm in der Größenordnung zu gestalten, ist doch sehr aufwändig: Kulissen und Ausstattung haben für hiesige Verhältnisse riesige Ausmaße.

Knut Loewe: Das kann man wohl sagen. Es ist vom Umfang her der größte Film, den ich bis jetzt gemacht habe.

Frage: Was war das Aufwändigste?

Knut Loewe: Es war vieles sehr aufwändig, z. B. die Außengestaltung von Charlottes Haus: Wir sehen das Haus zum ersten Mal 1938, die letzte Szene spielt 1999, das sind immerhin über 60 Jahre, und alle vier Jahreszeiten, die man glaubhaft darstellen mussste. Wir haben mit einer Firma aus England zusammen gearbeitet, die sich auf Landschaftsgestaltung für Filme spezialisiert hat, Filmscapes, die haben den Garten sechzig Jahre "wachsen" lassen. Mit Tiefladern wurden riesige Bäume gebracht, das ganze Haus wurde mit Efeu "eingekleidet" und mehr und mehr zugewuchert. So etwas wird normalerweise nicht gemacht. Sehr aufwändig waren auch die Nachkriegs-Trümmerfelder. Die Frage, wie ich es hinbekommen würde, dass nach dem Krieg vieles zerstört war, hatte mich am meisten beschäftigt, seit ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hatte. Es ging dann so weit, dass wir abbruchreife Häuser abgerissen haben, um mit dem echten Schutt und den echten Trümmern unsere Kulissen zu bauen. Zusätzlich wurden dann noch Kulissen in Originalgröße von dem zerstörten Schuhgeschäft nachgebaut, um den größtmöglichen Wiedererkennungseffekt zu erzielen. Ich glaube, die größte Freude war für mich, das Schuhgeschäft "innen" zu entwerfen und zu bauen.

Frage: Das Schuhgeschäft wurde aber auch an Original-Schauplätzen in Leipzig gedreht?

Knut Loewe: Wir musssten ja eine "heile" Fassade haben, mit der wir arbeiten konnten. Diese wurde tatsächlich nach langem Suchen in Leipzig gefunden. Die "Zerstörung" wurde aber dann in Berlin im ehemaligen Olympischen Dorf nachgebaut. Das Innere des Schuhgeschäfts wurde auch in Leipzig gebaut. Was wir erzählen wollten ist, dass der Original-Laden von Charlottes Großvater um die Jahrhundertwende eingerichtet wurde und dass Charlottes Vater den Laden in den 20er Jahren renovieren ließ. Man merkt das nicht auf den ersten Blick, aber die Elemente aus der Gründerzeit und erste Bauhaus-Anklänge sind da. Man sieht in jeder Einstellung die Sorgfalt der Ausstattung. Wir haben, wo immer das möglich war, mit altmodischen Materialien gearbeitet. Die Böden sind mit echtem Linoleum ausgelegt und die Holzeinbauten sind mit Shellack gestrichen, was heute niemand mehr machen würde. Ich habe dafür extra nach Handwerkern gesucht, die noch die alten Techniken beherrschen. Die Regale haben polierte Messingkanten, dann haben wir auf geätztem Glas für die Ladenschilder Hinterglas-Malereien anfertigen lassen. Damals gab es eben noch keine Klebeschrift für Außenschaufenster.

Frage: Ist für Sie als Szenenbildner die Nachkriegszeit besonders interessant?

Knut Loewe: Sie ist in erster Linie schwierig darzustellen. Es war alles kaputt, es gab nichts. Diese Zeit erzählt sich vor allem durch den Erfindungsreichtum der Menschen. Sie haben aus den unmöglichsten Sachen alles Mögliche angefertigt. dass das überhaupt zu spüren ist, verdanke ich der Requisiteurin Bele Schneider. Man sieht das z. B. in den Szenen in Charlottes Küche. Leider sind es nicht mehr so viele, wie ursprünglich geplant waren, weil der Film sonst zu lang geworden wäre.

Frage: Was war für Sie das Reizvollste an dem Projekt?

Knut Loewe: Ich hatte den Roman schon vor längerer Zeit gelesen, und der hat mir einfach gut gefallen. Ich fand es toll, die Geschichten, die ich von meinen Eltern in Erinnerung hatte, zu neuem Leben erwecken zu können. Ich hatte die Möglichkeit, viel zu bauen und bei den Dekorationen sehr ins Detail zu gehen. Wir haben Stoffe nachweben lassen, eine original Frankfurter Küche gebaut und viele Möbel konnten extra angefertigt werden.

Frage: Warum dieser ganze Aufwand?

Knut Loewe: Ich glaube, in historischen Filmen wird oft der Fehler gemacht, dass die Sachen wirklich wie aus den 30er Jahren aussehen. Aber das, was aus den 30er Jahren ist, ist heute ja bereits über 60 Jahre alt. Eine Szene, die in dieser Zeit spielt, musss also meiner Meinung nach mit viel neueren Sachen ausgestattet werden, und das ging eben nur, indem wir Dinge, die nicht mehr zu bekommen waren, reproduziert haben. Man kann das an einem einfachen Beispiel erläutern. Es gibt in Archiven noch Zeitungen aus den 30er Jahren. Aber die sind natürlich inzwischen vergilbt. So kommt es vor, dass in Filmen Leute vergilbte Zeitungen lesen, was natürlich absurd ist. Man musss sie daher reproduzieren.

Frage: Gibt es so etwas wie eine Farbdramaturgie bei diesem Film?

Knut Loewe: Ja, unbedingt. Der Kameramann Klaus Eichhammer und ich haben ja bereits zum vierten Mal zusammen gearbeitet, und uns beiden ist dieses Thema sehr wichtig. Wir haben uns in der Vorbereitungszeit viel damit beschäftigt. Wir hatten beide sehr viel recherchiert und uns dann, unter anderem, von den ersten reproduzierten Farbfotografien, die es ja vor dem Krieg schon gab, inspirieren lassen. Alles ist pastellig angelegt und es kommen eigentlich keine Primärfarben vor. Die Szenen, die in der Jetztzeit spielen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie insgesamt kräftiger sind. Die Farbpalette haben wir aber beibehalten. Cyan und Magenta hätten einfach nicht das richtige Gefühl vermitteln können.

Frage: Rainer Kaufmann spricht von der Krönung seiner Zusammenarbeit mit Ihnen.

Knut Loewe: Was soll ich da noch sagen? Ich sehe das aber auch so! Leider sind solche Projekte selten.

Frage: Was hat Ihnen besonders gut gefallen an dem Projekt?

Knut Loewe: So vieles konnte ich nur machen, weil ich das volle Vertrauen der Produktion und einen großen Handlungsspielraum hatte. Bei den künstlerischen und technischen Entscheidungen hatte ich sehr viel Freiheit. Ich hatte das große Glück mit den beiden Art-Direktoren Christian Eisele und Hermann Größ und einem großen Mitarbeiterstab arbeiten zu können. Ich glaube jeder, der an dem Film gearbeitet hat, war extrem motiviert, weil wir wussten, dass unsere Arbeit geschätzt wird. Und das verleiht eben Flügel.

Dirk Jasper FilmLexikon
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