Interview mit Laura Morante
Laura Morante

Frage: Welche Erinnerungen werden Sie sich an die Dreharbeiten zu Das Zimmer meines Sohnes bewahren?

Laura Morante: Für Nanni Moretti und mich bedeutete dieser Film in emotionaler Hinsicht eine äußerst intensive Erfahrung - wir spielen ja ein Ehepaar, das ein Kind verliert. Wenn man mich aber fragt, ob ich während der Aufnahmen jemals an meine Töchter gedacht habe, so lautet die Antwort "Nein". Keinen Moment lang. Natürlich erkennt man sich aber in dem Schmerz wieder.

Frage: Wie ist es denn möglich, in dieser Weise seine Gefühle zu kontrollieren?

Laura Morante: Mich hat einmal eine Schauspielerin gefragt, ob sie denn wirklich weinen müsse. "Nein", antwortete ich ihr damals, "deine Aufgabe ist das Spielen". Für mich ist es schon fast ein moralisches Gebot, nur sein wahres Wesen als "Rohmaterial" einzubringen. Darsteller, die sich um traurige Gedanken bemühen müssen, um dann auch traurige Szenen spielen zu können, sind falsch, ja mehr noch: sie sind zynisch. Man ist nur dann glaubhaft, wenn man ehrlich ist.

Frage: Giovanni und Paola, die Eltern, reagieren in ganz unterschiedlicher Weise auf den Tod ihres Sohnes.

Laura Morante: Giovanni versucht, seinen Schmerz in Wut umzuwandeln und "wie ein Mann" damit umzugehen, doch das schafft er nicht. Für ihn ist der Tod einfach nur der Tod, da bleibt ihm nur die Wut über den Verlust. Paola hingegen lässt ihrem Schmerz freien Lauf, und da mischen sich weder Wut noch Empörung mit hinein. Ihre Haltung ist viel weniger atheistisch, was nicht bedeutet, dass sie Trost in der Religion suchen würde. Sie erhält sich jedoch die Fähigkeit, weiterhin so etwas wie Freude zu empfinden, wenn sie etwa Ariannas Brief erhält, die noch nichts über den Unfall weiß. Eine ganz irrationale Freude: Vom Tod, so mag es ihr erscheinen, geht Leben aus. Diese Stelle war am schwierigsten zu spielen, denn hier ging es darum, eine Freude inmitten von soviel Leid auszudrücken.

Frage: Trägt der Vater seinem Sohn gegenüber irgendeine Schuld?

Laura Morante: Schuldgefühle sind die Folge einer ungeheuren Anmaßung: Wir fühlen uns schuldig, weil wir uns für Götter halten, und gerne gestatten wir es unseren Kindern, dass auch sie uns als solche betrachten. Unsere Irrtümer lassen sich ja korrigieren. Und von unseren Kindern müssen sie hingenommen werden. Hauptsache, man spielt seine Elternrolle und versucht nicht, sie durch eine Beziehung zwischen Gleichberechtigten zu ersetzen. Denn auf diese Weise liefe man Gefahr, den Kinder ihre Kindheit, ihre Unschuld und ihre Freiheit wegzunehmen.

Frage: Also hat sich Giovanni seinem Sohn gegenüber auch fahrlässig nichts zuschulden kommen lassen?

Laura Morante: Ich glaube, Giovanni fühlt sich schon von vornherein schuldig. Als Vater ist er viel zu dominierend, ihm fehlt jede Lockerheit. Sein Sohn interessiert sich gar nicht fürs Gewinnen, und der Vater will das einfach nicht akzeptieren. Zwar bemerkt Giovanni in seiner Eigenschaft als Psychoanalytiker seine Fehler, doch gelingt es ihm nicht, diese abzustellen. Hinzu kommt, dass der Sohn von seinem Wesen her viel fragiler wirkt als die Tochter, die nicht nur größer, sondern auch kämpferischer veranlagt ist. Doch wie dem auch sei: Hätte sich das Unheil nicht ereignet, so wäre all das zu bewältigen gewesen. Giovanni ist ein guter Vater.

Frage: Vor der Erstaufführung des Films haben Sie beteuert, dass Sie davon überzeugt sind, einen sehr schönen Film gemacht zu haben. Kann es aber nicht als eine Art moralischer Erpressung ausgelegt werden, dass unseren Gefühlen so sehr zugesetzt wird?

Laura Morante: Dieser Film enthält sich jeder Manipulation. Der Tod wird in unglaublich sachlicher Weise dargestellt. Alles, was sich um ihn herum ereignet, ist echt, da gibt es keine unterschwelligen Botschaften. Nannis erklärtes Ziel war es, von einem Schmerz zu erzählen, der die Betroffenen einander zunächst nicht näherbringt, sondern sie auseinander treibt. Und zwar so, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, um zu überleben. Ich bekräftige also: Dies ist ein schöner und ein ehrlicher Film.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper