Interview mit Ludivine Sagnier

"Ich musste mir die Figur der Julie und ihren lauten, angeberischen, etwas abgebrühten Charakter erst von Grund auf erschließen."

Ludivine Sagnier spielt in ihrem zweiten Film von François Ozon, Swimming Pool, eine Art Sex-Symbol, das die englische Krimiautorin Sarah Morton inspiriert

Frage: Wann sind Sie bei diesem Film dazu gestoßen?

Ludivine Sagnier: Als 8 Frauen in die Kinos kam, waren François und ich häufig gemeinsam unterwegs für die Promotion des Films. Ich habe gespürt, dass er schon an ein neues Projekt dachte und kurz nachdem Charlotte Rampling zugesagt hatte, hat er mir dann auch tatsächlich die Rolle angeboten. Es war das erste Mal, dass er mich fragte, ohne eine einzige Probeaufnahme machen zu wollen. Darauf war ich natürlich sehr stolz.

Frage: Hatten Sie Angst den Film in Englisch zu drehen?

Ludivine Sagnier: Im Gegenteil, ich war begeistert. Ich hatte ja schon in englischer Sprache gedreht, aber noch nie einen ganzen Film. Die größere Herausforderung war für mich vielmehr physischer Art. Ich musste mir die Figur der Julie und ihren lauten, angeberischen, etwas abgebrühten Charakter ja erst von Grund auf erschließen. Sie sollte eine sexuelle Aggressivität besitzen. Um das auch glaubwürdig erscheinen zu lassen, habe ich mir viel antrainiert, zum einen körperlich, aber auch was die Ausstrahlung anbelangt.

Frage: Wie genau haben Sie sich an Julie herangearbeitet?

Ludivine Sagnier: Julie sollte in Sarah Mortons Augen aber auch für das Publikum ein offensichtliches Sex-Symbol sein. Das bedeutete auch, mich einem bestimmten Body-Styling zu unterziehen, um wie eine provençalische Sexbombe zu erscheinen. Darüber hinaus haben auch die Kostümbildnerin, die Maskenbildnerin und der Friseur viel dazu beigetragen, mir diese deutlich extrovertierte Persönlichkeit für den Film zu verleihen.

Frage: Waren die Nacktszenen schwierig zu drehen?

Ludivine Sagnier: Eigentlich nicht. Ich habe bereits in Tropfen auf heiße Steine nackt gespielt, und da wir bei Swimming Pool praktisch dasselbe Team waren, fühlte ich mich nicht sonderlich unbehaglich. Das intensive Körpertraining hat mir zusätzliches Vertrauen gegeben, so dass es wirklich kein Problem war, so häufig nackt zu sein.

Eine viel größere Aufgabe war es, mir Julies Psychologie und ihre gebrochene Persönlichkeit begreiflich zu machen und dem eine stringente Verlaufsform zu geben. Das hat mir manch anstrengende und zum Teil auch schmerzvolle 'Hausaufgabe' beschert, musste ich doch für die dunklen Seiten von Julies Charakter einige gar nicht angenehme Erinnerungen oder Vorstellungen mobilisieren. Zu einer wirklichen Persönlichkeit wurde Julie aber erst durch François' Hilfe, und da sie außerdem ein Spiegelbild von Sarah Mortons Fantasien ist, entstand sie immer wieder neu, entsprechend den jeweiligen Situationen, die François für uns geschaffen hatte.

Frage: Dies ist Ihr dritter Film unter der Regie von François Ozon. Wie hat sich Ihre gemeinsame Arbeit von Tropfen auf heiße Steine über 8 Frauen bis zu Swimming Pool entwickelt?

Ludivine Sagnier: Bei unserem ersten Film war ich neunzehn und wusste sehr wenig übers Filmemachen. Ich war viel naiver und sehr viel ängstlicher gegenüber Risiken. Erst nachdem er mich quasi als sein Doppelgänger in 8 Frauen besetzt hatte, empfand ich, dass wir wirklich miteinander kompatibel waren. Bei Swimming Pool tat François etwas, das für mich sehr gut war: er beteiligte mich bereits an den kreativen Prozessen vor Beginn der Dreharbeiten.

Das hat mir viel mehr Freiheit gegeben und trug dazu bei, dass ich einen viel größeren Überblick bekam, was Entstehung und Verlauf des Projektes anging. Schon lange vor dem ersten Drehtag war ich auf dem Laufenden, ich durfte während der Dreharbeiten die Muster mit ansehen, und dadurch wurden mir seine Entscheidungen sehr viel nachvollziehbarer. Außerdem half mir diese Arbeitsweise, freier zu arbeiten.

Frage: Was haben Sie aus der Zusammenarbeit mit Charlotte Rampling gelernt?

Ludivine Sagnier: Unsere Zusammenarbeit verlief sehr natürlich. Ich empfand, dass sie ebenso wie ich Teil der Familie war. Sie hat mich sehr ermutigt. Charlotte ist eine Schauspielerin, die dem ganzen Prozess des Filmemachens sehr professionell, aber auch sehr gelassen gegenüber steht. Unsere Beziehung wurde zementiert durch die englische Sprache. Auf dem Set verstand zwar jeder englisch aber nur Charlotte und ich sprachen englisch. Das war so, als hätten wir unseren ganz eigenen Dialekt. Das hat eine große Intimität zwischen uns geschaffen.

Hinzu kommt, dass sie eine Künstlerin ist, die die Emotionen der Figuren mit einem gewissen Abstand und vor allem unbeschwert handhabt, während ich dazu neige, mich eher davon auffressen zu lassen. Charlotte Rampling hat es gelernt, sich absolut in den Dienst ihrer Figuren zu stellen und dennoch eine Distanz zwischen ihnen und sich selbst aufzubauen - und vor allem: nicht den Spaß dabei zu verlieren.

Ludivine Sagnier: Wie interpretieren Sie die Beziehung zwischen Julie und Sarah?

Ludivine Sagnier: Zu Beginn, wenn Julie am Swimming Pool auftaucht scheinen die beiden nichts miteinander gemein zu haben. Dann bringt die seltsame Anziehung, die Julie auf Sarah ausübt eine Veränderung, die zu einer Fantasie auswächst. Ich habe den Eindruck, dass François, indem er Charlotte und mich in einem Film zusammen brachte, auch zwei Aspekte seiner bisherigen Arbeit miteinander verbinden wollte. Ich stehe für seine Lust an der überschäumenden Künstlichkeit, dem Theatralischen und Konzeptuellen so wie man es in Tropfen auf heiße Steine und 8 Frauen sehen konnte.

Charlotte hingegen mit ihrer Rolle in Unter dem Sand steht für die ernsten, intimeren und sehr viel weniger spektakulären Interessen und Vorlieben von François. Ich glaube, diese beiden 'Strömungen' treffen in Swimming Pool durch die unerwartete Begegnung von Julie und Sarah aufeinander, ja kollidieren in einer Art elektrischem Spannungsfeld: Julie ist absolut künstlich, fast vulgär. Sarah ist introvertiert und intellektuell.

In diesem Film führt die Konfrontation der beiden Frauen dazu, dass sich ihre Richtung ändert: Julie entwickelt ein Innenleben, während Sarah körperlich aufblüht. Ich glaube, Swimming Pool ist François' Versuch, eine sehr persönliche Geschichte zu erzählen, eine Geschichte über einen kreativen Menschen und seine Muse, worin gezeigt wird, wie schmal der Grat zwischen Fiktion und Realität sein kann; das heißt hier, wie sehr ein Autor von seiner Muse überwältigt wird, und umgekehrt, wie sehr die Muse irgendwann nur noch ein blutleeres Etwas ist, weil der Autor einfach alles aus ihr herausgesaugt hat.

Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'
Ludivine Sagnier in 'Tropfen auf heiße Steine'
Filmplakat zu '8 Frauen'
Ludivine Sagnier in '8 Frauen'
Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'
Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'
Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'
Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'
Ludivine Sagnier in 'Swimming Pool'

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Constantin Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper