Interview mit Maggie Cheung
Maggie Cheung Maggie Cheung spielt die Hauptrolle in dem Film Hongkong Love Affair.

Frage: Vor zehn Jahren hat Ihre Karriere als Filmschauspielerin begonnen und seither haben Sie gleich in einer Fülle von Produktionen mitgewirkt. Wie sehen Sie diese Zeit zurückblickend?

Maggie Cheung: Mit gemischten Gefühlen. Dieser Produktionsstreß, dieser ganze Rummel, der damit zusammenhängt, ließ mich kaum zur Ruhe kommen. Es war dadurch sehr schwer für mich, meinen eigenen Weg zu finden. Bis ich souverän genug war, mich etwas zu bremsen und auszubrechen aus dieser doch kleinen Welt, in der ich lebe. Deswegen habe ich 1994 den Schnitt gemacht und für zwei Jahre keine Angebote mehr angenommen. Ich merkte, dass mich diese Mühle aufrieb und dass es mehr im Leben gibt, als immer nur vor der Kamera zu stehen.

Frage: Haben die Leute das verstanden und akzeptiert, dass Sie zwei Jahre nicht mehr drehen wollen?

Maggie Cheung: Ja, ich hatte schon meine Ruhe. Ich bin viel gereist, die meiste Zeit war ich gar nicht in Hongkong. Und wenn man nicht gerade ein Superstar ist, dann steht man zum Glück lange nicht so im Licht der Öffentlichkeit. So war es mir schon möglich, Ruhe und Entspannung zu finden.

Frage: Hat sich diese Zäsur auf Ihr Spiel ausgewirkt?

Maggie Cheung: Zunächst muss ich sagen, bin ich immer noch dieselbe Person, mit genau soviel Talent und Phantasie wie vorher. Aber ich bin, glaube ich, gelassener geworden in meiner Arbeit. Ich habe nicht mehr dieses Gefühl, immer noch mehr machen zu müssen, noch einen Schritt weiter zu gehen. Wenn ich zum Beispiel eine Szene habe, in der ich in Tränen auszubrechen habe, dann mache ich das heute einfach so, ganz natürlich.

Frage: Würden Sie meinen, dass Ihr Spiel insgesamt natürlilcher geworden ist?

Maggie Cheung: Ja, ich glaube schon. Es ist nicht mehr so das Spielen für die Kamera, vor allem wenn ich lange Passagen sprechen muss. Früher war ich angespannt. Es war nicht so, dass ich Angst gehabt hätte, ich könnte mir dem Text nicht merken. Aber den ganauen Ton, den richtigen Tonfall zu treffen, das hat mich schon ziemlich nervös gemacht.

Heute gehe ich da mit viel größerer Gelassenheit heran, und spreche die Sätze, wie sie jamand in der jeweiligen Situation eben sagen würde. Ich habe auch nicht mehr so das Gefühl, dass die Sätze auswendig gelernt sind. Das kommt heute alles viel mehr von innen.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Leon Lai in dem Film "Honkong Love Affair - Tian mi mi"?

Maggie Cheung: Nun, es gab Leute, die bedauerten mich und sagten: "Oh Gott, mit dem willst du einen Film machen, mit diesem aufgeblasenen Widerling?" Als wir dann aber mit den Dreharbeiten anfingen, war er sehr sympathisch. Er hat seine Arbeit als Darsteller sehr ernst genommen und viel gegeben. Ich habe nicht den Eindruck, dass er nur auf Geld aus ist, auf Ruhm, und alles andere ihm egal wäre. Er hat ja bisher nicht viele Filme gemacht, da er als Sänger ständig auf Tour ist.

Aber mir machte die Arbeit Spaß mit ihm. Er war richtig nett und galant zu mir. Ich glaube, die meisten kennen ihn gar nicht richtig. Ich glaube, er hat kaum wirkliche Freunde, denn er ist viel zu berühmt und viel zu sehr mit seiner Karriere beschäftigt.

Und dann ist es ihm wohl selten passiert, dass ihm jemand, wie ich es getan habe, auch frei heraus die Meinung sagt, zum Beispiel wenn ein Song von ihm grausig war. Diese Art von ehrlicher Freundschaft war für ihn selten, wie er sagte.

Frage: Das ähnelt ja auch ein bißchen der Figur, der Qiao, der Sie im Film verkörpern.

Maggie Cheung: Ja, und das stimmt. Auch außerhalb des Sets war unser Verhältnis ein wenig wie im Film. Ich habe ihm gesagt, wo es lang geht. Ich war sozusagen der Chef. Allein schon vom Alter her: ich war damals 32 Jahre, und er 30. Aber das ist nicht der Grund, warum ich ihn mag. Nein, es ist vielmehr, weil er sich etwas Jungenhaftes bewahrt hat. Teils wirkte er auf seine Weise hinreißend naiv. Und was mich so sehr überraschte, dass er richtig dankbar war, wenn ich ihm meine Meinung sagte. Er frage mich oft nach meiner Meinung, über seinen Auftritt oder sonst etwas. Unser Verhältnis in der Realität und im Film, das war tatsächlich sehr ähnlich.

Frage: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie bisher erreicht haben? Was sind die Pläne für die Zukunft?

Maggie Cheung: Ich bin heute an einem Punkt, wo ich die Dinge laufen lassen kann, fast wie nach Zufall. Ich lehne es ab, mein Leben durchzuplanen. Ich möchte vielmehr offen sein für die Dinge, die auf mich zukommen. Ich bin auch gar nicht der Typ dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe nicht diesen Ehrgeiz. Niemals würde ich, wenn es mal nicht so liefe mit den Angeboten, etwa nach Hollywood gehen und allen Agenten die Tür einrennen. Mir ist es lieber, die Dinge stellen sich von selbst ein, und ich kann dann in Ruhe wählen.

Aber ich bin auch zufrieden, wenn ich kein Projekt auf dem Tisch habe. Ich genieße die freie Zeit. Dann mache ich das, woran ich Spaß habe: Reisen beispielsweise. Das ist für mich sehr wichtig geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, ständig an einem Ort zu leben. Reisen inspiriert mich, gibt mir neue Ideen, neue Einsichten. Das müssen gar keine großartigen intellektuellen Erfahrungen sein. Allein die Art, wie Menschen leben, fasziniert mich. Oder der Klang einer fremden Sprache - phantastisch. Das interessiert mich.

Dirk Jasper FilmLexikon
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