Interview mit Manuela Stehr
Manuela Stehr Manuela Stehr ist die Produzentin des Films Väter

Frage: Ist Väter vom Verlauf der Geschichte her eine deutsche Version von "Kramer gegen Kramer"?

Manuela Stehr: Es gibt zwar ein paar Parallelen, aber im Großen und Ganzen nicht. Denn im Gegensatz zu "Kramer gegen Kramer", wo es damit anfängt, dass die Beziehung auseinander bricht und nicht wirklich erklärt wird, warum und weshalb, geht es in Väter ja ganz wesentlich auch darum, was mit dieser Beziehung eigentlich los ist, und wie es dazu kommen kann, dass zwei Menschen, die eigentlich super zueinander passen, sich sehr lieben und Spaß miteinander haben, obwohl sie schon so lange verheiratet sind, ziemlich blöde Fehler machen, die schließlich dafür sorgen, dass diese Beziehung auseinander bricht.

Frage: Gab es beim Drehen ein grundlegendes Einverständnis innerhalb des Teams über die ?Tendenz? des Films, oder wurde zum Beispiel auch darüber diskutiert, ob Marco eher im Recht ist oder eher Melanie?

Manuela Stehr: Das lässt sich gar nicht vermeiden! Es ging ganz wüst hin und her, und aus allen Ecken sind plötzlich Erfahrungen und Geschichten an den Tag gekommen, in denen deutlich wurde, dass diese Story irgendwie jeden angeht, und auch jeder wahnsinnig parteiisch war. Ich möchte aber noch mal betonen, dass es uns bei diesem Film nie darum ging, die eine Seite ?gut? und die andere ?böse? zu zeigen. Natürlich wollten wir die Perspektive des Vaters einnehmen, aber auch die Situation der Mutter verständlich und nachvollziehbar machen, d.h. die Grauzonen der Wirklichkeit ausloten.

Frage: Hat bei Ihrem Engagement für dieses Projekt auch eine Rolle gespielt, dass Fragen des Sorgerechts gerade in den letzten zwei, drei Jahren breit und öffentlich diskutiert worden sind, und sich ja auch juristisch einiges geändert hat?

Manuela Stehr: Wir haben eigentlich erst nach der Entscheidung, dass wir diesen Film machen wollen, im Hinblick auf die Buchentwicklung wirklich recherchiert, wie die aktuelle rechtliche Situation aussieht. Das Interessante daran ist, dass eigentlich alles geklärt ist, in der Praxis aber trotzdem absolutes Chaos herrscht. Vor wenigen Jahren haben wir ein gleichberechtigtes Sorgerecht bekommen. Darin sind auch die Eckdaten für das Umgangs- und Besuchsrecht für das Elternteil geklärt, das nicht mit dem Kind zusammenwohnt. Es ist eigentlich vom Gesetz her klar geregelt, dass der andere Ehepartner das gemeinsame Kind regelmäßig nach Wunsch sehen kann. Der Alltag aber sieht ganz anders aus. Der Partner, der das Kind bei sich hat, und das ist im Regefall die Mutter, hat unzählige Möglichkeiten, die Ausübung dieses Rechts zu hintertreiben und das passiert eben sehr oft. Noch dramatischer ist die Situation bei Eltern, die nicht verheiratet sind. Hier kann die Mutter, wenn sie will, von Geburt an das Sorgerecht für sich alleine beanspruchen.

Letztlich geht es in Väter auch darum zu schauen, wie es Menschen schaffen - oder viel häufiger leider nicht schaffen ? in Trennungssituationen anständig miteinander umzugehen.

Frage: Wie ist das Projekt entstanden?

Manuela Stehr: Die ursprüngliche Idee kam von Günther Rohrbach und Matthias Matussek, ausgehend von einem Spiegel-Titel Matusseks (Die vaterlose Gesellschaft, Spiegel 47/1997), in dem er sehr deutlich und zugespitzt dargelegt hat, dass das Sorgerecht für Väter im Trennungsfall schlecht geregelt ist. Was heißt das? Ein Vater, dem etwas an einem regelmäßigen Kontakt mit seinem Kind liegt, hat sehr schlechte Karten, wenn die Mutter dabei, aus was für Gründen auch immer, nicht mitspielen will. Rohrbach verfolgte das Projekt einige Zeit und wollte es im Rahmen von Senator produzieren - mit X Filme als ausführendem Co-Produzenten und Dani Levy als Regisseur. Dabei arbeitete er mit der britischen Autorin Rona Munro zusammen, von der auch das Buch zu Aimée und Jaguar stammt.

Die weiteren Buchfassungen, die dann von Dani Levy geschrieben wurden, verfolgten den Ansatz, die Polarisierung auf den Vater als Opfer etwas zu entschärfen, um auch differenzierter auf die Situation der Mutter und damit auf die Lebensumstände einer jungen Familie im Ganzen eingehen zu können. Nachdem Senator das Projekt zur Förderung eingereicht hatte, es aber abgelehnt wurde, haben wir es im Mai vergangenen Jahres übernommen. Da wir ein Kind in der Hauptrolle hatten, standen wir nun vor dem Problem, nur in den Sommerferien drehen zu können. Konkret bedeutete das, entweder in zwei Monaten loszulegen oder ein ganzes Jahr zu warten. Da wir jedoch fanden, dass mit dieser Geschichte wirklich etwas in der Luft lag, und wir den Film unbedingt machen wollten, war die Entscheidung klar.

Frage: Sie haben den Film dann tatsächlich im Sommer 2001 gedreht. Heißt das auch, Sie haben ihn ganz ohne Förderung realisiert?

Manuela Stehr: Zumindest ohne Projektfördermittel. Wir haben Referenz-Mittel aus anderen Filmen eingesetzt. Darüber hinaus wurde das Projekt durch Eigenmittel von X Filme und einer Verleih-Garantie von X Verleih, sowie durch Rückstellungen vom Team und der Darsteller finanziert.

Frage: All das ließ sich aber nur realisieren, indem Sie die Dimensionen des ursprünglichen Projekts reduziert haben. Was genau bedeutete das?

Manuela Stehr: Wir waren sicher, dass man das Wesentliche dieser Geschichte auch viel ?unaufwendiger? und ?konzentrierter? würde transportieren können, als es ursprünglich geplant war. Und wir waren überzeugt, dass eine solche Forcierung dem Projekt sogar zugute kommen würde.

Frage: Väter wurde digital gedreht. Wie kam diese Entscheidung zustande?

Manuela Stehr: Das Drehen mit DV eröffnet einem bei bestimmten Projekten die Möglichkeit, viel intensiver mit den Schauspielern zu arbeiten. Vor allem lässt sich allein durch die Tatsache, dass man nicht immer mit diesen gigantischen Kameras, diesem gigantischen Team und diesem gigantischen Equipment unterwegs ist, eine ganz andere Nähe aufbauen. Die Erfahrungen mit Väter haben mich jedenfalls überzeugt, dass man auf diese Weise sehr viel unverstellter das Wesentliche bei bestimmten Szenen einfangen kann als bei einem konventionellen Dreh. Hier hatten wir einfach das Glück, dass bestimmte Überlegungen, die uns ungünstige Bedingungen aufgezwungen haben, genau zusammenpassten mit bestimmten inhaltlichen und ästhetischen Erwägungen, denen wir gerade sowieso nachgingen. Das soll nicht als grundsätzliches Plädoyer für DV missverstanden werden, aber bei diesem Projekt lagen wir absolut richtig damit.

Dirk Jasper FilmLexikon
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