Interview mit Marco Petry

"Das Problem ist, dass man immer hin- und hergerissen ist, ob man gerade wirklich die richtige Entscheidung für den eigenen Lebensweg trifft."

Marco Petry ist der Regisseur von Die Klasse von '99; ein Film, der zum Nachdenken über Freundschaft anregen soll.

Frage: Dein erster Film Schule war gleich ein großer Erfolg. Was ist beim zweiten Film einfacher - und was ist schwieriger?

Marco Petry: Einfacher ist natürlich, dass man eine größere Routine und Selbstsicherheit hat. Ich habe an den ersten Drehtagen von Die Klasse von ´99 doch anders am Set gestanden, als bei Schule. Ich hatte einfach nicht mehr so extrem das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Andererseits ist es schwieriger, weil ich mich natürlich auch weiterentwickeln und toppen möchte. Damit wachsen natürlich Ansprüche und Selbstkritik.

Frage: Könnte Die Klasse von '99 nicht einfach "Nach der Schule" heißen?

Marco Petry: Theoretisch ja - thematisch verwandt sind die Filme schon.

Frage: Es geht wieder um das Phänomen "Erwachsenwerden". Was fasziniert dich daran?

Marco Petry: Das ist im Moment einfach noch mein Thema, weil ich viel beobachtet habe. Bei Freunden und natürlich bei mir selbst.

Frage: Zu Schule hast du gesagt, du seiest bei dem Film viel Persönliches losgeworden. Gilt das auch für Die Klasse von '99?

Marco Petry: Bestimmt. Es gibt hier zwar nicht eine Clique, die - wie bei Schule mein eigener Freundeskreis hätte sein können. Ich habe mich sehr auf die Handlung und Einzelpersönlichkeiten fokussiert und deshalb ist Die Klasse von '99 vielleicht nicht ganz so persönlich geprägt - die Thematik aber ist es.

Frage: Wie gut kennst du das Kleinstadtmilieu, in dem der Film spielt?

Marco Petry: Sehr gut. Ich bin selbst in einer kleinen Stadt in der Nähe von Aachen aufgewachsen. Zwei Jahre nach der Schule bin ich zum Studieren nach München gegangen. Was ich in diesem Film beschreibe bezieht sich vor allem auf die Beobachtungen, die ich dann noch zuhause angestellt habe.

Frage: Was ist das besondere an der Lebensphase, die du in diesem Film beschreibst?

Marco Petry: Was für mich das Interessante ist - und worum es hauptsächlich geht - sind die inneren Konflikte, die man in dieser Zeit mit sich herumträgt. Es ist eine Zeit, in der Entscheidungen getroffen werden und getroffen werden müssen. Und das Problem ist, dass man immer hin- und hergerissen ist, ob man gerade wirklich die richtige Entscheidung für den eigenen Lebensweg trifft. In Die Klasse von '99 spielt auch noch der Zwiespalt eine wichtige Rolle, ob ich in der Kleinstadt bleibe und vielleicht das bequeme Lebensmodell meiner Eltern übernehme. Oder lasse ich mich auf etwas ganz Neues und viel Unsichereres ein.

Frage: Für Felix gibt es noch den Zwiespalt, seine Ausbildung bei der Polizei zu gefährden, weil er Sören bei seinen illegalen Drogengeschäften hilft. Warum lässt er sich darauf ein?

Marco Petry: Weil er sich bezüglich der Polizeikarriere noch nicht so sicher ist. Und weil er noch bestrebt ist, die Harmonie innerhalb dieser Clique und speziell mit Sören zu erhalten. Obwohl er schon sieht, wie diese Gruppe immer mehr auseinander driftet. Es ist - hoffe ich - ein sehr nuanciertes Hin und Her, was er den gesamten Film hindurch durchlebt.

Frage: Er durchlebt dazu eine Dreiecksgeschichte mit Simona und Sören ...

Marco Petry: Eine Dreiecksgeschichte ist das nicht wirklich. Es ist ein Sub-Plot - das ist mir ganz wichtig. Mir geht es in erster Linie um Felix' inneren Konflikt und den Konflikt, den er mit Sören hat. Simona ist ein Teil davon. Ein bedeutender - aber nicht bedeutend genug, um den Film zur Dreiecksgeschichte zu machen.

Frage: Sind Freundschaften in diesem Alter wichtiger als irgendwann sonst im Leben?

Marco Petry: Vielleicht - aber letztendlich geht es in dem Film erst mal generell um die Frage: Was ist Freundschaft? Woraus besteht die? Ich habe da selbst gar keine Antwort. Ich versuche, während des Films darüber nachzudenken. Die Freundschaft zwischen Felix und Sören jedenfalls ist am Ende nicht mehr die, die sie mal war. Die gemeinsamen Jahre auf der Schule und die Erlebnisse dieser Zeit haben sie zusammengekittet. Aber das ist jetzt eben vorbei.

Frage: Warum muss Felix am Ende die Stadt wieder verlassen?

Marco Petry: Weil er festgestellt hat, dass er dort nicht glücklich wird. Jedenfalls nicht so, wie früher. Wobei nicht sicher ist, ob er woanders glücklich werden kann - aber für ihn ist jetzt klar, dass er diesen Weg gehen muss.

Frage: Du hast für das Projekt Die Klasse von '99 extra eine Produktionsfirma gegründet. Warum?

Marco Petry: Ich wollte es einfach ausprobieren weil ich mir vorstellen kann, in Zukunft auch Filme zu produzieren. Stoffe zu entwickeln und andere Leute zu entdecken und zu fördern.

Marco Petry, Regisseur von 'Die Klasse von '99'
Marco Petry, Regisseur von 'Die Klasse von '99'

Dirk Jasper FilmLexikon

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