Interview mit Maria Schrader

"Ich springe rein, mit allem was ich habe, vom ersten Moment an."

Maria Schrader ist die Hauptdarstellerin der 'Melanie Krieger' in dem deutschen Beziehungsdrama Väter.

Frage: Was läuft eigentlich schief in der Beziehung zwischen Melanie und Marco?

Maria Schrader: Nicht viel. Marco würde bestimmt sagen: Gar nichts! Und auch Melanie würde wahrscheinlich nicht zugeben, dass sie etwas vermisst. Weil sie es selbst nicht wahr haben will. Sie liebt Marco und sie weiß, dass er sie ebenso liebt. Sie führen das Leben, das sie sich ausgesucht haben, mit Haus und Kind und zwei Berufen. Sie weiß, wie gut es ihr geht, welches Recht hätte sie, sich zu beklagen? Und trotzdem fehlt ihr etwas, ist ihr etwas abhanden gekommen.

Marco ist auf dem Sprung, Karriere zu machen. Seine Leidenschaft und Zeit konzentriert sich auf die Arbeit. Und Melanie ist diejenige, die wie Millionen von anderen Frauen den Spagat zwischen Beruf und Familie vollbringen muss, denn für Benny ist sie mehr oder weniger allein verantwortlich. Das wirft sie Marco aber nicht vor. Dazu ist sie zu stolz und zu modern, um sich selbst als ein Opfer solcher Klischees zu beschreiben. Ich denke, Melanie leidet mehr darunter, dass diese Aufteilung schon längst eine Selbstverständlichkeit für Marco geworden ist. Dass er anscheinend gar nicht mehr wahrnimmt, wie sehr sie ihm damit hilft.

Sie vermisst seine Aufmerksamkeit, sein Interesse, seine Fürsorge. Sie sehnt sich nach diesen kleinen Zeichen, Momenten, die man nicht einfordern kann, weil sie Geschenke sind, die man aber braucht, um sich geliebt zu fühlen.

Frage: Ist nicht aber dieser Schritt, wo Melanie ihre Sachen packt, sich den Sohn schnappt und unter Polizeischutz aus dem gemeinsamen Haus auszieht eine, sagen wir, überzogene Reaktion?

Maria Schrader: Melanie ist eine prizipiell sehr großzügige Person. Sie ist wirklich nicht kleinkariert, wünscht Marco den Erfolg und stärkt ihm wie gesagt den Rücken, indem sie die Verantwortung für den Familienalltag übernimmt.

Ich glaube, sie liebt ihn auch gerade für die Energie und den Enthusiasmus, mit dem er sich in seinen Beruf stürzt. Aber gleichzeitig hat sie Angst, für Marco zu einem bloßen Nebenschauplatz zu werden, bei seinem Tempo auf der Strecke zu bleiben und vielleicht irgendwann sogar seine Liebe zu verlieren. So eine Angst schleicht sich ein, macht sich breit, und man fühlt sich verletzlich und unsouverän, ohne wirklichen Anlass zu haben. Der Mann kriegt davon nichts mit, weil man sich lächerlich vorkommt und deswegen den Mund hält. Marco gibt sich auch keine große Mühe, genauer hinzuschauen.

Melanie wird empfindlich, jede Kleinigkeit fällt ins Gewicht, und irgendwann sind alle Reserven von Gelassenheit und Selbstbewusstsein aufgebraucht, und sie sieht keinen anderen Weg mehr als Marco zu verlassen. Er fällt aus allen Wolken und schlägt in seiner Hilflosigkeit zu. Und plötzlich stehen sie wie Fremde voreinander. Sie tun sich Dinge an, die sie Augenblicke vorher noch für unmöglich gehalten hätten.

Frage: Das klingt sehr zwangsläufig.

Maria Schrader: Nein, eigentlich kämpfen sie richtig gegen die Zwangsläufigkeit der Kinodramaturgie, wo der Verlauf von Konflikten vorprogrammiert ist. Die Unsicherheit, die dich im wirklichen Leben ja auch zweifeln und zaudern lässt, teilt sich ständig aus Marcos und Melanies Verhalten mit. Jede Situation bietet so viele Möglichkeiten, sich zu verhalten. Man verfolgt zwei Leute, die alles richtig machen wollen, aber oft nicht wissen wie. Immer wieder kommen Marco und Melanie an bestimmte Weichen, und der Zuschauer erlebt mit, wie gedankenlos und instinktiv emotionale Entscheidungen gefällt werden und wie beide vielleicht um Haaresbreite ihr Glück verpassen.

Frage: Die erste Weiche, die im Film überfahren wird, ist diese Geschichte, wo Marco vergisst, die Medikamente für Benny mitzubringen, weil tagsüber im Büro so viel passiert ist, es war der Tag der Entscheidung über sein erstes großes Projekt ...

Maria Schrader: Es geht doch nicht um das Medikament. Dass Marco vergisst, die Antibiotika mitzubringen, ist für Melanie sicher nicht der Grund, warum sich ihre Probleme zuspitzen ? selbst wenn das schon fünfundzwanzig mal passiert wäre. Das Problem liegt eher darin, was hiermit zum Ausdruck kommt, nämlich dass Marco mit seinem Kopf und mit seinem Herzen einfach nicht da ist.

Irgendwie sperrt er sie damit auch ein in diese demütigende Rolle der Ermahnerin, immer zu sagen, kannst du nicht mal bitte, würdest du nicht, hast du nicht ... Es gefällt ihr selbst nicht, dass sie immer die Logistik und die Organisation im Blick haben muss. Sie sehnt sich eigentlich nur danach, jemanden zu haben, der wenigstens hin und wieder schneller ist als sie selbst und ihr den Luxus bereitet, auch mal nachlässig sein zu dürfen.

Frage: Eine weitere Weiche ist dieses Paar-Spiel bei der Hochzeitsfeier, wo einer raten muss, was der andere in einer bestimmten Situation gesagt hat.

Maria Schrader: Am Tag vorher gab es eine große Auseinandersetzung, nachdem Marco versprochen hatte, Benny vom Kindergarten abzuholen und es einfach nicht getan hat. Melanie ihn in einer Weise angiftet, wie sie es vorher wahrscheinlich noch nie getan hat. Das war für ihn schmerzhaft, aber ich glaube, für sie war es noch schmerzhafter. Auf der Hochzeitsfeier kommen sie sich wieder nahe und versöhnen sich zärtlich. Und dann gibt es eben dieses blöde Spiel, wo Marco ausgerechnet jenen schlimmen Moment des vergangenen Tages öffentlich macht.

Das Tolle an dieser Situation ist, dass ich mich in beide absolut hinein versetzen kann: Ich verstehe, was Marco tut, denn in dem Moment, wo er es zum Spiel macht, zeigt er ja auch, dass es vergessen ist - nach dem Motto "Lass uns drüber lachen, lass uns einen trinken, und lass die anderen mitlachen". Für Melanie dagegen ist das ein wahnsinniger Verrat. Sie fühlt sich extrem von ihm bloßgestellt. Er führt sie mit etwas vor, wofür sie sich gerade aus tiefstem Herzen entschuldigt hat, und das macht sie völlig unfähig, damit umzugehen.

Frage: Wie haben Sie Szenen erarbeitet? Stand der genaue Verlauf beim jeweiligen Drehbeginn fest? Reden wir zum Beispiel von der Szene, in der Melanie die Polizei holt ...

Maria Schrader: Das ist eine Szene, in der zwei Leute einfach aus der Kurve geworfen werden. Eine Kette von Kurzschlusshandlungen, eine Situation läuft aus dem Ruder. Melanie hat Angst, denn Marco hat sie das erste Mal wirklich geschlagen. Sie hält ihn in diesem Moment für unberechenbar, so wie sie selbst unberechenbar ist. Dass sie die Polizei holt, ist wie eine ferngesteuerte Handlung, wie Hilfe aus dem Fernsehen. Sie selbst betrachtet die beiden Polizisten ungläubig, die sie da in ihre eigene Küche geholt hat.

Das gefällt mir: Im Drehbuch steckte in dieser Szene eine viel größere Überlegtheit von ihr. So wie die Situation dann beim Drehen entstanden ist, verstehen Melanie und Marco selbst nicht, was sie da tun, und sie tun es trotz aller Rage des Augenblicks auch mit einem großen Staunen über sich selbst. Ich glaube, das versetzt auch den Zuschauer in einen emotionalen Stress. Aber warum sollte es ihm besser gehen als uns?

Frage: Inwiefern spielte dabei eine Rolle, dass digital gedreht wurde?

Maria Schrader: Das war sehr wichtig. Keine Proben, kein Kräfte aufteilen, kein wirklicher Plan. Sobald ich mit dem Dialog beginne und meinem Partner das erste Mal in die Augen schaue, wird schon gedreht. Das bedeutet, ich springe rein, mit allem was ich habe, vom ersten Moment an, und hab keine Ahnung, wo ich damit lande.

Maria Schrader. Foto: Players
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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