Interview mit Maria Schrader

"Sie ist eine sehr menschenfreundliche Regisseurin."

Maria Schrader spielt in dem deutschen Kinodrama Rosenstraße die Hauptrolle der Hannah.

Frage: Bei Rosenstraße haben Sie erstmals mit Margarethe von Trotta zusammengearbeitet. Wie verlief die Begegnung mit dieser international so renommierten Regisseurin?

Maria Schrader: Margarethe von Trotta war keinen Augenblick lang distanziert oder abwartend. Ich habe mich von Anfang an sehr willkommen gefühlt! Ihre Freude, dass dieser Film nach so vielen Jahren endlich gedreht werden konnte, war sehr ansteckend. Ich glaube, sie hätte nicht die Geduld aufgebracht, für dieses Projekt so lange zu kämpfen, das Buch immer wieder umzuschreiben, wenn sie nicht genau gewusst hätte, wie und warum sie es machen will. Und so eine Kraft und Inspiration spürt man ja sofort. Das verleiht ihr als Regisseurin eine ganz selbstverständliche Autorität, der man vertraut. Weil es ehrlich ist. Weil sie sich nicht verstellt.

Frage: Was zeichnet ihre Arbeitsweise aus?

Maria Schrader: Sie ist eine sehr menschenfreundliche Regisseurin. Sie nutzt ihre Macht nicht aus. Niemand braucht Angst zu haben. Ich habe es immer wieder erlebt, dass sie Schauspieler an der Schulter nimmt, um die Ecke führt und ihre Anweisungen in einem privaten Zwiegespräch gibt. Das ist sehr respektvoll. Sie kann einem auch um den Hals fallen vor Glück, wenn etwas gelungen ist oder sie berührt hat.

Manchmal hat man das Gefühl, dass Frauen eine Überdosis an Autorität brauchen oder zu brauchen glauben, weil die Regie immer noch so eine wahnsinnige Männerdomäne ist. Manchmal glaubt man es den Frauen anzumerken, dass sie einen jahrelangen Kampf hinter sich haben und wahrscheinlich könnte auch Margarethe von Trotta eine Geschichte dazu erzählen. Und dennoch schafft sie es, sehr unangestrengt in ihrem Stuhl zu sitzen.

Frage: Ist Rosenstraße ein Frauenfilm geworden?

Maria Schrader: Weil er hauptsächlich von Frauen handelt? Oder weil eine Frau ihn gemacht hat? Vielleicht. Aber ist Roman Polanskis Film Der Pianist denn ein Männerfilm?

Frage: Welche Rolle spielen Sie in Rosenstraße?

Maria Schrader: Hannah ist eine us-amerikanische Jüdin, die in ihrem Elternhaus deutsch spricht und mit einem Südamerikaner verlobt ist. Der plötzliche Tod des Vaters verändert ihre Mutter zu einer verschlossenen und fremden Person. Hannah reist nach Berlin, um etwas über die Kindheit ihrer Mutter zu erfahren, von der sie bis jetzt nichts weiß.

Frage: Was für eine Funktion übernimmt diese Hannah bezüglich der Handlung von Rosenstraße?

Maria Schrader: Obwohl ich im Film mitspiele, habe ich immer wieder das Gefühl, eigentlich schaue ich zu. Hannah ist die Zuschauerin oder die Zuhörerin dieser Geschichte. Sie rückt von sich und ihrem eigenen Leben weg und versinkt in den Erzählungen der alten Lena. Im Kopf ist Hannah viel mehr in den 40er-Jahren und kommt an diese Orte im heutigen Berlin, wo die Jungs zum Beispiel Tischtennis spielen. Sie versucht, die damaligen Ereignisse mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen. Sie ist wie eine Art Weiche zwischen dem Damals und dem Heute, weil beides so stark auf sie einwirkt.

Frage: Doch nicht nur die Schauplätze werden gegenüber gestellt ...

Maria Schrader: Nein, der Film schließt auch einen Ring um die Generationen. Rosenstraße beginnt mit dem Tod des Vaters, und doch ist das nur der Auslöser für eine ganz andere Geschichte. Am Anfang weiß man überhaupt nicht, wohin das alles führt. Die Menschen, die 30 sind und jene, die 80 sind - sie stehen in einem großen Zusammenhang miteinander und beeinflussen sich mehr, als sie denken. Das finde ich schön, auch ein bisschen spirituell. Dadurch löst sich der Film auch von der rein historischen Geschichte um die Rosenstraße im Dritten Reich.

Frage: Sie haben sich auch schon in der Vergangenheit für historische beziehungsweise politische Stoffe interessiert.

Maria Schrader: Ich habe zwei Filme gedreht, die um dieses Thema kreisen: Meschugge und Aimée & Jaguar. Es ist anscheinend kein Zufall, dass immer wieder Geschichten, die dort ihre Wurzeln haben, auch als Filme realisiert werden können. Im Krieg werden aus mittelmäßigen Biographien sehr schnell unglaubliche Schicksale. Menschen wurden gezwungen, riesige Entscheidungen zu treffen, über sich selbst hinauszuwachsen. Das hat eine große Dramatik, wie geschaffen fürs Kino.

Frage: Wie kamen Sie an Bord dieses aufwändigen Kinoprojekts?

Maria Schrader: Das weiß ich nicht genau. Ich glaube, Margarethe von Trotta wollte am Anfang für die Hannah eine us-amerikanische Schauspielerin suchen. Bis ihr Pamela Katz, die ja selbst New Yorkerin ist, und die ich aus anderen Zusammenhängen kenne, erzählt hat, dass mein Englisch brauchbar wäre. Daraufhin haben wir uns dann zu dritt getroffen. Möglicherweise würde Margarethe von Trotta das etwas anders schildern, ich jedenfalls habe zum ersten Mal über Pamela Katz von diesem Projekt gehört.

Frage: Was gab letztlich den Ausschlag, die Rolle der Hannah zu übernehmen?

Maria Schrader: Für mich ist das immer eine instinktive Entscheidung. Das Buch habe ich mit Neugier gelesen, ich wusste nichts von der Geschichte der Rosenstraße. Ich fand es auch spannend, im Gegensatz zu Aimée & Jaguar eine zeitgenössische Figur zu spielen, die keine Angst um ihr Leben haben muss, die von nichts bedroht wird. Allein durch ihr Mitgefühl betrachtet sie die Stadt und das Leben um sie herum auf einmal mit neuen Augen.

Maria Schrader. Foto: Players
Filmplakat

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