Interview mit Maria Schrader

"Reizvoll fand ich das, wovor ich auch am meisten Angst hatte."

Maria Schrader spielt die weibliche Hauptrolle in dem deutschen Kinodrama Schneeland.

Frage: Seit Aimeé und Jaguar sind Sie mit einer ganzen Reihe von Filmen immer wieder in die Vergangenheit eingetaucht. Welche Kraft können diese alten Geschichten für heute entwickeln?

Maria Schrader: In Rosenstraße und Schneeland bin ich ja beide Male eine Zuschauerin aus der Jetztzeit, jemand, der sich aufsaugen lässt, vom Schicksal der anderen, im Unterschied zu Meschugge, in dem ich viel stärker selbst betroffen war. In Rosenstraße und Schneeland hat es eine geradezu reinigende Wirkung vom Schicksal eines anderen eingenommen zu werden, die Intensität eines anderen Lebens so in sich aufzunehmen, dass sie einen verändert und kräftigt.

Durch Inas Lebensgeschichte findet Elisabeth ihre Kraft wieder, nicht nur weil ihr Schicksal auf den ersten Blick so viel grausamer ist, sondern auch, weil sie sich plötzlich in Gesellschaft befindet, eine Seelenverwandtschaft zu jemandem erkennt, der in einer ganz anderen Zeit, zu ganz anderen Bedingungen und mit ganz anderen Schwierigkeiten gelebt hat. Sie kann sich aus ihrer Einsamkeit befreien, weil sie sich plötzlich als Teil eines Größeren empfindet, auf eine fast religiöse Weise.

Nachdem Elisabeth die erste Nacht, in der sie sterben möchte, überlebt, denkt sie gar nicht mehr darüber nach, was ihr nächster Schritt ist. Ihre Ziellosigkeit treibt sie einfach weiter, sie wacht wieder auf, geht nicht mehr ganz so verzweifelt und viel zu erschöpft, um Entscheidungen zu treffen los und stößt auf dieses Haus, diese alte tote Frau, in deren fremdem Leben sie dann zu hausen beginnt. Für sie ist es eine schicksalhafte Begegnung, dass sie gerade an diese verschneite Hütte gerät.

Frage: Dabei wird diese Geschichte für Elisabeth als Schriftstellerin ja auch zur literarischen Inspiration.

Maria Schrader: Das finde ich sehr wichtig, und eigentlich bahnt sich das ja auch schon viel eher an, als es jetzt im Film ausgesprochen wird, wenn sie sagt "Ich werde Deine Geschichte aufschreiben. Ich werde sie Deinem Sohn erzählen. Ich werde sie überhaupt allen erzählen." In diesem Moment entsteht mit der Aufgabe, dem Plan, den sie fasst, ja auch ganz konkret ihre Zukunft, die Möglichkeit zur Heimkehr.

Frage: Es gibt derzeit eine ganze Reihe von Filmen, die das Verhältnis von Realität und Fiktion, von Inspiration und künstlerischem Werk thematisieren, The Door In The Floor beispielsweise, oder der neue Film von Wong Kar Wei, 2046.

Maria Schrader: Es ist großartig, wenn man als Zuschauer, egal, ob es sich dabei um einen Film, ein Theaterstück, eine Ausstellung oder eben ein reales Erlebnis handelt, solche Initialerlebnisse hat. Das bringt mich dazu etwas neu zu überdenken oder etwas Neues anzufangen, und genau das passiert innerhalb dieses Films mit Elisabeth. Sie wird durch ein eigenes, starkes Erlebnis an diesen Ort gespült und dort von sich selbst und ihrem Schicksal abgelenkt.

Sie sieht etwas anderes, dass sie verändert. Es ist fast so, als würde die tote Frau im Schnee darauf warten, von ihr begraben zu werden, als würden diese Bücher darauf warten, von ihr gelesen zu werden. Indem sie Inas Geschichte aufschreibt und weitergibt, führt sie sie auch in etwas anderes über, so entsteht aus dem Leid der beiden eine neue positive Kraft.

Frage: Was hat Sie an der Rolle besonders interessiert?

Maria Schrader: Reizvoll fand ich das, wovor ich auch am meisten Angst hatte: Die Trauer, die Einsamkeit, zehn Tage alleine spielen, und im Grunde nur die Landschaft als Partner haben und eine imaginäre Person. Ich habe noch nie einen Film gemacht, in dem die Landschaft eine so wichtige Rolle spielt, dieses Verlorensein in der Weite, dieses sich Verirren, den Naturgewalten und der Kälte so ausgesetzt zu sein, was ja auch etwas sehr Tröstendes hat. Das habe ich beim Drehen noch nie empfunden, bisher hatte ich es ja immer mit diesen stadtneurotischen Geschichten zu tun. Ich habe die Landschaft wirklich wie einen Partner empfunden und das sehr genossen.

Frage: Inwiefern haben Sie dieses harsche, eisige Land als tröstend wahrgenommen?

Maria Schrader: Es gibt diesen Moment, in dem Elisabeth allein in der Schneegrube sitzt und es nicht schafft, sich einfach nur ruhig hinzulegen, um zu sterben. Sie stapft durch den Schnee, und irgendwann sinkt sie in die Knie und nimmt plötzlich wahr, wie schön die Welt ist. Das war tatsächlich ein Moment, in dem auf der einen Seite die Sonne unterging, und auf der anderen der Mond auf. Da entstand aus der bedrohlichen Weite eine unglaubliche Schönheit, und plötzlich hatte die Weite auch etwas sehr Beruhigendes. Man konnte sie so und so betrachten, schrecklich und schön zugleich.

Frage: Bisweilen erinnerten diese Szenen mit der Leiche auch an Tom Hanks, der in CASTAWAY auf der einsamen Insel einen Ball zum Gefährten macht. Hanks hat damals erzählt, dass er es für ihn sehr befreiend war, weitgehend ohne Sprache zu agieren. Können Sie das nachempfinden?

Maria Schrader: Absolut, obwohl Elisabeth ja immer noch sehr viel spricht, mit sich selbst und imaginär mit der toten Ina. Normalerweise lassen sich Schauspieler nur ungern ihre Texte streichen, aber ich habe immer dafür plädiert, noch mehr Text wegzunehmen, weil die stummen Momente oft viel stärker sind. Das macht mir keine Angst, ich habe immer schon davon geträumt, mal einen Stummfilm zu machen. Im Gegenteil, es ging mir eher so, dass ich es schwieriger fand, alleine zu sein und trotzdem zu reden, weil ich normalerweise nicht mit mir selbst spreche.

Frage: Sie haben kurz hintereinander mit Margarete von Trotta und Hans W. Geißendörfer gearbeitet, die beide einer anderen Generation deutscher Filmemacher angehören. Haben Sie Unterschiede zu den Jüngeren wahrgenommen?

Frage: Beide Regisseure waren in ihren Geschichten sehr stark auf der Suche nach Gefühlen, nach einem rückhaltlosen Gefühlskino. In beiden Filmen habe ich mich manchmal nach ein bisschen Ironie gesehnt, nach einem anderen Ton oder der Möglichkeit, etwas mehr um die Ecke zu spielen, anstatt so geradeaus mitten rein ins Gefühl zu gehen. Vielleicht ist das eine Generationenfrage, wie man das Leiden zeigt, wie viel Unglück man ertragen kann oder zumuten möchte, beide Filme erzählen ja schwere Geschichten.

Als Schauspieler muss man da dem Regisseur oder der Regisseurin vertrauen und ich habe mit Margarete und Hans recht ähnliche Erfahrungen gemacht. Beide sind sehr Schauspieler freundliche Regisseure, aber auf ihrem Weg ganz kompromisslos. Auf jeden Fall sind ihre Arbeitsweisen ähnlich, da passiert nichts unvorbereitetes, unkontrolliertes, es herrscht große Konzentration am Set, es wird geprobt und geführt, sehr klassisch eben, ohne Chaos.

Frage: Sie haben selbst eine Tochter. Was geht da in Ihnen vor, wenn Sie eine Mutter spielen, die ihre drei Kinder verlässt?

Maria Schrader: Das ist tatsächlich extrem, darüber haben wir sehr viel gesprochen. Ich glaube, dass Elisabeth keine freie Entscheidung trifft, es ist eher zwanghaft, was sie tut. Sie ist von ihrem Mann abhängig und hat im Leben und als Mutter kein großes Selbstbewusstsein. Im Film wird nur angedeutet, dass sie schwierige Zeiten hinter sich hat und auf die Hilfe von Mann und Schwester angewiesen ist.

Sie ist ein bedürftiges Wesen, das dem Alltag gegenüber eher hilflos ist, eine labile Person, die sich über den Beruf der Schriftstellerin auch zurückzieht und in eine Parallelwelt flüchtet. In dem Moment, in dem ihr Mann stirbt, hat sie ihren Anker verloren, er hat ihr Halt gegeben, sie gefördert und unterstützt und jetzt, da er nicht mehr da ist, knickt sie um wie eine Blume. Sie verlässt ihre Kinder nicht bewusst, sie glaubt wirklich, dass es ihnen bei ihrer Schwester besser gehen wird, sie lässt sie zurück, weil sie es sich selbst gar nicht zutraut.

Aus meiner Perspektive ist dieser Schritt sehr krass, genauso wie die Szene, in der sie am Telefon vom Tod ihres Mannes erfährt und die Kinder anbrüllt, dass der Vater tot ist. Das ist ganz schrecklich, brutal und hilflos, und geht nur, weil man ahnt, wie gefangen und ausgeliefert sie ist. Das Interessante ist ihre Entwicklung, dass sie im Verlauf dieses Films für sich allein die Kraft findet, weiterzuleben und zu den Kindern zurückzugehen.

Maria Schrader. Foto: Players
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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