Interview mit Marie-Luise Schramm

"Ursprünglich wollte ich Fußballerin werden ..."

Marie-Luise Schramm ist die Hauptdarstellerin in dem deutschen Kinofilm Bin ich sexy?.

Frage: "Das, was sexy macht, kommt von innen". Frau Schramm, würden Sie die Frage des Filmtitels mit "ja" beantworten?

Marie-Luise Schramm: Was meine Filmrolle betrifft: ja, absolut. Mareike ist ein Powermädchen und auch sehr hübsch anzusehen. Was mich persönlich betrifft, so meine ich, dass sexy sein von innen kommt und nicht abhängig von Äußerlichkeiten ist. Deshalb kann ich das für mich eigentlich nicht beurteilen ...

Frage: Wie wichtig ist so eine Frage in der Gesellschaft?

Marie-Luise Schramm: Für die meisten Leute ist diese Frage wohl sehr, sehr wichtig. Das Äußere zählt, und man wird auch schnell abgestempelt, wenn man dem nicht entspricht. Das habe ich selbst schon öfter erfahren, zwar nicht im Beruf, aber privat. Denn bei mir war es schon früh so, dass ich mein eigenes Ding durchgezogen habe. Als etwa die Farbe Pink angesagt war, habe ich nicht mitgemacht. Ich habe schon immer lieber Jeans, T-Shirts, Pullover angezogen - und fertig.

Frage: Sie wurden für diesen Film nicht zuletzt deshalb engagiert, weil Sie eben keinem sogenannten Schönheitsideal entsprechen, sondern einen eigenen Typus verkörpern. Wie wohl fühlen Sie sich in Ihrer Haut?

Marie-Luise Schramm: Recht wohl. Vielleicht, weil ich mich nicht anders kenne. Allerdings finde ich eigene Typen grundsätzlich spannender, weil Klischees keinen eigenen Ausdruck haben. Sicher haben schöne Menschen viele Vorteile, doch irgendwann stoßen sie dann an Grenzen. Ich muss mir halt von vorneherein alles erarbeiten. Das ist manchmal anstrengend, aber ich finde, dass das seine Vorteile hat, weil man sich dadurch nicht von äußeren Maßstäben abhängig macht.

Frage: Nicht unwesentlich sind im Film auch die familiären Strukturen, weil die Hauptfigur und ihre zwei Geschwister bei einer allein erziehenden, voll berufstätigen Mutter aufwachsen, bei der es oft schon aus Zeitgründen an Liebe und Verständnis fehlt. Wie aktuell ist dieser Aspekt für Sie?

Marie-Luise Schramm: Das Thema ist leider sehr modern, und es wird meiner Meinung nach auch immer schlimmer. Bei mir zu Hause ist glücklicherweise alles in Ordnung, von daher kann ich mir Mareikes Leben, das der Film schildert, so nicht vorstellen. Aber viele meiner Freunde sind Scheidungskinder - deren Situation ist manchmal ganz schön heftig und krass, weil da viel drunter und drüber geht.

Frage: Ihre Figur Mareike versucht sich unbedingt einen Traum zu erfüllen. Wovon träumen Sie?

Marie-Luise Schramm: Das ist eine schwierige Frage ... In erster Linie hoffe ich, dass meine Lieben gesund bleiben und bei uns alles okay ist. Beruflich wünsche ich mir, dass es weiter vorwärts geht, dass alles weiterhin so funktioniert wie bisher, und dass ich den Spaß am Drehen nicht verliere. Und dann habe ich noch einen ganz banalen Traum: dass Hertha BSC mal Deutscher Meister wird ...

Frage: Mussten Sie, wie Mareike, auch schon einmal Abschied von einem Traum nehmen?

Marie-Luise Schramm: Ja, in der Schulzeit. Da habe ich immer gehofft, dass ich mal eine Schule mit netten Lehrern und netten Schulkameraden finde. Ich war ein schwieriges Kind und habe oft die Schulen gewechselt, weil ich nirgendwo klarkam. Das lag daran, dass ich schon immer mein eigenes Ding gemacht und meine Meinung laut gesagt habe, dass ich mich also nie bei Lehrern eingeschleimt habe. Was zur Folge hatte, dass ich abgestempelt war und die mich auf dem Kieker hatten. Mitte der zehnten Klasse habe ich die Schule dann geschmissen - es ging einfach nicht mehr. Sogar der Direktor fand, dass es so besser ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar noch nicht so viel gedreht, aber ich konnte schon als Synchronsprecherin arbeiten. Ich stand also nicht auf der Straße.

Frage: Was Ihre Karriere betrifft, so zählen Sie zu den größten Nachwuchstalenten der deutschen Schauspielbranche. War dieser Beruf Ihr Wunschtraum?

Marie-Luise Schramm: Absolut. Ursprünglich wollte ich Fußballerin werden, habe sogar in zwei Mädchenmannschaften gespielt. Doch dann musste ich einsehen, dass Jungen da mehr verrichten können und bekam auch Probleme mit den Knien. Da war es gut, dass meine Eltern auch Schauspieler sind und ich am und mit dem Theater groß geworden bin. Mit neun Jahren bin ich schon im Synchronstudio gestanden. Wenn man in diesem Kreislauf schon als Kind drin ist, kann man sich nichts anderes mehr vorstellen. Mir kommt dieser Beruf zudem sehr entgegen: Man hat viele Freiheiten, es gibt keine festen Arbeitszeiten. Von 9 bis 17 Uhr irgendwo an einem Schreibtisch zu sitzen, wäre nichts für mich.

Frage: Was, wenn er sich nicht erfüllt hätte?

Marie-Luise Schramm: Das weiß ich nicht. Beim Synchronisieren war ich mir recht sicher, dass es weiter klappen würde. Als Schauspielerin dagegen bin ich ein Risiko eingegangen. Naja, im Zweifelfall hätte ich mich zum Jungen umoperieren lassen und wäre doch Fußballer geworden ...

Frage: Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man im Alter von erst 20 Jahren eine Filmrolle auf den Leib geschrieben bekommt?

Marie-Luise Schramm: Das ist Wahnsinn! Ich fühle mich sehr geehrt. Das Irre an dieser Sache ist, dass ich die Drehbuchautorin Sabine Brodersen gar nicht persönlich kennen gelernt hatte. Unsere gemeinsame Geschichte begann mit dem Film "Ein Sommer mit Boiler": Sie hatte die Vorlage geschrieben, ich spielte eine kleine Rolle. Danach hörte ich auf einem Filmfest, dass sie angeblich an einem neuen Drehbuch arbeitet, das auf mich zugeschnitten sei. Als das Buch "Bin ich sexy?" dann tatsächlich bei mir ankam, war ich platt: Ich finde, es ist der Hammer, und die Figur der Mareike ist eine absolute Traumrolle.

Frage: Wie sahen Ihre Mitarbeit und Ihre Dreh-Vorbereitungen aus?

Marie-Luise Schramm: Ich musste vor allem Bauchtanz lernen. Also begann ich zwei Monate vor Drehstart mit dem Unterricht - erst nur ein Mal pro Woche, dann zwei bis drei Mal. Was die Umsetzung des Drehbuchs an sich betrifft, so haben wir viele Dinge am Set spontan besprochen, wie es sich ergab.

Frage: Sie sind einerseits Serien erprobt, konnten andererseits bereits interessante Spielfilme drehen. Wozu fühlen Sie sich am meisten hingezogen?

Marie-Luise Schramm: Schon zu den Spielfilmen, klar. Rollen wie die in "Bin ich sexy?" bieten ja bedeutend mehr Möglichkeiten als Charaktere in Serien, wo meist nur noch am Fließband gearbeitet wird. Da ist einfach keine Zeit fürs Ausprobieren, aber genau das ist doch das Spannende.

Marie-Luise Schramm in 'Bin ich sexy?'
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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