Interview mit Mark Schlichter

"Jetzt ändere ich mein Leben. Das ist eines der Hauptthemen des Films."

Mark Schlichter ist Regisseur und Produzent der deutschen Kinokomödie Cowgirl.

Frage: Wie kam es zu dem Titel Cowgirl?

Mark Schlichter: Die Grundidee zum Titel entstammte natürlich dem Männerklischee vom Cowboy, der machen kann, was er will - die Freiheit und das Abenteuer suchen. Aber auch der Begriff des Cowgirls ist in den USA sehr geläufig. Man denke nur an die Cowgirl-Mode, die seit Jahren hip ist und von Stars wie Madonna sicher auch als Statement getragen wird. Aus dem gleichen Grund nennt man übrigens auch die Spielerinnen in den Basketball- und American Football-Leagues "Cowgirls".

Frage: Woher kamen die Inspirationen für das Drehbuch?

Mark Schlichter: Das Drehbuch hat, in der Zusammenarbeit mit Martin Rauhaus, einige Änderungen durchgemacht. Filme wie Bogdanovichs "Is' was, Doc?" oder Truffauts "Schießen Sie auf den Pianisten" spielen in einer Art mit den Genres, wie ich es mir für Cowgirl vorgestellt hatte. Schon Billy Wilder meinte: "Wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast, verpack' es vorher in Schokolade!" Seine Filme haben eine Tradition begründet, die in Deutschland ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Eine spannende Kriminalgeschichte mit einer Komödie zu mischen. Oder andersherum gesagt, in einer Komödie etwas Ernstes zu erzählen.

Frage: Was können Sie über Ihre Heldin Paula sagen?

Mark Schlichter: Auch wenn der Film nicht wie im klassischen Western mit dem einsamen Ritt gen Sonnenuntergang endet, so gibt es dennoch zum Schluss so etwas wie eine Aufbruchsstimmung. Man könnte es auch Happy End nennen. Unsere Heldin unternimmt das ganze Abenteuer ja aus Liebe zu diesem Mann, der aber, und das ahnt sie schnell, eigentlich ein kleines Würstchen ist. Im Verlauf der Geschichte wird er allerdings immer mutiger, bis er ihr - unter größter Verrenkung - sagt: "Ich möchte mich für Dich ändern." Das ist bekanntlich etwas, was jedem Mann schwer fällt. Ein ganz großer Satz.

Das Leben, das Paula führt, ist weit verbreiteter als manch einer glauben mag. Wer kennt nicht diese Art von Verbürgerlichung, wenn z. B. Kinder da sind. Ich kenne jedenfalls viele Menschen in meinem Alter, die vor zehn, zwanzig Jahren ganz andere Ideen im Kopf hatten. Sie haben einfach ihre Träume völlig vergessen. Doch irgendwann läuten die Alarmglocken: Hey, ich habe nur noch zehn oder zwanzig Jahre, oder vielleicht auch nur noch eines. Jetzt ändere ich mein Leben. Das ist eines der Hauptthemen des Films.

In dieser Hinsicht ist Paula eine sehr mutige Figur, die alles auf eine Karte setzt und sagt, ich lasse alles stehen und liegen, und ich will das Abenteuer jetzt. Die Erkenntnis, dass man ab und an sein Leben ändern muss, ist sicher für jeden einmal ein Thema. Aber der Unterschied ist, ob man versucht, die Frage nach dem Glück zu beantworten, oder ob man sie ewig vor sich her trägt.

Frage: Das klingt ein bisschen so, als würden sie sich selbst ein bisschen in Paula wieder erkennen.

Mark Schlichter: Ja, tatsächlich. In der Paula aus Struvensiel steckt auch ein Teil von mir. Ich bin selbst in einer Reihenhaussiedlung aufgewachsen und kenne das Gefühl der Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, oder besser, nach der Vorstellung, die man sich als junger Mensch davon macht. Auch ich habe den Befreiungsschlag versucht. Und unter gewissen Umständen kann es passieren, dass man seine Träume vergisst. Oder verrät. In der Schulzeit denkst du noch, du willst Popstar werden oder Entwicklungshelfer in Afrika. Und dann holt Dich die Realität ganz langsam ein. Bis zu diesem Moment, diesem "Turning Point", der dann automatisch zu einem Abenteuer wird.

Ich habe in meinem Leben mehrere Umschwünge erlebt. Nach meinem Schauspielstudium fing ich als Fahrer und Aufnahmeleiter an, und sicher hätte ich als Produktionsleiter einigermaßen gut verdienen und vielleicht sogar halbwegs zufrieden werden können. Aber ich wollte weiter direkt mit Schauspielern arbeiten und habe ich mich entschlossen, Regie zu studieren. Dem Wunsch meiner Eltern, Medizin oder Architektur zu studieren, bin ich nicht gefolgt, weil ich dachte, oh nein, sieben oder acht Jahre an der Uni ...

Aber das war ein verhängnisvoller Irrtum, denn mein Regiestudium war wesentlich länger und quälender. Danach inszenierte ich einige Theaterstücke und hörte damit wieder auf, weil ich meinte, Film ginge viel schneller. Jetzt sitze ich seit zwei Jahren an Cowgirl und denke, ach, hätte ich nur Theater gemacht. Da hätte ich in derselben Zeit vier Projekte geschafft. So kann man sich täuschen.

Frage: Wie kam es zur Besetzung von Alexandra Maria Lara?

Mark Schlichter: Es ist tatsächlich so, dass die Figur aus Cowgirl Alexandra Maria Lara auf den Leib geschrieben ist. Zum ersten Mal ist sie mir beim Casting zu "Ex" begegnet, meinem Abschlussfilm an der Filmhochschule. Damals war sie 15 Jahre alt - und hat alle an die Wand gespielt! Ich weiß noch, wie ich zu ihrem Vater Valentin Platareanu, der ebenfalls ein brillanter Darsteller ist und in Cowgirl eine kleine Gastrolle übernommen hat, sagte: "Aus ihr wird mal eine ganz große Schauspielerin!" Und wie er nur murmelte: "Das glaube ich auch."

Damals wurde nichts daraus, weil Alexandra Maria Lara für den Cast des Films etwas zu jung war. Aber vor fünf Jahren haben wir bei einer ZDF-Produktion zusammengearbeitet, und das lief so gut, dass wir beschlossen haben, gemeinsam einen Kinofilm zu machen. Und wir waren uns einig, dass es eine Komödie werden sollte. Davon abgesehen bin ich ein treuer Mensch und arbeite gerne in familiären Verhältnissen. Aus diesem Grunde spielt neben Alexandra Maria Lara Vater, der einen der Bösewichte im Film Noir mimt, auch Wotans Bruder Sönke als Kläuschen Blessing mit - übrigens seine erste Rolle.

Frage: Inwiefern war Ihnen Ihre Erfahrung als Fernseh-Regisseur Ihrer Arbeit für Cowgirl von Nutzen?

Mark Schlichter: Nach meinem Abschlussfilm "Ex" erhielt ich einige Angebote, die zum Teil ansehnliche Budgets hatten. Aber irgendwie war nichts Richtiges dabei. Außerdem war mein erstes Kind gerade zur Welt gekommen. Also habe ich mit Heiner Lauterbach und dem wundervollen Produzenten Georg Althammer von Monaco Film zwei Folgen der Krimiserie "Faust" gedreht. Und bin beim Fernsehen geblieben, mit langen Babypausen. Dann kam "Schimanski".

Für mich war es ein Ritterschlag, mit Götz George zu arbeiten, denn ich habe Schimanski als Jugendlicher geliebt. Es war eine anstrengende, aber tolle Arbeit. Viele haben mir das mit auf den Weg gegeben: Am Kino zu lernen, ist sehr aufwendig und kostenintensiv, beim Fernsehen darfst du Experimente machen. Und so war es dann auch.

Bei den Schimanski-Filmen haben wir zum Teil die Drehbücher umgeschrieben, mit wilden Phantasien wie Schimanski auf Drogen und solche Sachen. Ich konnte, dank meiner Produzenten, machen, was ich wollte, solange es nicht zu teuer wurde.

Mark Schlichter
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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