Interview mit Mathieu Carrière
Mathieu Carrière Mathieu Carrière, 47, spielt die Hauptrolle in den Sat.1-Filmen "Die Rückkehr des Sandokan" und Das Mädchen Rosemarie".

Frage: Vor 20 Jahren wurden die ersten Abenteuer von "Sandokan" im Fernsehen ausgestrahlt. Haben Sie den Mehrteiler damals auch gesehen?

Mathieu Carriere: Nein, ich habe nur davon gehört, weil die Straßen damals so leer waren. Aber ich kannte die Schauspieler, vor allem den Adolfo Celi, der die Rolle des Raska gespielt hat - und den spiel ich ja jetzt.

Frage: Wie beschreiben Sie Ihre Rolle in "Sandokan"?

Mathieu Carriere: Die Rolle ist wunderbar, ein Kindertraum von der bösen Hexe. Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, weil ich in der Rolle wirklich alle Register ziehen konnte. Der Mann ist attraktiv, der will Macht, und damit kann sich jeder identifizieren. Er ist gar nicht mal böse oder hinterhältig, er ist ganz einfach ein Stratege. In Italien und Amerika sind die Bösen attraktiv gestaltet. Bei uns müssen sie bestraft werden und sind meistens unangenehme Menschen.

Frage: "Die Rückkehr des Sandokan" wurde in Indien gedreht. Inwiefern unterscheiden sich die Dreharbeiten im Vergleich zu einem europäischen Land? Waren sie schwieriger?

Mathieu Carriere: Überhaupt nicht, wir haben ja mit einem italienischen Team gedreht. Hervorragend! Es wird immer mit zwei Kameras gearbeitet, und es geht schnell. Ich habe Indien sehr genossen. Wir sind geritten, mussten fechten, ich konnte endlich auf Englisch spielen - was die beste Sprache dafür ist, weil sie knapp ist und man u. a. auch besser auf Englisch schreien kann.

Frage: Haben Sie denn das indische Essen vertragen?

Mathieu Carriere: Die Italiener haben sich 2.000 Kilo Pasta mitgebracht und sind alle krank geworden. Ich muss in einem früheren Leben einmal Inder gewesen sein: Mir machte die Hitze nichts aus, ich hab nur indisch gegessen und bin die ganze Zeit gesund gewesen.

Frage: Szenenwechsel! Wie war die Zusammenarbeit mit Nina Hoss in Das Mädchen Rosemarie? Sie hat ja zum ersten Mal so eine große Rolle gespielt.

Mathieu Carriere: Sehr gut! Nina ist jeden Tag um sechs Uhr aufgestanden und hat sich ein Stunde lang vorbereitet - sie ist ein Soldat und mehr als ein Profi. Nina läßt sich auch was sagen und weiß, dass sie lernen muss während der Arbeit. Und sie hat eine ungeheure Geschwindigkeit, Dinge umzusetzen. Sie kapierte sofort, was Bernd wollte. Sie ist überhaupt nicht eitel und hat sich gut mit allem vertragen.

Frage: Waren Sie skeptisch, als Sie hörten, dass Bernd Eichinger nach 20 Jahren wieder Regie führt?

Mathieu Carriere: Überhaupt nicht. Warum auch? Er hat das Buch selbst geschrieben, die Produktion selbst durchgeführt. Es ist gut, wenn alles in einer Hand ist. Ich war gar nicht skeptisch, denn Bernd hat in so vielen anderen Bereichen bewiesen, dass er es bringt - im Gegenteil. Ich war nur erstaunt, wie sehr er sich mit seiner Hauptfigur identifiziert. Es war für mich toll zu sehen, dass er eigentlich in einem gewissen Sinne selbst das Mädchen Rosemarie war.

Frage: Sie haben Erfahrung als Theaterschauspieler, als TV-Schauspieler, als Regisseur und als Drehbuchautor. Was machen Sie am liebsten?

Mathieu Carriere: Schreiben und Regie. Ich habe jetzt 35 Jahre lang gespielt - spielen kann ich, es macht mir Spaß, ich kann damit mehr Geld verdienen als mit den anderen Sachen. Aber zu schreiben und Regie zu führen, erfüllt mich mehr.

Frage: Wird man demnächst etwas sehen, was Sie inszeniert haben?

Mathieu Carriere: Ich schreibe mein Drehbücher weiterhin - pro Jahr zwei, drei. Irgendwann kommt dann mal das Geld, um sie zu finanzieren. Ich drehe weiter, ich war gerade in Südafrika, dann habe ich einen "Tatort" auf den Philippinen gedreht, eine Abenteurerreihe in Thailand - ich hab jetzt ein Jahr mit vielen Drehs im Ausland hinter mir.

Frage: Und das gefällt Ihnen?

Mathieu Carriere: Oft ist es mir zu viel, ich fliege nicht gern. Die Arbeit ist angenehm, weil mich fremde Länder interessieren und weil man diese Länder nicht als Tourist kennenlernt. Aber eigentlich hätte ich lieber einen festen Job in Hamburg oder in New York - wo meine Töchter sind.

Frage: Bekommen Sie manchmal am Drehort Besuch von Ihren Töchtern?

Mathieu Carriere: Ja, die kleine, Elena, war zwei Wochen in Südafrika, und Alice besucht mich jetzt. Wir sind leider eine richtige Reise-Familie.

Frage: Wird man sie im TV auch mal mit Ihrer Schwester Mareike sehen?

Mathieu Carriere: Es wundert mich, warum da noch nichts gekommen ist. Wir würden gern zusammenarbeiten, denn wir verstehen uns vorzüglich.

Frage: Sie kommen ja nicht aus einer Schauspieler-Familie, und trotzdem sind Sie und Ihre Schwester erfolgreiche Schauspieler geworden.

Mathieu Carriere: Es liegt nicht in den Genen. Aber trotzdem! Shirley MacLaine und Warren Beatty sind auch erfolgreiche Schauspieler geworden und kommen nicht aus einer Schauspieler-Familie. Talent habe ich nie gehabt. Ich hab an der Front angefangen, ohne es gelernt zu haben. Nicht ich, sondern jemand anders hat geglaubt, ich hätte Talent. Das entwickelt sich erst allmählich bei der Arbeit. Die Schauspielerei ist ein ziemlich indiskreter Beruf, wenn er gut ausgeübt wird, und eigentlich bis ich ein zurückhaltender Mensch, der nicht gern seine Gefühle zeigt - vor einem Millionenpublikum.

Frage: Sie haben den Ruf, ein schwieriger Mensch zu sein. Wie erklären sie sich das Image?

Mathieu Carriere: Das weiß ich auch nicht, vielleicht weil die Personen, die ich spiele, schwierig sind. Vielleicht weil ich nicht eindeutig einzuordnen bin. Aber das gehört dazu. Das einzige, was mich interessiert, ist, wie ich mich mit den Regisseuren verstehe, und mit denen komme ich eigentlich immer sehr gut aus.

Frage: Welche Projekte planen Sie in der Zukunft?

Mathieu Carriere: Jetzt mach ich erstmal Ferien, dann schreibe ich ein Drehbuch, und im Mai stehen vielleicht zwei 90-Minuten-Filme an, aber da ist noch nichts unterschrieben.

Dirk Jasper FilmLexikon
Qquelle: Das Interview führte Anke Tollkühn für Sat.1 © 1994 - 2010 Dirk Jasper