Interview mit Matthias Glasner
Matthias Glasner Matthias Glasner über den Film "Sexy Sadie"

Frage: Was war der Ausgangsgedanke für "Sexy Sadie"?

Matthias Glasner: Wir hatten die Idee für die Anfangsszene: eine Ärztin, die direkt in die Kamera blickt, und jemandem genüßlich sagt, er habe nur noch ein paar Tage zu leben. Umschnitt: Derjenige sagt: "Das kommt, weil ich so böse bin."

Ich mochte die Situation. Weil Jürgen und ich jeweils mit zwei geplanten Projekten nicht vorankamen, sagten wir spontan: Laß' uns aus der Szene einen Film machen - ohne zu wissen, was für eine Geschichte das sein würde. Während der Vorbereitung arbeitete ich nachts das Buch aus. Ich habe die Hauptpersonen wie bei der Psychoanalyse auf die Couch gelegt und sie gefragt: "Was ist mit Euch los?"

Frage: "Sexy Sadie" ist also eher ein Film, der aus dem Bauch kommt, als aus dem Kopf?

Matthias Glasner: "Drei Wochen nach der Idee begann bereits der Dreh: So ein Projekt muss aus dem Bauch kommen.

Erstaunlich war, dass sich eine äußerliche Handlung entwickelt hat, die am Ende ungeheuer stringent war. Jede Entwicklung ist zwangsläufig. Interessant ist, dass diese Stringenz in krassem Widerspruch steht zu der fast surrealen Gefühlswelt, die die Figuren bei genauem Hinsehen offenbaren. Den Konflikt zwischen äußerer Zwangsläufigkeit und innerem Chaos fand ich enorm spannend.

Frage: Trotz der kurzen Drehzeit von 16 Tagen hat der Film eine beeindruckende atmosphärische Dichte und stilistische Sicherheit vorzuweisen. Gab es Vorbilder?

Matthias Glasner: Die Atmosphäre erinnert mich an das existentialistische Kino der 50er und 60er Jahre, eine Phase, die mir gut gefällt und der ich mich verbunden fühle. Zitiert habe ich niemanden, "Sexy Sadie" ist auch keine Hommage, keine Parodie, keine Verbeugung. Ich habe einfach das Vokabular einer vergangenen Periode angewandt, um eine Geschichte aus dem Hier und Jetzt zu erzählen. Die Figuren des Films haben Gedanken und Gefühle, die damals wichtiger waren als heute.

Frage: Die Verwendung von Schwarzweiß-Material gehört zu diesem Vokabular?

Matthias Glasner: Schwarzweiß, längere Einstellungen, weitwinklige Einstellungen, der Raum ist sehr wichtig, Menschen in Bezug zu ihren Räumen. Das war bei "Die Mediocren" sehr wichtig und ist mir auch hier sehr wichtig gewesen.

Frage: Bei Schwarzweiß denkt man zwangsläufig an "Film noir". Und wenn man es recht überlegt, dann ist Lucy ja auch eine "Femme fatale".

Matthias Glasner: Das habe ich erst herausgefunden, als ich das Buch ausgearbeitet habe: Aha, die spielt ein Spiel mit mir. Film - noir - Klischees habe ich aber sehr bewußt vermieden. Die wirken in den heutigen Filmen eher peinlich als stimmungsvoll.

Frage: Die Titelsequenz legt einem nahe, dass Du Krimis der 60er und frühen 70er Jahre gerne magst.

Matthias Glasner: Die Stimmung und die Art von Musik, Bigband-Musik, die man aus Krimis der späten 60er Jahre kennt, haben mich inspiriert.

Frage: Die Musik ist sehr beeindruckend und trägt stark zu der Atmosphäre des Films bei. Wie ist sie entstanden?

Matthias Glasner: Zwei Wochen, bevor der Film auf der Berlinale lief, hatten wir immer noch keine Musik. Ich habe überlegt, ob ich bereits existierende Musik benutzen sollte. Das hätte aber rechtliche Komplikationen mit sich gebracht und wäre als Zitat aufgefaßt worden. Das wollte ich vermeiden. Ich rief Bernd Begemann in Hamburg an und verabredete mit ihm, etwas auf die Beine zu stellen. Während er ein paar der besten Musiker in Hamburg zusammentrommelte, Leute von den Jeremy Days und gute Jazzer, erarbeitete ich ein paar Themen und Strukturen. Dann trafen wir uns in einem alten, holzvertäfelten Studio und improvisierten, während der Film auf einem Monitor lief. In drei Tagen entstand so das Score, live, ohne Overdubs. Darauf bin ich schon stolz.

Frage: "Sexy Sadie" irritiert, weil er sich nicht zuordnen läßt.

Matthias Glasner: Ich denke nicht in Stil oder Genre oder an ein Produkt. Filme drehen, das ist für mich in erster Linie ein Abenteuer.

Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch!

Dirk Jasper FilmLexikon
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