Interview mit Matthias Schweighöfer

"Man muss ganz plötzlich selber erwachsen werden."

Matthias Schweighöfer spielt in dem Film Die Klasse von '99 die Rolle des 22jährigen Felix, der auf der Suche nach dem richtigen Ziel und Ort in seinem Leben ist.

Frage: Was ist das besondere an der Zeit nach der Schule?

Matthias Schweighöfer: Dass man merkt, ob die Schule gewirkt hat. Vor allem aber, dass man so gar keine Ahnung vom Leben hat, wenn man allein ist und vielleicht in einer anderen Stadt. Man muss ganz plötzlich selber erwachsen werden.

Frage: Ist es die Zeit, einen Lebensweg zu finden und den Kompromiss zwischen Spaß auf der einen und Verantwortung?

Matthias Schweighöfer: Man muss sich den Spaß suchen in einem neuen Leben und dazu die Sicherheit der Familie ersetzen, weil man jetzt selber die Familie ist.

Frage: Was passiert mit Freundschaften in dieser Lebensphase?

Matthias Schweighöfer: Wenn man am gleichen Ort bleibt ist es noch einigermaßen einfach Sachen fortzusetzen, die schon da waren. Bei mir war es anders. Dadurch, dass ich relativ schnell nach Berlin gegangen bin, musste ich mir dort ein neues Leben aufbauen. Da trifft man dann eben neue Leute und neue Kollegen, mit denen man ein Stückchen Leben zusammen geht. Man wird von dieser Zeit viel intensiver geprägt, weil man sich noch einmal komplett neu orientieren muss. Neue Straßen, eine neue Couch, ein eigener Fernseher ... Und neue Kumpels, die zum Fußballgucken vorbeikommen.

Frage: Stichwort Kumpels - Dein alter Kumpel Thomas Schmieder war bei Die Klasse von ´99 als Kollege dabei. Was war das für ein Gefühl?

Matthias Schweighöfer: Schon komisch. Wir haben damals in Chemnitz viel zusammen gemacht und auch Ideen gehabt für die Zukunft. Aber dann bin ich ja relativ schnell verschwunden aus dem Leben dort. Jetzt mit Thomas zu arbeiten war lustig, und andererseits komisch. Man merkt plötzlich, welche Distanz man zu der Stadt aufgebaut hat, in der man früher gelebt hat.

Frage: Ist das Kleinstadtszenario in dem Film für dich auch ein bisschen Déjà Vu?

Matthias Schweighöfer: Na ja - so klein ist Chemnitz ja nun nicht. Es ist kein Déjà Vu - aber ich bin froh, dass ich gegangen bin. Man hat schon das Gefühl: Wäre man dort geblieben, wäre die Stadt jetzt klein. Es ist einfach gut zu gehen und festzustellen, wie das Leben in einer Weltstadt ist und welche Leute man dort trifft.

Frage: Das führt uns zu Felix, dem Charakter, den du spielst. Der kehrt zurück in die Kleinstadt, die er nach der Schule verlassen hat. Was treibt ihn dazu?

Matthias Schweighöfer: Der Felix ist ein Typ mit dem Wunsch nach einem Zuhause und der Frage, wie groß die Welt außerhalb dieses Zuhauses ist.

Frage: Die Entscheidung heißt vorerst: Zuhause.

Matthias Schweighöfer: Weil er nicht das Richtige gefunden hat. Weil er vielleicht zu zeitig gegangen ist. Weil ihm seine Freunde fehlen und die Geborgenheit ... Weil er es einfach noch nicht meistern kann, alleine irgendwo zu sein.

Frage: Seine Motivation ist nicht immer sofort zu durchschauen ...

Matthias Schweighöfer: Er ist intelligent, erscheint aber durch seine Wünsche und Emotionen seinem Umfeld sehr eigen. Bei ihm kommt viel zusammen: Er ist kritisch, er ist liebevoll, aber auch verzweifelt.

Frage: Er lässt sich von seinem besten Freund Sören überreden, an Drogendeals mitzumachen. Obwohl er weiß, was für ihn auf dem Spiel steht. Warum macht er das trotzdem?

Matthias Schweighöfer: Eben weil Sören sein bester Freund ist, natürlich. Aber auch weil er etwas begriffen hat und der einzige in der Clique und überhaupt in der Kleinstadt ist, der Sören aus der Not ziehen kann. Eben weil er schon einmal weg war ist er der einzige, der zupacken und sagen kann: Auch wenn du vielleicht ewig hier bleiben wirst, helfe ich dir jetzt, einen Schritt zu gehen. Einen Schritt, den du allein nicht geschafft hättest. Über den du wahrscheinlich nicht mal nachgedacht hättest. Er hat die Flügel und fliegt über dem Kopf seines besten Freundes ...

Frage: Die beiden verbindet die Liebe zu Simona. Eine klassische Dreiecksgeschichte?

Matthias Schweighöfer: Nee, gar nicht. Felix wollte Simona mal, hat sie aber nicht bekommen. Sören wollte sie wohl auch, hatte aber eine Abmachung mit Felix. Die hat er gebrochen, in dem er jetzt mit Simona zusammen ist. Das beschäftigt Felix und natürlich auch die Frage, wie es wäre, jetzt mit Simona zusammen zu sein. Aber letztendlich weiß er: es gibt in einer anderen Stadt auch eine andere Simona.

Frage: Drogen sind ein zentrales Thema im Film. Sind sie generell auch so ein zentrales Thema für diese Altersgruppe?

Matthias Schweighöfer: Ja, schon, natürlich.

Frage: Deine persönliche Einstellung?

Matthias Schweighöfer: Nicht interessiert. Ich trinke gerne ein Schlückchen Alkohol und auch mal einen über den Durst. Aber zu Drogen habe ich Abstand. Es interessiert mich auch nicht, was mit mir als Mensch passieren könnte. Sie passen auch nicht in mein Umfeld.

Frage: Wann war für dich klar, dass Du Felix spielen möchtest?

Matthias Schweighöfer: Nach dem Lesen des Drehbuchs habe ich gedacht: Wow! So einfach kann's sein. Und dabei so schön und ehrlich. Ich finde, es ist unendlich wichtig, einmal einfache Geschichten zu erzählen. Natürlich wollte ich gern mit Marco arbeiten und mit all den tollen Kollegen. Aber die Hauptsache war das Buch. Die Figur des Felix, die meine Sorgen und Ängste schildert. Das Buch hat so vieles als Inhalt, was ich fühle und denke. Es ist nur ein kleiner Teil aus dem Leben eines Menschen. Aber es ist was. Und diese Suche ist keine Geschichte eines einzelnen. Und deshalb war es so toll, Felix zu spielen.

Frage: Die Suche ist mit dem Film nicht zuende, fängt vielleicht sogar erst richtig an. Klar ist nur, dass Felix die Stadt wieder verlässt. Auch dazu noch mal die Frage: Warum?

Matthias Schweighöfer: Weil er merkt, dass sich in seinem "alten Leben" alles verändert hat und es dabei trotzdem so kleinkariert schwarz-weiss geblieben ist. Was ihm jetzt auffällt, weil er die Chance hatte, weg zu sein. Wenn man in dieser Situation ist macht man - glaube ich - so einen kleinen Fragenkatalog. Hakt Punkt für Punkt ab und stellt dann fest: Nein, ich kann's nicht. Ich muss weiter, auch wenn die nächste Stadt nur ein bisschen größer ist. Aber es ist zumindest ein Schritt. Felix weiß nur, wo sein Platz nicht ist. Suchen muss er ihn weiterhin.

Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
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Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
Matthias Schweighöfer in 'Die Klasse von '99'
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Dirk Jasper FilmLexikon

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