Interview mit Max Riemelt

"Der wahre Held scheitert hier und da."

Max Riemelt spielt die Hauptrolle des Friedrich in dem deutschen Kinodrama Napola - Elite für den Führer.

Frage: Friedrich ist die Figur, über die der Zuschauer die Napola kennen lernt.

Max Riemelt: Friedrich ist ein ganz normaler Junge aus Berlin Wedding, der in seiner Freizeit boxen geht und der unverhofft auf eine solche Schule kommt. Ein Lehrer aus Allenstein "entdeckt" ihn. Er umwirbt ihn, weil er meint, ein Talent gefunden zu haben.

Friedrich wiederum ist ziemlich angetan von dem Vorschlag, da ihm dadurch viele Angebote offen stehen. Sein Vater ist dagegen, weil er politisch anders eingestellt ist. Es kommt zur Konfrontation, und Friedrich entscheidet sich, zur Napola zu gehen, egal was der Vater sagt.

Frage: Was war so reizvoll an den Napolas?

Max Riemelt: Wer als junger Mensch damals davon gehört hatte, wollte unbedingt dahin, denn man wollte ja zur Elite gehören. Der Zuschauer weiß von vornherein, dass es Verführung pur ist, ein falsches Spiel.

Heute muss man verstehen, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, sich so fertig machen zu lassen. Es war Zuckerbrot und Peitsche.

Man bekam vieles geboten, wurde aber auch geknechtet und gebrochen. Ein knallharter Pakt wurde geschlossen: Wenn du ausgeschert bist, bist du rausgeflogen. Das ist Friedrich nicht klar, er denkt nicht an die Konsequenzen.

Frage: War diese Generation besonders verführbar?

Max Riemelt: Wenn man jung ist und ein Umfeld um sich hat, das einheitlich ist und nichts anderes vermittelt, wird einem ein klarer Kurs eingetrichtert. Klar, dass man da auf eine einspurige Schiene gerät. Da wurde nicht nachgefragt ...

Frage: Ist das eine wahre Geschichte?

Max Riemelt: Sie hat sich nicht komplett so ereignet, sondern besteht aus mehreren einzelnen wahren Begebenheiten, die zusammengetragen und zu einer dramatischen Geschichte zusammengefasst wurden. Einiges wurde auch dazu erfunden, Allenstein ist quasi eine Quintessenz aus mehreren Napolas.

Frage: Was war Ihre persönliche Motivation für die Rolle?

Max Riemelt: Als ich im Drehbuch gelesen habe, dass Friedrich Boxer ist, war ich gleich angetan. Ich hab den Stoff verschlungen, es ist ein sehr gutes Drehbuch. So etwas spielen zu können, habe ich mir schon immer gewünscht. Es gibt selten so vielschichtige Rollen mit einer enormen Fallhöhe.

Aber nicht nur meine Rolle hat mir gefallen, sondern auch die Verbindung mit den anderen Figuren, das Zusammenspiel. Friedrich ist eigentlich eine klassische Figur, die durch das Scheitern erst zum Helden wird.

Am Ende, wenn man ihn beim Boxkampf sieht, fällt einem der Spruch ein: Der wahre Held scheitert hier und da. Als junger Mensch hat man das alles nicht so durchblickt.

Beim Boxen wollte er einfach gewinnen, durch Menschen wie Albrecht wird er zum Nachdenken gebracht. Später, als es hart auf hart kommt, und er zum Nachdenken gezwungen wird, weiß Friedrich aber, wie er sich zu verhalten hat.

Frage: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Max Riemelt: Ich wusste zunächst überhaupt nichts darüber, auch nicht aus der Schule. Ich habe dann viel gelesen, mit Dennis gesprochen und einen Zeitzeugen getroffen. Es war wichtig, jemanden kennen zu lernen, der damit konfrontiert war.

Und dann natürlich das Boxen ... Ich hab vorher schon Kickboxen trainiert, aber die Arbeit am "Film-Boxen" war etwas ganz anderes. Im Film müssen die Box-Szenen regelrecht choreographiert werden wie ein Tanz. Das kann man mit dem Sport nicht vergleichen.

Man muss aufpassen, dass man alles richtig macht und nicht einfach nur draufhaut. Die Reaktionen müssen richtig gespielt sein, denn so hart man auch schlägt, den Schlag an sich sieht man erst, wenn die Reaktion gut ist.

Die Vorbereitung darauf war, auf physischer Ebene wirklich fit zu sein, gut auszusehen. Wir hatten eigentlich altertümliches Boxen machen wollen, wie in den 40er Jahren, mit graden Fäusten und ziemlich offener Deckung, aber das wäre zu langweilig geworden.

Frage: Haben Sie zur Vorbereitung Hintergrundbiografien zu Ihren Figuren erfunden?

Max Riemelt: Zunächst hat Dennis uns gebeten, Hintergründe auszudenken, hat uns das vortragen lassen und mit uns besprochen. Wir haben auch Rollenspiele gemacht, uns in einen Kreis gesetzt, einer trat in die Mitte und alle konnten ihn dann befragen: Lieblingsessen, bestes Erlebnis mit deiner Mutter ... Das hilft sehr, weil die Biografien dadurch natürlicher und logischer werden.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Dennis Gansel, den Sie schon von "Mädchen Mädchen!" kennen?

Max Riemelt: Napola ist sein Ding. Er hat drei Jahre daran gearbeitet und weiß einfach alles darüber. Es macht super viel Spaß, weil er so Bescheid weiß. Er lässt einen spielen, lässt viele Varianten zu, ist ein super Gesprächspartner. Und da er für seinen Beruf relativ jung ist, konnten wir gut miteinander reden.

Frage: Was haben Sie gelernt aus der Beschäftigung mit dieser Zeit?

Max Riemelt: Ich habe klarer realisiert, was es heißt, im Krieg zu stehen, jemanden zu erschießen, in dieser Zeit zu leben. Wie schwer die Verhältnisse waren, ist mir bewusster geworden. Man fühlt sich auch anders mit den Klamotten, die man trägt.

In Uniform nimmt man eine andere Haltung ein. Der Film zeigt deutlich, wie Verführung vonstatten geht. Man kann sich selbst damit identifizieren und muss sich fragen: Wie hätte ich mich verhalten?

Max Riemelt
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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