Interview mit Max Tidof

"Engel ist der Nerven aufreibendste Job, den es gibt!"

Max Tidof im Gespräch über seine Rolle als Liebesengel Raffael im TV-Film "Dich schickt der Himmel", der am 30. Januar 2001 auf Sat.1 läuft.

Frage: Für viele ist der Himmel das Paradies - laut Drehbuch ist er ein riesiger bürokratischer Apparat, mit Engeln voller Neurosen und schwäbischen Putz-Kolonnen. Ziemlich schräg. Wie hat Ihnen das gefallen?

Max Tidof: Sehr gut. Die Idee ist ja nicht ganz neu - aber einige Elemente schon: Eben dieser Himmel, dass man sagt, es ist ziemlich blöd da oben. Der größte Teil der Engel steht unter Drogen - sehr hübsch. Wenn der Engel auf der Erde landet, dann läuft jemand durch ihn durch. Eklig! Er ist unsichtbar und eigentlich nicht materiell, aber es ist noch so viel übrig von der Materie, dass es reicht, wenn jemand durch ihn durchläuft, dass es unglaublich unangenehm sein muss.

Frage: Warum ist dieser Typ Raffael, den Sie darstellen, eigentlich ein Loser-Typ? Er ist doch nett, hilfsbereit, gut aussehend - alles Eigenschaften, die Frauen mögen?

Max Tidof: Das steht ja im Drehbuch nicht dezidiert drin. Das ist etwas, was man sich irgendwie zurechtlegen muss. So, wie er ist, ist ihm mal irgendetwas widerfahren, wo er für sich mit dieser Welt in einer Form abgeschlossen hat. Der war vielleicht vorher Ingenieur oder Arzt, vielleicht auch irgendetwas anderes Akademisches, und dem ist dann wahrscheinlich in der Liebe irgendetwas widerfahren, wo er sagt, okay, das war's. Eben auch ein bisschen schrullig und eigen. Bis er dann plötzlich auf die Lara trifft und ihm das passiert, womit er eigentlich gar nicht mehr gerechnet hat - dass er sich verliebt.

Frage: Was ist Ihre Lieblingsszene in diesem Film?

Max Tidof: Mir haben die Hundegeschichten beim Drehen viel Spaß gemacht. Es gibt eine Szene, wo die ganze Hundemeute mich die Straße lang jagt. Das waren ganz bezaubernde Hunde. Das mit den Viechern hat beim Drehen am meisten Spaß gemacht. Es ist oft der Fall, dass man sagt, mit Hunden ist es prima zu drehen.

Frage: Mit welchem Trick gelingt es beim Drehen, dass zwei Leute vor dem Spiegel stehen und man tatsächlich nur das Spiegelbild von einem sieht? Ist das hinterher an Computern zu machen?

Max Tidof: Ja. Das haben wir zweigleisig gemacht. Einmal hat man eine bestimmte Kamerastellung. Wir hatten einen Fachmann für die Animationsgeschichten am Set, der genau sagen konnte, auf diese Fläche kommt dann quasi Greenscreen hin, und die wird freigehalten. Dadurch hat man dann den Effekt. Man hält einfach eine Seite raus, man dreht es quasi doppelt.

Das ist dann die simpelste Geschichte. dass man etwas mit eingemauerter Kamera zweimal dreht, einmal leer und einmal mit einer Spiegelung. Man kann nachher in der vollen Spiegelung die leere rüberkopieren und dann per Animation wegmachen. Ganz früher hat man es mit Doppelbelichtung gemacht.

Frage: Waren die Szenen, in denen Sie eigentlich unsichtbar sind - außer für Kinder und Hunde - schwierig?

Max Tidof: Das ist gar nicht kompliziert. Schwierig war es beispielsweise, wenn ich jemanden anfassen musste und man nicht sehen durfte, dass sich das T-Shirt bewegt. Wobei auch im Buch stand, dass sich Materie bewegen kann. Ich streiche zum Beispiel eine Haarlocke aus dem Gesicht. Da stellte sich uns die Frage: kann er oder kann er nicht? Wir haben dann gesagt, wir bauen uns den Engel selber! Wenn wir anfangen zu sagen, er kann Dinge nicht bewegen, dann werden wir uns irgendwann ein Ei legen. Denn im Lauf der Handlung muss ich definitiv ein Handy wegnehmen usw.

Frage: Patrick, der Sohn des schusseligen Chemikers, wird von Marco Bretscher gespielt. Wie ist es für einen Profi wie Sie, mit einem Kind zu spielen?

Max Tidof: Das kommt auf das Kind an und der Marco ist unglaublich gut. Der ist 12 Jahre alt und ganz toll. Was er vor allem auch ist - er hat ja schon relativ viele Sachen gemacht -, er ist überhaupt nicht übergeschnappt. Ich kenne ganz viele Drehkinder, die sind unausstehlich. Die einen Film oder zwei gemacht haben und von ihren Eltern oder Oma und Opa da hinein gedrängt werden. Die dann einfach keine normalen Kinder mehr sind, sondern schon einen 'Star-Dingsbums' vor sich hertragen. Der Marco ist ganz toll. Der ist einfach irre gut. Mit Text, mit Spielen, mit allem. Der ist schon wirklich hundsbegabt.

Frage: Hat er vor Ihnen großen Respekt gehabt?

Max Tidof: Nein. Der ging ganz unbefangen damit um. Er ist - ich mag das Wort nicht - höchst professionell. Die letzten Drehtage, wo er keine Lust mehr hatte, da fing er an, ein bisschen rumzuspielen, dann ging er allen ein bisschen auf den Wecker. Wobei ich das ganz prima fand, weil das einfach ein Kind ist. Er hatte 15 Drehtage hinter sich und ist dann langsam froh, wenn das vorbei ist.

Frage: Glauben Sie persönlich daran, dass es so etwas gibt wie ein schicksalhaftes 'füreinander Bestimmt sein'? Man könnte auch anders fragen, glauben Sie an die große Liebe?

Max Tidof: Ja, klar tue ich das.

Frage: Ihre Frau ist Ihre ganz große Liebe?

Max Tidof: Ja, sicher. Es gibt schon etwas, wo plötzlich Herzen füreinander schlagen. Das ist ja auch das Problem von den Engeln, weil die Leute meistens zu blöd sind, das wirklich mitzukriegen. Und dafür sind dann die Liebesengel da. Und wenn man weiß, wie schwierig das ist, weil es ja meistens nicht funktioniert, dann versteht man, dass die armen Engel alle Drogen nehmen. Ein nervenaufreibender Job, der Schlimmste, den es gibt.

Frage: Es heißt, Sie rauchen drei Schachteln Gitanes am Tag - haben Sie keine Angst davor, viel schneller in den Himmel zu kommen, als Ihnen lieb sein kann?

Max Tidof: Ach nein. Hab' ich überhaupt nicht. Ich freue mich, wenn ich die erste Zigarette rauche. Ich rauche einfach furchtbar gern. Das gehört bei mir dazu. Wenn ich Zeit habe, mache ich bisweilen zwei, drei Stunden Training, um den Körper einigermaßen fit zu halten. Was weniger mit dem Rauchen zu tun hat, als mit Essen und Trinken usw. Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Alles was ich esse, ist eigentlich ungesund, hat man mal festgestellt. Ich koche auch gern. Meine Soßen sind immer Buttersoßen ...

Frage: Was war für Sie der bisherige Höhepunkt Ihrer Karriere? Comedian Harmonists?

Max Tidof: Nein, kann man so nicht sagen. Es gibt einfach Filme, die sehr, sehr gelungen sind. Und dann gibt es ein paar, die dazu auch sehr gut gelaufen sind. Da ist Comedian Harmonists natürlich einer davon. Schaubühne war sicher auch ein Höhepunkt. Überhaupt, als ich am Theater angefangen habe. Das erste Stück, was ich gemacht habe, war 'Der kleine Prinz', der etwa zehn Jahre gespielt wurde.

In jedem Zeitabschnitt gab es Höhepunkte. Es gibt auch sehr, sehr schöne Fernsehfilme. Und dann gab es welche, die ich gemacht habe, die nicht so gelaufen sind. 'Burning Life' z. B., ein Kinofilm. Alle zwei, drei Jahre gibt es einen, wo ich sage, das war's. Wenn man ein richtig gutes Buch hat - einen Regisseur, mit dem man in die gleiche Richtung geht, Kamera und ein Team, was ungefähr auf der und der Spur läuft - und plötzlich kommt das alles zusammen. Das wird eine sehr gute Geschichte.

Frage: In welchen Projekten stecken Sie zur Zeit?

Max Tidof: In einem Sechsteiler 'Der Ermittler' für das ZDF, wo Oliver Stokowski die Hauptrolle spielt. Es gibt einen Polizisten und einen Anwalt, die sich beide nicht ausstehen können. Ich spiele den Anwalt, meine Frau ist verschwunden, und die beiden mögen sich überhaupt nicht. Ich verlange von ihm, dass er meine Frau sucht. Das ist sehr schön zu spielen und eine sehr schöne Geschichte.

Früher war es immer so, dass ich im Januar/Februar weggeflogen bin, wenn es hier in Deutschland zu unausstehlich wird. Das ist jetzt aber leider nicht mehr möglich, weil das Kind in die Schule geht.

Dann habe ich ein Treatment, das wäre in Kuba. Da habe ich aber noch nicht reingelesen. Das ist für das nächste Jahr.

Max Tidof
Max Tidof in 'Dich schickt der Himmel'

Dirk Jasper FilmLexikon

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