Interview mit Michael Gwisdek

"So ein Angebot bekommt man als Schauspieler höchstens alle zehn Jahre mal."

Michael Gwisdek ist einer der Hauptdarsteller in dem deutschen Road-Movie Vaya Con Dios.

Frage: In einer Kutte - betend, singend und manchmal sogar Lateinisch parlierend - so hat man Sie noch nie gesehen, Herr Gwisdek. Aber man spürt, sie hatten Ihren Spaß daran ...

Michael Gwisdek: Klar - drei Mönche ziehen von A nach B und treten mit dieser Reise den Weg ins Leben an. Das ist natürlich ein "Klassiker", eine dankbare Vorlage an Spielmöglichkeiten. So ein Angebot bekommt man als Schauspieler höchstens alle zehn Jahre mal. Und da ist es klar, dass man so eine Geschichte mit Freuden annimmt. Da gab es gar keine Überlegung.

Frage: Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor: Besuche im Kloster, Exerzitien, "Fachliteratur", Beichte, Stoßgebete ...?

Michael Gwisdek: Nein, das Drehbuch begreift man doch sofort, und sich zu Hause auf eine Rolle vorzubereiten, wie ich das früher mal gemacht habe, engt eher ein und endet meist mit Enttäuschung am Drehort, weil da alles anders ist. Man muss sich vielmehr überlegen, was das für eine Figur ist, welchen Unterhaltungswert diese Figur hat, denn man muss schon Freude haben an den drei Typen, die da durch die Lande marschieren. Ich persönlich bereite mich dann sehr konkret erst am Drehort vor. Ich muss das Bild sehen, das gedreht wird, dann komme ich auf meine Einfälle.

Frage: Latein zu sprechen war aber kein Einfall am Drehort?

Michael Gwisdek: Oh nein, darauf musste ich mich allerdings vorbereiten. Zum Glück sprechen wir nur am Anfang, als wir noch außerhalb der Welt sind, zum Teil Latein. Das ist sehr komisch. Aber Latein ist für mich so fremd wie Chinesisch. Das musste ich richtig pauken. Da war jede Einstellung eine echte Prüfung - ein Erfahrungswert, den ich so noch nie hatte. In den Mustern, die man später von den gedrehten Szenen sah, sieht es dann ganz locker aus. Aber ich weiß jetzt, was Lateinschüler so alles durchmachen bis zur Prüfung.

Frage: Und singen tun Sie, wie die Engel im Himmel ...

Michael Gwisdek: Ja, wir als Cantorianer, für die der Gesang lebenswichtig ist, können natürlich so schön singen und so toll ... das ist schon beeindruckend. Da kommen mir schon die Tränen, wenn ich das höre. Aber ehrlich, wir als Schauspieler können natürlich nie so singen wie diese Mönche. Da wir aber den Ehrgeiz hatten, das so echt wie möglich wirken zu lassen, haben wir uns nicht damit begnügt, nur "playback" zu singen, sondern haben diese Lieder einstudiert und laut gesungen, nicht perfekt wie Opernsänger, aber doch aus voller Seele, laut und mit Inbrunst. So dass ich glaube, dass man uns einfach abnimmt, dass wir das sind, die da so toll singen. Obwohl es natürlich hervorragende Opernsänger waren, die uns "verstärkt" haben.

Frage: An so imposanten Originalschauplätzen zu drehen oder die ganze Zeit in so einer Kutte zu stecken, verändert das die Haltung zur Figur? Für das Spielen?

Michael Gwisdek: Das macht schon eine Menge aus, wenn man sich an solchen Orten bewegt, in einer gotischen Kirchenruine, einer Klosterbibliothek ... das ist schon beeindruckend. Aber für die Mönche ist das ja alles normal, die bewegen sich darin so, wie unsereins in seiner Küche. Entscheidend ist, was in den Leuten vorgeht und wie die in einer moderne Welt wie heute klarkommen: Die haben kein Geld, die haben kein "Garnüscht", die rotieren ziemlich ahnungslos durch die Gegend, und das ist sehr lustig und aufregend.

Michael Gwisdek
Plakat zu 'Vaya Con Dios'

Dirk Jasper FilmLexikon

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