Interview mit Michael Schaack
Michael Schaack Michael Schaack Regisseur des Films Werner - Das muss kesseln!!!

Frage: Beim ersten Werner-Film wurden rund 60.000 Einzelbilder hergestellt. Wie sieht es bei Werner - Das muss kesseln!!! aus?

Michael Schaack: Diesmal ist der Film ja vollanimiert, ohne Realfilmteile wie noch im ersten, deswegen hat sich die Zahl der Einzelphasen erhöht. Auf ungefähr 120.000.

Frage: Wieviele Zeichner haben bei dem Projekt mitgearbeitet?

Michael Schaack: Hier in Hamburg haben wir für das Projekt ungefähr 120 Zeichner beschäftigt. Dazu kommen noch mal 200 Zeichner, die einzelne Szenen gezeichnet haben, die bewegten Figuren eben. Dabei haben wir natürlich auch viele Zeichner beschäftigt, die schon beim ersten Film mitgemacht haben. Die schon den Stil kannten.

Frage: Wie sah die Zusammenarbeit mit Werner-Erfinder Brösel aus?

Michael Schaack: Rötger Feldmann kam regelmäßig zu den Dreharbeiten. Schließlich kann man einen Werner-Film nicht ohne ihn machen, das versteht sich von selbst. Allerdings hat uns Rötger, weil er ja unsere Arbeit kennt, soviel Vertrauen entgegengebracht, dass er nicht jeden Tag dabei war. Er hat das Drehbuch geschrieben und wir haben uns bei wöchentlichen Meetings getroffen, wo er sich die Sachen angeguckt hat. Seine Kritik ist dann in unsere Arbeit eingeflossen.

Frage: Mit Toy Story ist in diesem Jahr der erste ausschließlich am Computer animierte Spielfilm in die Kinos gekommen. Ist der klassische Zeichentrick nicht bald antiquiert?

Michael Schaack: Für mich ist der Computer kein Feind. Man muss sich auf das konzentrieren, was man kann und will. Ich will Geschichten erzählen, mit der Methode der guten alten Handarbeit. Trotzdem verzichten auch wir nicht völlig auf Computer. Bei "Werner - Das muss kesseln!!!" haben wir zum Beispiel die Autos und Motorräder im Computer generiert, aber die dazugehörigen Figuren mit der Hand animiert und hinzugefügt. Das wirkt meiner Meinung nach dynamischer als vollständig am Computer animierte Szenen. Ich persönlich bin nicht so technologiebegeistert, dass ich Filme am liebsten nur noch am Rechner herstellen möchte. Animationen am Computer bleiben eine Spielwiese. Auch die Produktion von "Toy Story" konnte schließlich nicht auf normale Animatoren verzichten, bei jeder Charakter-Animation ist Handarbeit nach wie vor die Grundlage. Unabhängig von der Technik kommt es sowieso immer darauf an, dass man eine gute Geschichte erzählt, die lustig rüberkommt.

Frage: Was unterscheidet Werner - Das muss kesseln!!! von seinem Vorgänger?

Michael Schaack: Erstmal gibt es, wie schon erwähnt, keinen real gefilmten Teil mehr. Dann ist die Geschichte natürlich völlig neu. Höchstens einige kurze Passagen kennt man schon aus den Werner-Büchern.

Frage: Was ist die Faszination der Animation für Sie?

Michael Schaack: dass man sich eine eigene Welt erschaffen kann. Schon beim Lesen eines Comics taucht man in eine andere Welt ein, die einen gefangen nimmt. Bereits als Kind bin ich gern für mich gewesen, habe gezeichnet, mit meine Traumwelt gebastelt.

Frage: In einem Interview zum ersten Werner-Film haben Sie Ihren damaligen Co-Regisseur Brösel als verrückten, aber harten Arbeiter charakterisiert. Wie sehen Sie ihn heute?

Michael Schaack: Das stimmt heute immer noch. Brösel ist ein Maniac, und solche Künstler braucht man, wenn etwas entsteht. Einer, der seine eigene Welt aufbaut und verteidigt. Schließlich ist Werner nicht auf dem Reißbrett entstanden, sondern aus dem Bauch - aus dem von Rötger Feldmann. Und er ist so wie er ist, weil Rötger so ist wie er ist. Er ist das Herz dieses Films.

Frage: Wie hat Werner die Yuppie-Ära überlebt?

Michael Schaack: Zugegeben, Werner ist ein Anachronismus. Er hat keine ahnung von political correctness, steht auch nicht auf Perrier. Werner bleibt Werner. Zu jedem Trend gibt es immer eine Gegenbewegung. Werner ist mit "Arbeitslos und Spaß dabei" großgeworden und hat Erfolg damit, weil er so konsequent anders ist. Werner drückt ein bestimmtes lebensgefühl aus, das natürlich mit Biertrnken und Motorradfahren zu tun hat und nicht so schnell Veränderungen unterworfen ist. Werner vertritt eine Antihaltung, die außerhalb von Moral steht. Werner ist "born to be wild" - innerhalb deutscher Verhältnisse.

Frage: Vom Disney-Klassiker bis zur japanischen Billig-Animation im Fernsehen - wieso boomt der comic?

Michael Schaack: Weil die heutigen Zuschauer mit Comics großgeworden sind. Da gibt es ein Bedürfnis. Dazu sind Trickfilme langlebiger und lassen sich multimedial auswerten. Wer sich aber als Produzent nicht exzellent auskennt, kann sehr viel Geld verlieren. Trickfilm bedeutet: teure Herstellung, lange Produktionszeit. Wir haben sehr viel Lehrgeld bezahlen müssen, viele Fehler gemacht, bevor ein reibungsloser Produktionsablauf gewährleistet war.

Frage: Wo liegen die Defizite der deutschen Trickfilmindustrie im Vergleich zu den USA?

Michael Schaack: Die Amerikaner haben den Vorteil, dass die Einspielergebnisse in ihrem Binnenmarkt schon die Hauptkosten der Produktionen tragen. In Deutschland liegt diese Quote nur bei 70 Prozent. Wir haben außerdem keine großen Produktionsbudgets zur Verfügung. Was bedeutet, dass wir nur sehr schwer gute ausländische Zeichnere bekommen können. Die sind normalerweise höhere Gagen gewöhnt, weil ja auch die Nachfrage nach Trickfilmen steigt. Es gibt in Deutschland keinen beständigen Arbeitsmarkt für Zeichner. Außerdem produzieren wir noch zu sehr für den nationalen Markt.

Frage: Wie sieht's mit den internationalen Chancen für Werner aus? Trifft er einen globalen Geschmack?

Michael Schaack: Es gibt ja eigentlich keinen globalen Humor. Nur den Amerikanern ist es gelungen, ihren Humor in alle Welt zu übersetzen. Deutsche und Humor - das ist schon wieder ein spezielles Thema. Irgendwie scheint niemand zu glauben, dass wir einen haben. Viele tun sich auch schwer, ihn zu verstehen. Es ist für Deutsche generell schwierig, mit Komödienstoffen den Weltmarkt zu erobern. Wobei unsere Trickfilme da noch die besten Chancen haben, weil sich der dort verwendete Humor an den amerikanischen anlehnt. Wenn einer Figur Herzchen aus den Augen steigen, weiß man in jedem Land der Welt, dass es um Liebe geht. Werner - Das muss kesseln!!! hat eine Chance, international verstanden zu werden, weil er graphisch auf der Höhe ist. "Werner - Beinhart" war dagegen noch ausschließlich für den deutschen Markt konzipiert. Und bis zu diesem Film wußte man in anderen Ländern überhaupt nicht, dass es so etwas wie einen deutschen Trickfilm gibt. Aber er öffnete plötzlich Türen, weil er hier sehr erfolgreich war. Jetzt gilt es, diese Chance zu nutzen.

Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch!

Dirk Jasper FilmLexikon
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