Interview mit Mike Leigh

"Das ist kein nostalgischer Film über die Fifties."

Mike Leigh ist der Regisseur und Drehbuchautor des Dramas Vera Drake. Mike Leigh selbst wurde bei diesem Film für zwei Oscars nominiert (Drehbuch-Adaption und Regie).

Frage: Warum wollten Sie die Geschichte von Vera Drake erzählen?

Mike Leigh: Die meisten meiner Filme behandeln irgendeine Form von Eltern-Kind-Problematik - Kinder haben, keine Kinder haben, Kinder wollen, keine Kinder wollen. In diesem Film, der in einer Zeit spielt, in der Abtreibungen in England noch größtenteils illegal waren, wollte ich den Standpunkt jener Menschen zeigen, die glauben, dass der Abbruch von ungewollten Schwangerschaften ein notwendiges Übel ist. Vera Drake ist eine positive, dem Leben zugewandte Person. Trotzdem hilft sie anderen Frauen, das Leben ihrer ungeborenen Kinder zu beenden. Sie tut das nicht für Geld, sondern aus der Überzeugung heraus, sie müsse helfen, wo sie kann.

Frage: Aber warum machen Sie heutzutage so einen Film?

Mike Leigh: Ich denke, in einer Welt der Überbevölkerung und der sexuellen Freizügigkeit ist Abtreibung ein bedeutendes Thema. Indem ich jedoch die Geschichte in das Jahr 1950 verlegt habe, war es einfacher, das moralische Dilemma zu zeigen, ohne in weltanschauliche Propaganda zu verfallen. Denn ich sehe es eher als meine Aufgabe, Fragen zu stellen, und nicht etwa, künstliche Lösungen anzubieten. Das ist schließlich eine schwierige, delikate Angelegenheit.

Frage: In Ihren Filmen interessieren Sie sich hauptsächlich für die Familie. Was ist mit der Politik?

Mike Leigh: Die Familie ist allerdings mein Thema, aber jede Familie ist ein Abbild der Gesellschaft. Deshalb sind auch alle meine Filme politisch, nicht zuletzt Vera Drake. Hier wird ein Individuum gezeigt, das von der Gesellschaft, vom System, zum Verbrecher gestempelt wird. Aber natürlich beschäftige ich mich dabei nicht konkret mit Politik, man hört keine Reden und sieht keine Politiker. Film ist immer eine allgemeingültige Metapher, Probleme werden destilliert und filmisch aufbereitet, und viele Aspekte der Realität werden dabei irrelevant.

Frage: Wie wird Vera Drake zu einer "Engelmacherin"?

Mike Leigh: Es war wohl kaum Veras Absicht, eine "Engelmacherin" zu werden. Es hat sich so ergeben, über viele Jahre hinweg. Sie sieht sich selbst ja auch nicht als jemanden, der Kinder abtreibt, sondern vielmehr als jemanden, der den Frauen hilft.

Imelda Staunton und mir ist schon klar, wie seltsam es dann für sie sein musste, ihr Tun geheim zu halten. Aber so war es eben, und zwar für hunderte von Frauen. Wir haben viel recherchiert. Die Frauen taten das, weil es notwendig war.

Frage: Bei einem Mädchen geht die Abtreibung schief und es muss ins Krankenhaus. Passiert Vera so etwas zum ersten Mal?

Mike Leigh: Das wissen wir nicht. Auch Vera weiß es nicht. Sie kennt die Frauen nicht, die sie besucht. Sie kommt zu ihnen, sie bringt den Eingriff hinter sich und geht wieder. Nur in diesem Fall kennt sie zufällig die Mutter des Mädchens von früher.

Frage: Sie zeigen auch ein Mädchen aus dem bürgerlichen Mittelstand, das schwanger wird. Sie kann auf private Ärzte zurückgreifen, die bereit sind, ihre Schwangerschaft aus psychologischen Gründen abzubrechen. Gab es das tatsächlich?

Mike Leigh: Ja, das war absolut kristallklar. Es gab eine Lücke im Gesetz, die einen Schwangerschaftsabbruch erlaubte, wenn der Arzt nachweisen konnte, dass die Frau wegen ihres psychischen Zustands in Gefahr war. Aber so etwas wissen natürlich die Mädchen aus der Arbeiterklasse nicht, und sie haben sowieso keinen Zugang zu so teuren und verschwiegenen Stellen. Ich fand es wichtig, den Kontrast zwischen diesen beiden Gesellschaftsschichten zu zeigen, nur damit man sieht, dass jede Frau unglücklich schwanger werden kann, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund.

Frage: 1950 waren Sie sieben Jahre alt. Sind eigene Erinnerungen in dem Film?

Mike Leigh: Ja, aber es handelt sich mehr um die Atmosphäre, nicht um Menschen oder Ereignisse. Das ist kein nostalgischer Film über die Fifties. Die frühen Nachkriegsjahre, diese prä-liberale Zeit, schien mir genau richtig für die Geschichte.

Frage: Wie haben Sie den ?Look' des Films entworfen?

Mike Leigh: Vieles von dem, was es 1950 gab, war noch von vor dem Krieg. Gemeinsam mit meinem üblichen Team - Dick Pope, Kamera, Eve Stewart, Produktionsdesign und Jacqueline Durran, Kostüm - kreierte ich diesen vielleicht finster anmutenden, sachlichen, monochromen Ausdruck. Es war eine sehr dankbare Aufgabe, das dann zu drehen. Trotz Veras Optimismus und ihrer Fröhlichkeit bewahrt sich der Film so eine gewisse Düsternis. Aber in der Sequenz im Tanzclub, wo die Menschen ihren Spaß haben, hellten wir die Farben ein bisschen auf.

Mike Leigh

Dirk Jasper FilmLexikon

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