Interview mit Morgan Spurlock

"Amerika ist die fetteste Nation auf Erden, herzlichen Glückwunsch!"

Morgan Spurlock ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent des Dokumentarfilms Super Size Me.

Frage: Sie haben sich einen Monat lang von Burgern, Pommes Frites und Cola ernährt und dabei 25 Pfund zugelegt. Wie kamen Sie auf diese masochistische Idee?

Morgan Spurlock: An Thanksgiving 2003 saß ich auf der Couch meiner Mutter und sah mir die Nachrichten an. Sie brachten etwas über die beiden Mädchen, die McDonald's verklagt hatten. Sie machten die Firma dafür verantwortlich, dass sie fett geworden sind. Ein Sprecher von McDonald's dagegen sagte, man könne die Fettleibigkeit der beiden nicht in Verbindung bringen mit dem Essen von McDonald's. Das sei schließlich gesund und nahrhaft. Ich dachte mir: Wenn es so gut ist, dann müsste ich es doch auch jeden Tag essen können, oder? So fing es an.

Frage: 30 Tage, morgens, mittags und abends zu McDonald's und kein "Nein" bei der freundlichen Frage nach einem "Super Sizing". Sollte man da nicht mit Konsequenzen rechnen?

Morgan Spurlock: Nun, ich hatte vorgebeugt, war bei drei verschiedenen Ärzten, die mir alle sagten, ich würde ein bisschen zulegen und mein Cholesterinspiegel würde etwas steigen. Sie sagten mir aber auch, dass meine Leber das viele Fett aushalten und meine Nieren kein Problem mit dem zusätzlichen Salz aus den Fastfood-Gerichten haben würden.

Frage: Wie ist es tatsächlich gelaufen?

Morgan Spurlock: Ich war total deprimiert, müde und lethargisch. Ich bekam diese unglaublichen Kopfschmerzen, die erst aufhörten, wenn ich wieder Fastfood gegessen habe. Mein Cholesterinspiegel schoss nach oben, auch mein Blutdruck erhöhte sich. Ich legte in einem Monat 25 Pfund zu, meine Leber füllte sich buchstäblich mit Fett. Um es mit den Worten einer meiner Ärzte zu sagen: Meine Leber war wie eine Pastete. Als es auf das Ende des Monats zuging, bestand einer der Ärzte hartnäckig darauf, dass ich aufhören soll. Und er war wirklich erschüttert darüber, dass ich es nicht tat.

Frage: Aber sein Einwand war doch berechtigt. Schließlich hatten Sie ihren Standpunkt klargemacht. Nach drei Wochen waren Ihre Werte ja bereits katastrophal.

Morgan Spurlock: Es gab da einen Zeitpunkt, da bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun. Ich rief alle möglichen Leute an, weitere Ärzte, Freunde, meine Mutter und fragte sie, was sie darüber dachten, aufzuhören. Ich rief auch meinen Bruder an, der immer noch in West Virginia lebt. Er sagte: "Morgan, die Leute essen doch ihr ganzes Leben lang Junk Food. Denkst Du wirklich, neun Tage mehr würden Dich umbringen?" Das war für mich das logischste Argument, das ich von allen Seiten gehört hatte. Also machte ich weiter. Außerdem hat mich meine Mutter nicht zu einem Drückeberger erzogen.

Frage: Ihre Männlichkeit hat etwas gelitten unter Ihrer McDonald's-Only-Diät. Immerhin sagt ihre Freundin Alex sogar vor der Kamera, dass Ihre Libido in dieser Zeit ziemlich eingeschränkt war.

Morgan Spurlock: Ja, sie meinte, dass meine Erektionen während des Fastfood-Versuchs eine ziemliche Katastrophe gewesen seien. Das Interview wurde gemacht, als ich nicht dabei war. Als ich es dann später beim Schnitt gesehen habe, fand ich ihre Äußerungen super. Die mussten wir unbedingt drin haben. Überrascht hat mich das Statement allerdings nicht: Alex ist ja eine überzeugte vegane Ernährungsexpertin und Küchen-Chefin, die mir schon immer vorgeschwärmt hat, wie wichtig der Einfluss von Ernährung auf die Seele und das Sexleben ist.

Frage: Sagen Sie mal ... hatten Sie auch Probleme mit Ihrem Körpergeruch?

Morgan Spurlock: Ich treibe wirklich nicht mehr Sport als der Durchschnittsamerikaner. Während der 30 Tage hatte ich zwischendurch Lust, mal in die Sauna zu gehen um das Zeug wieder auszuschwitzen. Als ich raus ging, kam mir ein Typ entgegen, der kurz die Nase in die Kabine steckte und sagte, "irgendwas hier drinnen stinkt nach Cheeseburger".

Frage: Für Ihren Körper waren 30 Tage McDonald's eine ziemlich ungesunde Erfahrung. Lässt das bei Ihnen nicht das Gefühl zurück, dass die Klagen der Mädchen, die abgewiesen wurden, doch ihre Berechtigung hatten?

Morgan Spurlock: Meiner Meinung nach sind Prozesse nicht der richtige Weg, mit dieser Sache umzugehen. Es sollte gar nicht so weit kommen. Ich frage, wo die Verantwortung der Firmen endet und die Verantwortung jedes einzelnen für seine Gesundheit beginnen sollte. Deshalb ist der Film auch kein Angriff auf McDonald's, er ist ein Angriff auf die Fastfood-Kultur die unser Leben im Griff hat. Genauso wie die Schulen, um die es in meinem Film ja auch geht.

Ich möchte, dass sich die Leute den Film ansehen und hinterher entrüstet sind. Ich möchte, dass sie aus dem Kino kommen und sich fragen, was ihre Kinder da jeden Tag in den Schulkantinen essen. Die Eltern geben ihren Kindern 3 Dollar, und sie kaufen sich davon Pizza und Hamburger, Eiskrem, Schokoriegel und Cola. Alle sagen, diese Kinder leiden an Hyperaktivität, man sollte den Kindern Ritalin verschreiben. Ich finde, wir sollten ihnen erst einmal Cola und all das andere Zeug wegnehmen, bevor wir sie mit Medikamenten voll pumpen.

Frage: Trotzdem geht der Film härter ins Gericht mit McDonald's als mit den Fastfood-Fans oder auch den Eltern, die sie interviewen. Was passt Ihnen nicht an den Fastfood-Unternehmen?

Morgan Spurlock: Es ist vor allem das Marketing und wie gezielt es auf die Kids ausgerichtet ist. Man schaltet die Sonntagmorgen-Zeichentrickfilme im Fernsehen an, und was man kriegt, sind drei Stunden Werbung für Junk Food. Die Kinder werden schon von klein auf mit diesen Werbebotschaften bombardiert. Ich habe Freunde, die ihre Kinder niemals einen Fuß in ein McDonald's-Restaurant setzen lassen würden. Aber wenn man die Kids fragt, was ihr Lieblings-Restaurant ist, dann sagen auch sie "McDonald's".

Frage: Sie haben ja schon etwas erreicht mit Ihrem Film. Sechs Wochen nach der Premiere von Super Size Me in Sundance verkündete McDonalds, dass sie das Super Sizing abschaffen werden.

Morgan Spurlock: Ja, und umso mehr sie betonen, dass unser Film mit dieser Entscheidung nichts zu tun habe, desto mehr hat man den Eindruck, dass er es doch hatte. Diese Maßnahme ist zwar keine Lösung aber eine Neuerung, die ich begrüße. Schließlich setzt McDonald's die Standards für die ganze Branche. Keine Firma will sich nachsagen lassen, sie würde sich nicht um ihre Kunden kümmern.

Frage: Vor kurzem hat McDonald's das neue "Go Active Happy Meal" vorgestellt, ein Menü mit einer Flasche Wasser, einem Pedometer (in deutschen Filialen Step-O-Meter) und einer Fitness-Broschüre. Legt McDonald's gerade den Hebel um, erkennt die Firma, dass auch sie mehr Verantwortung übernehmen muss?

Morgan Spurlock: Warten wir es ab. Das sind winzige Schritte. Tatsache ist doch, dass man nicht zu McDonald's geht, wenn man einen Salat essen will. Während meines Experiments habe ich bei einer von 10 Mahlzeiten einen Salat gegessen. Und man sollte nicht vergessen, dass das gesunde Essen dort nicht gesund ist. Der Crispy Chicken Ranch Salad (in deutschen Filialen "Grilled Chicken Ranch Salad") hat mit Dressing mehr Kalorien als zum Beispiel ein BigMäc.

Frage: Was empfehlen Sie?

Morgan Spurlock: Ich liebe den BigMäc. Ich kann ihn nicht empfehlen, aber wenn man schon einmal bei McDonald's ist, sollte man sich einen BigMäc gönnen. Das ist einfach der beste Burger.

Morgan Spurlock
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Dirk Jasper FilmLexikon

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