Interview mit Moritz Bleibtreu

"Alles, was einem zustößt, hat auch damit zu tun, wie man sein Leben lebt."

Moritz Bleibtreu ist der Hauptdarsteller in dem deutschen Psychothriller Das Experiment.

Frage: Wie war Ihre erste spontane Reaktion, als Sie von dem Projekt erfahren haben?

Moritz Bleibtreu: Mir war sehr schnell klar, dass das ein aufregendes Projekt ist. Es ist wichig, dass man die Verantwortung nicht an jemanden abgibt, der in einem weißen Kittel oder in einer Uniform vor einem steht. Außerdem hatten Oliver und ich schon länger vor, mal etwas zusammen zu machen.

Frage: Das Buch und der Film basieren auf einem Experiment, das in den siebziger Jahren wirklich stattgefunden hat und von dem es auch Videomaterial gibt. Haben Sie sich das angeschaut?

Moritz Bleibtreu: Nein, ich bin der Meinung, dass das, was wir hier gemacht haben, ein Kinofilm ist. Sicherlich, wir erzählen etwas, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Dennoch ist es durch die Verfilmung eine Geschichte, die ihre eigenen Gesetze hat. Ich finde es besser, wenn sich das selbst entwickeln kann.

Frage: Was halten Sie von solchen Experimenten zur Verhaltensforschung?

Moritz Bleibtreu: Es ist sicher interessant und spannend und bringt überraschende Erkenntnisse darüber, zu welch extremem Verhalten scheinbar moralisch gefestigte Menschen fähig sind. Aber es ist natürlich entscheidend, rechtzeitig abzubrechen, bevor die Ereignisse außer Kontrolle geraten.

Frage: Sie haben wochenlang mit denselben Schauspielern in dieser sehr beklemmenden Atmosphäre auf engem Raum gedreht. Wie haben Sie das empfunden?

Moritz Bleibtreu: Mir ist das nie aufgefallen. Wenn man einen Tag an der Tankstelle dreht, und am nächsten in einem Bürohaus, dann nimmt man die Veränderung wahr. Wenn man dagegen jeden Tag an derselben Location ist, verliert man das Zeitgefühl. Natürlich war es ziemlich eng und nicht sehr gemütlich da unten.

Die meisten Leute gehen gerade mal in den Keller, um sich eine Flasche Wein zu holen und bleiben da zwei Minuten. Wir waren dagegen bis zu 14 Stunden am Tag da unten. Da ist man schon dankbar, wenn man mal wieder die Sonne sehen kann. Zum Ende hin - wir haben ja nahezu chronologisch gedreht - wurde es immer brutaler und ernster und unangenehmer. Da reißt man dann schon mal ein paar blöde Witze, um nicht zu sehr darunter zu leiden.

Frage: Wie wichtig ist für Sie die Liebesgeschichte als Gegengewicht zu dieser harten Männerwelt?

Moritz Bleibtreu: Sehr wichtig, denn für den Tarek kommt viel zusammen: Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass er sich wirklich verliebt, das nagt gehörig an ihm, hilft ihm aber auch, das Experiment durchzustehen. Wenn er Dora in dieser schicksalhaften Nacht nicht begegnet wäre, dann wäre alles sicher ganz anders gelaufen. Sie konfrontiert ihn ja auch immer wieder mit der Möglichkeit zu gehen.

Frage: Nach dem Autounfall, durch den die beiden sich kennen lernen, sagt Tarek "Es gibt keine Zufälle." Ist das auch Ihre Meinung?

Moritz Bleibtreu: Nicht ganz. Es gibt Zufälle, aber ich glaube, dass jeder Mensch sein Leben weitgehend selbst in der Hand hat. Alles, was einem zustößt, hat immer auch damit zu tun, wie man sein Leben lebt.

Moritz Bleibtreu. Foto: Agentur Players
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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