Interview mit Moritz Bleibtreu

"Für mich ist Agnes und seine Brüder ein Film über Moral."

Moritz Bleibtreu ist der Darsteller des Hans-Jörg in dem deutschen Kinofilm Agnes und seine Brüder.

Frage: Wie kam es zu Ihrem Mitwirken in Oskar Roehlers "Agnes und seine Brüder"?

Moritz Bleibtreu: Ganz einfach, indem Oskar mir das Drehbuch zuschickte und mir die Rolle des Hans-Jörg anbot. Ehrlich gesagt, stand ich dem Ganzen zunächst etwas skeptisch gegenüber - ich hatte vorher schon Bücher von Oskar gelesen, in denen ich mich persönlich einfach nicht wiedererkennen konnte.

Aber das Buch zu "Agnes und seine Brüder" fand ich auf Anhieb sensationell. Ein Geniestreich! Denn es vermittelt eine Schwärze und Schwere und Sehnsucht, die wohl jeder von uns in sich spürt, aber es erzählt davon auf eine so humorvolle Weise, dass ich hoffe, mit dem Film auch die Menschen zu erreichen, die bislang mit Oskars Filmen vielleicht nicht so viel anfangen konnten.

Frage: Was hat sie an dieser Rolle gereizt? Einerseits ist Hans-Jörg ein unangenehmer Voyeur, andererseits ist er getrieben von einer brennenden Sehnsucht ...

Moritz Bleibtreu: Eben genau dieser Balanceakt. Ich denke, die Mehrheit der Menschen ist auf der Suche nach irgendwas oder irgendwem. Damit kann sich jeder identifizieren. Eigentlich stößt einen Hans-Jörgs Sexsucht ja erst einmal ab - und als Schauspieler ist es meine Herausforderung, aus diesem Charakter eine Identifikationsfigur zu schaffen, die man trotz allem mag. Aber diese Gefühlswandlung war auch in Oskars Buch schon sehr exakt vorgezeichnet. Außerdem ist es eine Figur, die möglichst weit weg ist von den anderen Rollen, die ich bisher gespielt habe.

Frage: Fühlen Sie sich denn immer gleich besetzt? Ihre Filmografie beweist doch sehr eindrucksvoll etwas anderes ...

Moritz Bleibtreu: Nein, aber es gab in den letzten zwei Jahren keine Rollen, die mich wirklich umgehauen hätten. Momentan gibt es in Deutschland kein Geld, um Filme auf die Beine zu stellen, die sich nicht am Mainstream orientieren. Alle Figuren, die mir angeboten wurden, waren für mich immer mit einem ?Für? und ?Wider? behaftet. Bei "Agnes und seine Brüder" hingegen war es gar keine Frage, dass ich darin mitspielen wollte.

Frage: Ich möchte noch mal auf die Figur zurückkommen: Hans-Jörg könnte ja auch nach Erklärungen suchen und Entschuldigungen für sein Verhalten präsentieren ...

Moritz Bleibtreu: ... die es ja immer auch gibt. Für mich ist "Agnes und seine Brüder" ein Film über Moral. Darüber, was Moral mit den Menschen macht, wie sie unser Leben beeinflusst, wie sie uns auf verrückteste Weise degenieren kann. Und wie man zu neuen Lebensansätzen kommt, wenn man diese ganzen Moralvorstellungen mal über den Haufen wirft und sich traut, neue Wege zu gehen. Der Film will die bestehende Moral nicht erschüttern, aber er will aufzeigen, dass es noch ganz, ganz, ganz viele Dinge außerhalb der gängigen Moralvorstellungen gibt.

Frage: Wie haben Sie sich eine solche Rolle angeeignet?

Moritz Bleibtreu: Ich bin nicht der große Rechercheur, eigentlich geht es mir bei meinen Rollen immer darum, gefühlsmäßig an die Figuren anzudocken. Und da gibt es immer einen Punkt, den man von sich selbst kennt: Bei "Agnes und seine Brüder" ist es dieses ?auf der Suche sein? nach etwas, das man sich vielleicht gar nicht genau vorstellen kann, von dem man bislang nur vermutet, dass es das gibt. Das war bei dieser Rolle mein Anker. Der Rest der Rollengestaltung ergibt sich aus der Zusammenarbeit mit dem Regisseur - und aus Äußerlichkeiten. Es macht schon wahnsinnig viel aus, ein blödes T-Shirt und eine komische Hochwasserhose anzuziehen, da verändert sich dein Gang automatisch. Ich muss sagen: Am Ende kommt eben doch alles aus dem Bauch raus. Was hätte ich hier auch groß recherchieren sollen. Sex ist in unserer Gesellschaft einfach inflationär präsent ...

Frage: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Oskar Roehler?

Moritz Bleibtreu: Großartig! Wir mussten uns gar nicht groß finden, sondern haben über die Rolle gesprochen und waren uns einig. Was mir sehr wichtig ist, ist eine Zartheit des Materials, gerade wenn man einen Menschen mit solchen Abgründen spielt. Damit der Zuschauer die Figur an sich rankommen lässt, anstatt zu sagen: ?Das ist ekelhaft, das will ich nicht sehen!?. Nachdem wir uns darüber verständigt hatten, lief alles sehr glatt, und wir werden dies - hoffentlich - wiederholen, wenn Oskar "Elementarteilchen" verfilmt.

Oskar ist ein ganz einzigartiger Regisseur. Er holt Emotionen und Geschichten aus Ecken, von denen ich gar nicht weiß, wo sie überhaupt liegen - und zu denen ich mit einer rationalen Vorgehensweise nie vordringen könnte. Und er tut dies mit einer Vehemenz, die mir völlig fremd ist. So haben Oskar und ich eine Art der Zusammenarbeit gefunden, in der wir uns perfekt ergänzen, auch menschlich.

Frage: "Agnes und seine Brüder" ist mit einer größeren Leichtigkeit inszeniert, als man es sonst von Oskar Roehlers Filmen gewohnt ist ...

Moritz Bleibtreu: Ja, dadurch wirken die Abgründe noch tiefer. Und das, was dieser Film erzählen möchte, strahlt in einem noch größeren Licht, weil er zugänglicher ist. So wird er mehr Leute erreichen. Hoffentlich. Vorhersagen kann man das ja nie ...

Moritz Bleibtreu. Foto: Agentur Players
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