Interview mit Moritz Bleibtreu

"Ich ziehe auf jeden Fall eine leidenschaftliche Liebe vor!"

Moritz Bleibtreu ist der Hauptdarsteller der deutschen romantischen Komödie Vom Suchen und Finden der Liebe.

Frage: Was für eine Figur ist Ihr Mimi?

Moritz Bleibtreu: In erster Linie ein ganz großer Melancholiker und Romantiker. Er ist Musiker, Komponist, ausgestattet mit einer latenten Todessehnsucht, der sich in allem verliert, was Gefühl ist, der nur für seine Emotionen lebt.

Frage: Er scheint auf der Suche nach allem zu sein, nicht nur der großen Liebe ...

Moritz Bleibtreu: Er ist einer, der nie weiß, wann man ankommt. Das kenn' ich auch von mir selber: Man steckt sich bestimmte Ziele, denkt monatelang, das schaff ich nie, bis man, wiederum Monate später, merkt, dass man längst dort war, ohne es zu wissen. Mimi überholt sich ständig selbst, gönnt sich keine Ruhe, sondern springt, wie es temperamentvolle Menschen an sich haben, immer mitten rein ...

Frage: Klingt nach persönlicher Erfahrung ...

Moritz Bleibtreu: Ich ziehe auf jeden Fall eine leidenschaftliche Liebe einer vor, die an eine Zweckgemeinschaft erinnert, bei der nicht wirklich die Funken fliegen. Aber natürlich muss man wissen, wo die Selbstaufgabe oder auch die Selbstzerstörung anfängt. Da muss die Grenze gezogen werden, und die ist bei mir ganz ok. Noch bin ich nicht vom Rathausturm gesprungen, aber ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn man schwer leidet unter Liebeskummer. Zum Glück hat das allerdings noch nicht die Ausmaße wie bei Mimi angenommen.

Frage: Als sexsüchtiger Hans-Jörg in "Agnes und seine Brüder" waren Sie auch auf der Suche. Verbindet dieses Element des Suchens Ihre Rollen?

Moritz Bleibtreu: Es ist wohl eher so, dass das Leben sich die Momente sucht. Manchmal flattert dir ein Skript auf den Tisch, das auch etwas mit deinem Leben zu tun hat. Als das Drehbuch von Helmut Dietl kam, vor etwa zwei Jahren, war bei mir gerade eine Beziehung zu Ende gegangen, nach sieben Jahren ... das Buch zeichnet das in Teilen nach. Zufall? Wer weiß.

Frage: Was hat Sie gereizt an der Rolle?

Moritz Bleibtreu: Erst einmal die Anfrage von Helmut Dietl, dessen Filme "Kir Royal" und "Münchner Geschichten" mich durch meine Jugend begleitet haben. Das Drehbuch hat mich sofort beeindruckt, weil es so ungewöhnlich ist, die Figuren, die Erzählstruktur, alles - aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie das als Film aussehen sollte. Es war eine sehr lehrreiche, reiche Drehzeit.

Frage: Was ist das Besondere an der Arbeit mit Helmut Dietl?

Moritz Bleibtreu: Er ist überdurchschnittlich intelligent und scharfsinnig, weiß genau, was er will und was in Schauspielern vorgeht, weil er selbst ein genialer ist - was man leider ja nie zu sehen bekommt. Ich dachte oft: Spiel's doch selbst ... Er sieht jede Kleinigkeit, spürt jedes Zaudern, manchmal bevor man selbst es bemerkt.

Am Set gibt es ein Rahmenkonstrukt, das eingehalten werden muss, da gibt es klare Regeln. Aber wenn der Grundton einer Szene erstmal gefunden ist, hat man alle Freiheiten, Vorschläge einzubringen. Man arbeitet stark am Text, wie beim Theater. Das ist Literatur, wie bei Shakespeare, nichts wird improvisiert, da hat jedes Komma eine Bedeutung.

Es hat viel Arbeit gekostet, den Text zu seinem eigenen zu machen. Aber das ist bei jedem Text so, der nicht umgangssprachlich ist.

Frage: Sind diese Texte mit ihrer Meta-Ebene trotzdem zeitgemäß?

Moritz Bleibtreu: Das ganze ist ein Märchen, alles ist stilisiert. Aber das, worum es geht, was die Figuren emotional beschäftigt, ist etwas, das jeder kennt. Darin liegt für mich der Reiz: dass man eine Welt erschafft, die zunächst fremd ist, in der man sich aber trotzdem ständig wieder findet. Das ist die Magie des Kinos: das Schaffen einer neuen Welt, die es nicht gibt, trotzdem fühlt man sich an sein eigenes Leben erinnert. Helmut Dietl hat diese Vision mit sehr viel Mut umgesetzt, das bewundere ich. Den Mut zum großen Gefühl gibt es in Deutschland nicht oft, damit haben wir ein Problem. Das ist schade, denn ohne großes Gefühl kein großes Kino.

Frage: Sie mussten Klavierspielen lernen ...

Moritz Bleibtreu: An meinem Beruf liebe ich, dass ich immer wieder Neues lernen muss, wobei Klavierspielen wirklich zu den ganz schwierigen Aufgaben gehört. Aber es hat mich gepackt und ich will auch weitermachen. Ich ärgere mich, dass ich nicht früher angefangen habe, weil man das mit drei Jahren eben besser lernt. Aus mir wird sicher kein großer Pianist, aber wenn ich damit mal 'ne Frau beeindrucken kann - toll!

Frage: Am Ende scheitert die große Liebe an einem winzigen Detail. Ist das so, im wirklichen Leben?

Moritz Bleibtreu: In dem Moment, wenn man leidenschaftlich liebt, verkleinert sich die Welt zum Mikrokosmos, wird jede Kleinigkeit zu einem Berg, der vor einem steht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Beziehungen an so genannten Banalitäten scheitern. Natürlich trennen sich Mimi und Venus nicht wegen der banalen Diskussion über ihren Arsch, aber da wird etwas losgetreten, das ist der Grundstein.

Beziehungen scheitern wegen nicht raus getragenen Mülleimern! Ebenso wie man das Zurückblicken irgendwann sein lassen sollte, sollte man lernen, zu sagen: Das ist 'ne Kleinigkeit, schluck's runter, es bringt nichts. Aber das ist wahnsinnig schwer, ich kenne das von mir selbst und kann hinterher gar nicht verstehen, worüber ich mich so aufgeregt habe. Wie blöd ich war. Man sagt "Liebe macht blind", das gar nicht so sehr, denke ich, aber blöd manchmal.

Frage: Und Ihr persönliches Suchen und Finden?

Moritz Bleibtreu: Da wird nicht so viel gesucht, gefunden schon gar nicht ... Ich geb' mir die größte Mühe, nicht zu suchen - das ist ja etwas, was man von Natur aus tut. Ich glaube nicht daran, dass man etwas beschleunigen kann, indem man Kontaktanzeigen aufgibt oder ins Museum geht, weil da die intelligenten Frauen rumlaufen. Es gehen ja auch Schnepfen ins Museum. Suchen kann man nicht, was sein soll, soll sein, und wenn nicht, dann nicht.

Frage: Ist es schwieriger oder einfacher, wenn man bekannt ist?

Moritz Bleibtreu: Ich glaube nicht, dass man mehr oder weniger Glück braucht, jemanden zu finden, mit dem man leben will, wenn man bekannt ist. Was der da oben in der Hand hat, da will ich nicht reinpfuschen. Die Richtige wird schon irgendwann kommen - wichtig ist nur, das dann auch zu erkennen!

Moritz Bleibtreu. Foto: Agentur Players

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