Interview mit Nathalie Baye
Nathalie Baye Nathalie Baye ist die Hauptdarstellerin in dem Film Eine pornografische Beziehung

Frage: Was hat Sie an dieser Rolle der Abenteuerin gereizt?

Nathalie Baye: Ich erhielt das Drehbuch und war schon vom Titel so fasziniert, dass ich sofort weiterlas. Ich versuche mich in die Rolle des Zuschauers hineinzuversetzen - so mache ich das immer, wenn ich Skripts lese - und kam dabei aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die Geschichte ist so unglaublich bewegend, aber auch komisch und kühn. Stil und Struktur des Drehbuchs sind einfach hinreißend. Die typische Liebesgeschichte wird hier auf den Kopf gestellt: Normalerweise lernt man sich ja zuerst kennen, dann gibt es einen gewissen Zeitraum der Verführung, man verliebt sich und schließlich landet man im Bett... was oft mit einer Katastrophe endet. Aber hier läuft es anders herum. Sie nennt das Verhältnis zu ihm "eine simple, deutlich pornografische Beziehung". Es gab keine Verführung, das ganze Sex-Problem tauchte hier nicht auf, die Dinge waren von Anfang an klar. Damit bekommen die beiden die Chance, sich ineinander zu verlieben.

Frage: Haben Sie Frederic Fonteyne bereits vor dem Dreh gekannt?

Nathalie Baye: Nein, weder ihn noch den Drehbuchautor Philippe Blasband. Ich sah mir Frederics bisherige Arbeiten an und fand seine spezielle künstlerische Vision sehr überzeugend, vor allem, weil sie von einer tiefen Sensibilität herrührt. Frederic Fonteyne, Philippe Blasband und ihr Produzent Patrick Quinet sind alle ungefähr in dem gleichen Alter, etwas über dreißig. Sie haben sich in Brüssel an der Filmhochschule kennengelernt und seither sind sie unzertrennlich. Für eine Schauspielerin ist es sehr wichtig, dass die Leute, mit denen sie arbeitet, sich gut verstehen. Frederic kam mich auf dem Land besuchen und zeichnete mir einige Szenen, damit ich mir einen Vorstellung davon machen konnte, wie sein Film aussehen sollte. Er denkt sehr visuell.

Frage: Keiner der Protagonisten ist neurotisch oder pervers. Frederic Fonteyne sagt, es seien "Menschen wie du und ich".

Nathalie Baye: Genau das macht den Film ja so interessant. Wir sind geneigt, Frauen zu verurteilen, die ihrer Lust Ausdruck verleihen. Dabei zeigt die Flut von Kontaktanzeigen, wie sehr die Leute darauf brennen, neue Erfahrungen zu machen, ihre bisherigen Grenzen zu überschreiten. Deswegen sind diese Menschen noch lange nicht pervers. Vielleicht sind genau jene neurotisch, die ihre geheimen Sehnsüchte ein Leben lang unterdrücken. Der Film erzählt eine witzige, gut ausbalancierte Liebesgeschichte zwischen zwei ganz normalen Menschen - ohne dabei die beobachtende Position eines Psychoanalytikers einzunehmen.

Frage: Wer ist diese Frau, die Sie spielen? Können Sie sich mit ihr identifizieren?

Nathalie Baye: Eigentlich ist es ja reizvoller, sich dem Unbekannten zu stellen. Deshalb spiele ich meistens Figuren, die mir nicht ähnlich sind. Aber als ich mich näher mit dieser Frau beschäftigte, fiel mir auf, wie sehr ich mich in ihr wiedererkenne. Trotzdem weiß ich nicht, wer sie ist. Zu Beginn der Dreharbeiten fragte ich Frederic noch öfter, wie sie denn ihr Geld verdient, oder wie ihre Vergangenheit aussieht, aber dann begriff ich, dass all dies nicht wichtig ist. Wir erhalten zwar einige Hinweise durch die Möbel in ihrem Appartement, sie sind weder allzu bürgerlich, noch proletarisch. Im Grunde existieren beide nur im Blick des anderen. Sie stehen immer Angesicht zu Angesicht. Das hat es mir leicht gemacht, das momentane Gefühl wirklich auszudrücken.

Frage: Diese Frau hat eine sehr gesundes Verhältnis zu ihrer Lust, ohne jeden feministischen Unterton.

Nathalie Baye: Ja wirklich. Es ist eine Liebesbeziehung zwischen zwei Erwachsenen. Macht spielt keine Rolle. Einmal sagt sie zu ihrem Liebhaber: "Ich wollte dies schon immer tun, aber keiner meiner früheren Lebenspartner konnte es akzeptieren. Als ich mich dann als Single wiederfand, entschloss ich mich, diese Fantasie endlich auszuleben." Sie ist sehr mutig.

Frage: Und sie übernimmt die Führung bei diesem Tanz der Liebe.

Nathalie Baye: Das Interessante an dieser Figur ist, dass sie zwei Gesichter hat. Auf der einen Seite treibt sie die Dinge an, auf der anderen benimmt sie sich gegenüber diesem Mann manchmal wie ein kleines Kind. Sie verliert den Halt, brabbelt wie ein Baby unkontrolliert vor sich hin und sagt die albernsten Dinge. Zum Beispiel fragt sie ihn einmal, ob er behaart sei... nur um die Stille zu brechen. Diese Mischung aus kindlichem und erwachsenem Verhalten finde ich sehr amüsant.

Frage: Sie sagt, sie müsse ihre Fantasie ausleben.

Nathalie Baye: Das verstehe ich vollkommen. Wir haben alle unsere Sehnsüchte. Mit zwanzig sagen wir: "Ich würde gerne dies und jenes tun." Später denken wir: "Wenn ich das jetzt nicht tue, werde ich es nie machen." Nicht alle Fantasien müssen ausgelebt werden, ich denke, einige sollten Träume bleiben. Aber diese Frau hat ein echtes Bedürfnis. Ihre Fantasie beherrscht sie total. Sie erlaubt sich den Luxus, sie selbst zu sein. Und das macht sie glücklich.

Frage: Frauen scheinen entschlossener zu sein, ihre Träume zu verwirklichen, als Männer.

Nathalie Baye: Männer sind gehemmter als Frauen. Vielleicht haben sie eher Angst, sich lächerlich zu machen. Außerdem haben Frauen eine neue Freiheit gewonnen, viele Tabus sind gefallen. Früher blieben ihre geheimen Fantasien in der Seele verschlossen, jetzt kommen sie an die Oberfläche.

Frage: Haben Frauen nichts zu verlieren?

Nathalie Baye: Doch, sie haben sogar sehr viel zu verlieren. Deshalb sind sie ja auch so vorsichtig bei dem, was sie tun.

Frage: Die beiden werden nicht zu seelenlosen Sexmaschinen, sie entwickeln Gefühle zueinander ...

Nathalie Baye: Nachdem sie sich zum ersten Mal wirklich "geliebt" haben, fängt sie plötzlich an zu weinen. Sie sagt zu ihm: "Ich war verloren. Plötzlich wusste ich nicht mehr, was sich fühlen sollte." Sich zu verlieben, gehörte nicht zu ihrem Plan. Nicht einmal in ihren Fantasien erlaubte sie sich so etwas. Und als es dann doch soweit ist, stürzt sie dies in tiefe Verwirrung.

Frage: Die Liebe macht ihr Angst!

Nathalie Baye: Es ist eine Frage des Alters. Mit 20 hat man davor keine Angst. Das ganze Leben liegt noch vor einem. Je älter man wird, desto mehr schätzt man die guten Dinge, gleichzeitig wird man aber auch immer ängstlicher. Anfangs hat ihre Beziehung nichts mit ihnen persönlich zu tun. Dann nimmt ihr Verhältnis eine andere Wendung. Und ihre Angst wächst, dass sie das Leben des anderen bestimmen könnten. Das Ende ist sehr bewegend. Sie sagt: "Ich war entschlossen, bei ihm zu bleiben. Und wenn er etwas dagegen gehabt hätte... nun, ich hätte für unsere Liebe bis zum Schluss gekämpft." Aber genau dies tut sie dann nicht. Sie beschließt, dass er Recht hat.

Frage: Sie entdecken, dass sich einander zu lieben genauso erfüllend sein kann wie die geheimsten Fantasien zu verwirklichen.

Nathalie Baye: Weil es neu für sie ist. Es hätte auch genau anders herum sein können. Ein Paar, das sich stets auf die gewöhnliche Art liebt, wird die Leidenschaft wahrscheinlich wieder entdecken, wenn sie etwas Außergewöhnliches tun. Als sie beiden im Film sich ganz normal lieben. Tun sie das mit einer unglaublichen Sorglosigkeit. Als Zuschauer haben wir den Eindruck, sie entdecken gerade ihre Leidenschaft füreinander aufs Neue.

Frage: Das ist eine sehr bewegende, aber auch humorvolle Szene!

Nathalie Baye: Ja, besonders als sie zu ihm sagt, er solle ihr Gesicht mit dem Leintuch bedecken, wenn sie einen Orgasmus hat. Wenn man verliebt ist, befürchtet man oft, sich unziemlich zu verhalten. Deshalb verstehe ich, warum einige Frauen ihre Fantasien lieber mit fremden Männern ausleben wollen als mit ihrem Ehemann. Einige Obsessionen sind nicht unbedingt attraktiv für den Liebespartner.

Frage: Der Film ist oft sehr witzig.

Nathalie Baye: Ich liebe die Szene, in der sie zu ihm sagt: "Im Kino erreichen die Liebenden immer gleichzeitig den Höhepunkt, es ist entweder Himmel oder Hölle, nie irgendwo dazwischen. Im Leben ist es oft die Mitte zwischen beiden." Und dann gibt es die Liebesszene, in der sie ihm von dem Jungen erzählt, der während der Liebe immer auf die Uhr schaute. In einem Magazin hatte er nämlich gelesen, dass 80 Prozent der Männer einen Orgasmus erst nach über 20 Minuten haben. Also strengte er sich an.

Frage: Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sich beide an diesen Moment erinnern. Sie glaubt, sie seien gleichzeitig gekommen, er denkt daran, wie ihm die Puste ausging.

Nathalie Baye: Jeder reimt sich seine eigene Geschichte zusammen. Er sagt beispielsweise, beide hätten sich durch eine Anzeige in einem einschlägigen Magazin kennengelernt. Sie behauptet, der Kontakt sei über Minitel zustande gekommen. Einer von ihnen dreht an der Wahrheit. Es gibt Sachen, die spricht man aus Gründen des Anstands lieber nicht aus. Und dann vergeht die Zeit, vergangene Ereignisse werden ausgeschmückt und die gemeinsame Geschichte verliert ihre Ecken und Kanten.

Frage: Als sie sich gegenseitig ihre Liebe erklären, weint er. Eine schöne Szene?

Nathalie Baye: Sie sagt viel aus über Männer und Frauen im allgemeinen. In der Tat, einen Mann sieht man sehr selten weinen, wahrscheinlich, weil man ihm als Kind beigebracht hat, dass dies unmännlich sei. Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten mal meinen Vater weinen gesehen habe. Er hatte gerade erfahren, dass seine Mutter gestorben war. Ich war noch ein Kind. Im ersten Moment dachte ich, dass dies ihn von seinem Sockel stürzen würde, doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Diese Sensibilität ließ ihn noch stärker erscheinen.

Frage: Als Zuschauer fühlt man sich als Komplize des Paares. Dennoch bleibt ein Rest Geheimnis.

Nathalie Baye: Die beiden besitzen eine Eigenschaft, die heute leider bei vielen Menschen anzutreffen ist. Männer und Frauen, die beruflich sehr effizient sind, haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu äußern. Ich kenne Paare, die ihr Leben lang zusammen sind, dennoch haben sie sich noch nie gegenseitig gestanden, dass sie sich lieben. Jeder Zuschauer kann sich irgendwann im Laufe der Beziehung mit einem der beiden Filmpartner identifizieren. Ich erkenne mich zum Beispiel in der Szene wieder, in der sie ihn Lange nach ihrer Trennung zufällig wieder sieht und ihm nicht folgt. Mir gefällt auch das Konzept, das man mehrere Leben parallel führt. Das hat auch mit meinem Beruf zu tun, damit, dass ich mich in verschiedene Charaktere hineinversetzen und unbekannte Welten betreten musss. Ich verstehe auch Menschen, die in der Treue ihr Glück finden. Das musss sehr beruhigend sein.

Frage: Keiner der beiden ist traurig, als sie das Ende ihrer Love Story erzählen. Vielleicht war es ja eine kluge Entscheidung, die Beziehung zu beenden, bevor die Dinge in eine falsche Richtung laufen konnten.

Nathalie Baye: Ich bewundere Paare, deren Liebe ewig dauert. Aber wenn Menschen zusammenbleiben, obwohl sie sich längst nichts mehr zu sagen haben, dann finde ich das furchtbar. Andererseits gibt es bestimmte erhabene Liebesgeschichten, die nicht länger als drei Tage dauern dürfen. Keine Beziehung ähnelt der anderen, deswegen gehen wir ja jedesmal von Neuem durch die Hölle. In Eine pornografische Beziehung ist die Beziehung der beiden nicht gescheitert, nur weil sie sich nicht mehr sehen. Sie sind jedesmal aufs Neue gerührt, wenn sie davon sprechen. Sie bereuen nichts. Man könnte sagen, dass es auf die Geschichte selbst ankommt und das diese ihnen niemand mehr nehmen kann. Als sie ihn wiedersieht, sagt sie, dass er noch genauso gut aussieht wie an dem Tag, als sie ihn kennenlernte und sie ihn auch ebenso attraktiv findet. Daran ist nichts Tragisches. Vielleicht tut ihr die Trennung weh, aber sie ist nicht verbittert.

Frage: Sie haben sich in ihrer langen Karriere noch nie hinter Make-up oder Manierismen versteckt.

Nathalie Baye: Wenn man das Glück hat, eine solche Rolle spielen zu dürfen, nimmt man sie ernst. Ich wollte mich Hals über Kopf in diese Figur hineinstürzen, mich in keinster Weise schonen. Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr möchte ich mich öffnen. Am Set betrachte ich mich nie im Spiegel. Sophia Loren sagte einmal: "Wenn eine Schauspielerin in einigen Szenen schön sein darf, dann kann sie in anderen auch gewöhnlich erscheinen."

Frage: Die Idee zu de Schauspieler-Duo Baye-Lopez hatte Frederic Fonteyne.

Nathalie Baye: Mit Sergi Lopez zusammenzuarbeiten, war das reinste Vergnügen. Er hat ein wunderbares Gespür für den Moment und eine ganz erstaunliche Authentizität. Er hat mich immer wieder überrascht. So ein reichhaltiger, ergiebiger Text hätte leicht in Deklamation enden können, deshalb haben wir die Anzahl der Takes sehr gering gehalten. Die Dreharbeiten haben mir große Freude bereitet.

Dirk Jasper FilmLexikon
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