Interview mit Paul Maar
Paul Maar Paul Maar schrieb das Drehbuch für den Kinofilm Das Sams

Frage: Ist denn das Sams wirklich so anders als Herr Taschenbier oder sind sie sich ähnlicher als man vermutet?

Paul Maar: Das Sams ist ganz anders als Herr Taschenbier, ihm aber trotzdem sehr viel näher als man denkt. Man kann es nämlich als Taschenbiers Gegenteil sehen. Es verkörpert all das, was Taschenbier an verdrängten, unbewussten und unausgelebten Wünschen und Fähigkeiten in sich hat.

Taschenbier ist schüchtern, ziemlich ängstlich, versucht sich möglichst unauffällig durchs Leben zu schleichen, ist ein wenig melancholisch, hat kaum Kontakt zu anderen Menschen und gesteht sich keine eigenen Wünsche zu. Das Sams ist frech und vorlaut, mutig bis zur Tollkühnheit, ist fast immer gut gelaunt, ist kontakt- und genussfreudig, quatscht alle Menschen an, und lebt nach dem Wunschprinzip. Eine Melange aus Taschenbier und Sams würde dem idealen Menschen sehr nahe kommen.

Frage: Welcher Filmfigur fühlen Sie sich persönlich verwandt?

Paul Maar: Am ehesten Herrn Taschenbier. Ich war als Kind ziemlich schüchtern und durch traurige persönliche Erlebnisse (etwa durch den sehr frühen Tod der Mutter, durch mehrfachen Wohnungswechsel in der Kindheit) eher kontaktgestört. In der Figur des Herrn Taschenbier habe ich mir den Spiegel vorgehalten, mich gewissermaßen selbst verspottet. Das hat mitgeholfen, diesen Zustand zu überwinden.

Frage: Welche größeren Abweichungen wird denn der profunde Sams-Kenner im Vergleich zwischen Film und Buch feststellen?

Paul Maar: Da ist einmal der Beruf von Herrn Taschenbier, der im Buch nur sehr vage als "er arbeitet in einem Büro" beschrieben wird. Im Film ist Herr Taschenbier Regenschirmkonstrukteur und musss die von ihm entworfenen Modelle in der Regenkammer am eigenen Leib testen.

Und schließlich haben wir seinen Chef, den Fabrikbesitzer Oberstein, jünger gemacht als im Buch. So kann er zum ernsthaften Konkurrenten um die Gunst von Frau März werden, in die Taschenbier heimlich verliebt ist. Und Taschenbier hat eine stärkere Motivation seine Schüchternheit zu überwinden, weil er Frau März sonst an den Nebenbuhler verlieren wird. Trotzdem haben wir darauf geachtet, dass die Grundkonstellation zwischen den Figuren und ihre charakteristischen Eigenschaften strikt beibehalten werden.

Frage: Wird es ein Wiedersehen mit dem Sams geben?

Paul Maar: Die Arbeit am Drehbuch und die Wiederbeschäftigung mit der Sams-Figur hat mich dazu angeregt, über ein weiteres Sams-Buch nachzudenken. Es gibt schon eine Grundidee, die sich langsam in meinem Kopf formuliert. Es wird eine Krimiähnliche Geschichte werden, bei der das Sams in große Gefahr kommt. Nun hilft also mal nicht das Sams Herrn Taschenbier oder dessen Sohn Martin, nun musss man dem Sams beistehen. Eine erzählte Geschichte folgt aber anderen Gesetzen als eine Filmgeschichte. Was natürlich keineswegs heißt, dass man diese Erzählgeschichte nicht nachträglich zu einem Drehbuch machen kann.

Frage: Sie haben die Rechte am Sams fast ein Vierteljahrhundert lang zurückgehalten. Warum erschien Ihnen gerade dieses Projekt als geeignete Umsetzung Ihrer Kreation?

Paul Maar: Die Frage ist einfach zu beantworten. Ich hatte vorher noch nie das Gefühl, dass meine Sams-Geschichten in geeigneten Händen sind und adäquat verfilmt werden. Erst in Ulrich Limmer fand ich den Produzenten und Koautor, dem ich anmerkte, dass er die Geschichte kannte und liebte und die Rechte nicht nur deshalb erwerben wollte, weil ein Scout ihm erzählt hatte, dass die Bücher millionenfach verkauft seien. Denn häufig hatte ich es erlebt, dass ein Produzent so tat, als sei er äußerst angetan von der Geschichte, und dann stellte es sich bei einem persönlichen Gespräch heraus, dass er noch keines der Bücher gelesen hatte und etwa "Sams" für einen englischen Vornamen hielt und ihn "Säms" aussprach. Erst bei Ulrich Limmer hatte ich das Gefühl, ihm könne ich meine Fantasiefigur guten Gewissens anvertrauen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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