Interview mit Paul Schrader

"Die Zeiten haben sich definitiv geändert."

Mit Autofocus drehte Paul Schrader den vielleicht bissigsten und tragikomischsten Film seiner sensationellen Karriere.

Frage: Sie haben an einer Vielzahl von Filmen über tatsächlich existierende Figuren gearbeitet - Patty Hearst, Yukio Mishima, Jake LaMotta ... Warum wollten Sie jetzt noch die Geschichte von Bob Crane erzählen?

Paul Schrader: Einer der Gründe ist, dass seine Geschichte die sich wandelnde Vorstellung von männlicher sexueller Identität in den kritischen Jahren von 1965 bis 1978 behandelt. Der zweite Grund ist, dass es um eine männliche Folie à deux geht: Zwei Männer lassen sich gemeinsam auf etwas ein, von dem jeder von ihnen auf sich allein gestellt wohl die Finger gelassen hätte.

Und das verselbstständigt sich, entzieht sich ihrer Kontrolle. Der dritte spannende Aspekt für mich war der zersetzende Effekt, den Berühmtheit auf den Berühmten und den Fan haben kann - selbst wenn es nur ein kleines bisschen Berühmtheit ist. Bob wurde die Durchführung seines selbstzerstörerischen Verhaltens ermöglicht und erlaubt, weil er ein kleiner TV-Star war.

All das hängt damit zusammen, wie wir Berühmtheit behandeln und was wir von Berühmtheiten erwarten. Wir sagen ihnen, dass ihre Kapriolen harmlos sind. Und damit implizieren wir: Macht ruhig weiter so. Ich wollte mich mit der Rolle befassen, die Berühmtheiten in unserer Kultur spielen.

Und schließlich interessierte mich der desensibilisierende Effekt von Sucht, in diesem Fall die Sucht nach Sex. Crane erkennt immer weniger, wie sehr er mit seinem Verhalten anderen Menschen wehtut, wie selbstsüchtig er ist.

Wenn dies eine Geschichte mit einer Moral ist - und ich bin mir nicht sicher, ob das zutrifft -, dann ist diese Moral sicher nicht: "Habt weniger Sex." Die Moral ist: "Seid nicht selbstsüchtig." Bobs Frevel war ja nicht, dass er mit vielen Frauen geschlafen hat, sondern dass ihm überhaupt nicht bewusst war, was sein Verhalten mit anderen Leuten anstellte.

Frage: Glauben Sie, dass Bob Crane etwas mit den Figuren Ihrer anderen Filme gemeinsam hat?

Paul Schrader: Er ist sich seiner selbst nicht bewusst. Er weiß nicht, was er tut. Ein bisschen erinnert mich das an Travis Bickle aus Taxi Driver (1976). Ein bisschen ist er auch wie Nick Nolte Der Gejagte. Er erkennt nicht, was sich um ihn herum abspielt.

Jeder andere tut das - er nicht. Es ist immer wieder interessant, sich einer Figur anzunehmen, die keinen blassen Schimmer von ihrem eigenen Leben hat, und sie in den Mittelpunkt einer dramatischen Geschichte zu stellen, sich ihren Blickwinkel anzueignen.

Der Zuschauer muss sich auf diese Weise immer ganz unmittelbar mit dem Dilemma des Protagonisten auseinander setzen. Und das Dilemma ist Folgendes: Wer nimmt die Situation richtig war - mein Protagonist oder die anderen? Normalerweise geht man ja immer davon aus, dass der Protagonist genau weiß, was er macht.

Frage: Ich habe mich auch gefragt, ob es Ihre Absicht war, tatsächlich die Geschichte von Bob Crane zu erzählen oder eine fiktive Figur zu erschaffen, die auf Crane basiert. Damit beziehe ich mich speziell auf den Fokus des Films auf Crane und Religion, der in diesem Film - mehr als in Ihren anderen Filmen - expliziter dargestellt wird als in den Artikeln und Büchern, die ich über Bob Crane gelesen habe.

Paul Schrader: Die meisten Freiheiten nahm ich mir tatsächlich bei seiner Freundschaft mit John Carpenter. Carpenter war eine faszinierende und letztlich sehr wichtige Figur in seinem Leben. Aber in seinem Alltag spielte er eigentlich keine allzu große Rolle.

Indem ich so viel Gewicht auf seine Beziehung zu Carpenter lege, verzerrt sich in gewisser Weise das Gesamtbild seines Lebens automatisch. Die Wahrheit ist, dass Carpenter in meinen Augen der interessanteste Aspekt an Cranes Leben war. In jedem Fall ist er viel interessanter als "Ein Käfig voller Helden". Ganz ehrlich, wen kümmert schon ein Film über den Star der Serie "Ein Käfig voller Helden"?

Carpenter und Pornografie geben Cranes Leben eine größere Dimension. Er wurde ein Symbol, sein Leben ein Totem. Er wurde die Hauptfigur in einem größeren Drama, auch wenn er sich überhaupt nicht bewusst war, wie interessant dieses Drama war.

Um die Katholizismusidee aufzugreifen, es gibt da einen Gedanken: "Einmal ein Katholik, immer ein Katholik." Cranes Mutter besuchte die Messe bis zu ihrem Tod zwei- bis dreimal die Woche, und sie lebte nur einen Häuserblock von ihm entfernt. Er war kein übermäßig religiöser Typ. Er ging in die Kirche, als er jung war.

Aber als er Erfolg hatte, spielte Religion eine immer geringere Rolle in seinem Leben. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass er als junger Mann nach diesen Regeln gelebt hat. Katholiken, die eine Kirche mehr als 30 Jahre nicht betreten haben, sind immer noch geprägt von ihrer Erziehung.

Frage: Der Film basiert auf Robert Graysmiths Buch "The Murder of Bob Crane". Haben Sie noch andere Recherchen angestellt?

Paul Schrader: Ja. Das Graysmith-Buch befasst sich in erster Linie mit dem Mord und dem, was danach geschah. Davon findet sich im Film überhaupt nichts. Also musste ich meine eigenen Recherchen über Bob Cranes Leben anstellen.

Ich sprach mit seinem Sohn Bob Crane jr., Mark Dawson, Richards Sohn und Carpenters Freund, und Diana Carpenter, seiner Witwe. Schließlich sprach ich auch mit Scotty Crane, seinem Sohn aus zweiter Ehe, und Menschen, die mit Crane im Show-Business zu tun hatten und ihn damals in Hollywood kannten.

Frage: Crane sagte, dass es für ihn am wichtigsten sei, gemocht zu werden. Und doch hatte er eigentlich nur einen Freund.

Paul Schrader: Wenn er sagt, dass Eddie Cantor gesagt hat: "Liebenswertigkeit ist die wichtigste Sache", dann meint er damit nicht, dass seine Freunde ihn mögen sollen. Er will von der Öffentlichkeit gemocht werden. Und Bob wurde von der Öffentlichkeit gemocht.

Er ist einer dieser Typen, denen man fortwährend vergibt. Aber es ging nicht darum, dass ihn andere Menschen mögen sollten. Tatsächlich gab es ja nur sehr wenige, die ihn mochten. Es geht darum, dass er mit seinen Exzessen durchkam, weil er so "liebenswert" war.

Frage: Worauf beziehen Sie sich im Titel? Paul Schrader: Auf mit sich selbst beschäftigt sein. Die Autofokus-Funktion war noch gar nicht erfunden, als Bob Crane umgebracht wurde. Also geht es nicht um diese Kamerafunktion, obwohl die Pointe, die darin beinhaltet ist, durchaus beabsichtigt ist.

Aber die Bedeutung ist ganz einfach: "Auto" heißt "selbst". "Selbstfokus". Der Titel bezieht sich auf das übergreifende Thema des Films, also Selbstsüchtigkeit. Der Titel ist nicht "Sex Addict", sondern "Auto Focus".

Frage: Es gibt ein sehr interessantes Gespräch gegen Ende des Films, in dem Bob Crane mit seinem Sohn über das Wort "orange" spricht.

Paul Schrader: Davon hat mir Bob jr. erzählt, der zufällig zuhörte, als sein Vater dieses Gespräch kurz vor seinem Tod mit einem anderen Mann führte. Er konnte damals nicht so recht verstehen, was damit gemeint war.

Aber heute vermutet er, dass sein Vater an einem Punkt angelangt war, an dem er ein paar grundlegende Dinge über sein Leben herausfinden wollte. Dass die Dinge versteckte Bedeutungen haben. Also baute ich das Gespräch in den Film ein.

Frage: Wenn Crane all diese Dinge heute passieren würden, glauben Sie, dass seine Karriere ähnlich den Bach runtergehen würde? Ich habe den Eindruck, dass man diese Entgleisungen heute eher vergibt als damals.

Paul Schrader: Tausende von Menschen haben private Porno-Websites. Home-Pornografie wird nicht länger als Tabu angesehen.

Frage: Selbst Home-Pornografie bekannter Leute?

Paul Schrader: Na, sehen Sie sich doch den Fall Pamela Anderson an. Man hat ihr Home-Video gestohlen und ins Web gestellt. Jeder, der will, kann es sich ansehen.

Frage: Und Sie ist immer noch der Star einer beliebten Fernsehserie und ist auf den Titelbildern zahlloser Magazine zu finden.

Paul Schrader: Genau. Die Zeiten haben sich definitiv geändert.

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Dirk Jasper FilmLexikon

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