Interview mit Peter Chan
Peter Chan Peter Chan führt die Regie in dem Film Honkong Love Affair.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit damals mit Maggie Cheung in "Alan And Eric", verglichen mit "Hongkong Love Affair - Tian mi mi"?

Peter Chan: Nicht so anders. Maggie ist sehr präzise, intelligent, sie geht ihre Rollen gründlich an, soweit sie sich mit den Filmen identifizieren kann. Das ist ganz anders als sonst bei den meisten chinesischen oder Hongkong - chinesischen Schauspielerinnen, die auf den Set kommen, das spielen, was man ihnen sagt und wieder verschwinden, ohne eigentlich zu wissen, worum es bei der Figur geht.

Auch Maggie hat in diversen Kommerzfilmen mitgewirkt, wo es sicher besser war, den Regisseur nicht mit Fragen aufzuhalten. Aber im Grunde ist sie eine viel zu ambitionierte Schauspielerin. Ich könnte mir vorstellen, dass es manchen Regisseur eher stört, über das Anlegen einer Figur lange zu debattieren, denn wir sind hier in Hongkong und da hat niemand Zeit. Aber ich habe sehr gerne mit ihr gearbeitet, denn sie hat viele Ideen eingebracht und den Charakter der Figuren wirklich sehr genau erfaßt. Der einzige Unterschied zu früher ist, das sie heute sehr viel gelassener an die Dinge herangeht. Dadurch wirkt ihr Spiel heute noch ausgereifter.

Frage: Etwas, das ganz bezeichnend ist für die Kultur Hongkongs und in ihrem Film eine zentrale Rolle spielt, ist der Begriff des Schicksals.

Peter Chan: Richtig. Das ist das eigentliche Thema des Films. Der Anfang vom Ende. Ich denke, es gibt ein Bedürfnis, an so etwas wie Schicksal zu glauben, denn unser Dasein stellt sich als ein großes ungewissen Rätsel dar. Das betrifft nicht nur die Menschen in Hongkong, sondern überhaupt alle Chinesen.

Chinesen sind seit mehr als vier Jahren auf der Wanderschaft durch die Welt, aber egal wo sie sind, egal wie gut es ihnen geht, die Sehnsucht nach Rückkehr ist ungebrochen. Das ist der Kern des Films: der Lebensweg der Vatergeneration. Mein Vater ist in der zweiten Generation Thai-Chinese. Schon sein Vater und der Vater meiner Mutter sind vor langer Zeit vor der Armut in China nach Thailand geflohen. Gleiches gilt für viele andere Chinesen, die nach Südostasien ausgewandert sind, um woanders eine gesicherte, bessere Existenz zu finden. Wenn sie es zu etwas Wohlstand gebracht hatten, schickten sie ihre Kinder zurück nach China, damit sie ihre Identität in der Heimat finden konnten. Aber da ist es meistens schon zu spät, die Kinder fühlen sich nicht mehr als richtige Chinesen.

Diejenigen, die China vor der Kulturrevolution verließen, hatten Glück. Die anderen gingen in den siebziger und achtziger Jahren, aber alle hatten sie eins gemein: sie landeten in Hongkong. Denn Hongkong war und ist die erste Station direkt vor der Haustür. Und viele sind schließlich in Hongkong hängengeblieben, haben Familien gegründet und Kinder bekommen, die gar nichts anderes mehr kennengelernt haben als Hongkong, so wie ich auch.

Das Schicksal spielt eine große Rolle in der chinesischen Geschichte. Nehmen sie beispielsweise Hongkong. Zwischen Ende der sechziger und Anfang der achtziger Jahre war die Zeit, in der Honkong sich rasant entwickelte. Die Zukunft der Stadt scheint absolut gesichert, eine Einflußnahme von kommunistischer Seite stand nicht im mindesten zu erwarten. Und just zu diesem Zeitpunkt ist 1983 der Vertrag über die Rückgabe der Kronkolonie Ende 1997 geschlossen worden. Eine völlig neue Situation. Das heißt, für Chinesen ist der Glaube an eine höhere macht ganz wesentlich, der Glaube an eine höhere Instanz, die die Dinge der Menschen unabänderlich vorherbestimmt.

Frage: Es scheint, als seien Sie dabei, da Wesen von Chinesen und Hongkong-Chinesen zu erforschen. Was zeichnet denn den Einwohner Hongkongs aus?

Peter Chan: Die Menschen in Hongkong sind eigentlich apolitisch, denn im Gegensatz zu China hatten wir hier nie eine politische Unterdrückung oder Zensur. Wir brauchten so etwas nie zu fürchten. Politische Probleme waren so gut wie unbekannt. Wenn sie mich fragen, warum der Hongkong-Film so unpolitisch, so kommerziell ist, dann vielleicht weil wir dieses politische Gespür dafür nicht entwickelt haben.

Das wird auch nach der Übergabe der britischen Kronkolonie Ende des Jahres nicht anders werden, denn wir sind es nicht gewohnt, politische Filme herzustellen. Insofern brauchen wir uns, etwas überspitzt formuliert, im Grunde auch nicht wegen einer möglichen Zensur zu sorgen. Erst wenn wir unter einer chinesischen Regierung so etwas wie politische Repressionen erfahren sollten, erst dann kann es sein, dass wir in fünf oder in zehn Jahren auch politisch engagierte Filme machen. Aber heute liegt uns das noch nicht im Blut. Hongkong ist zwar einem rasantem Wandel unterzogen, aber gegenwärtig noch eine ganz unpolitischen Finanzmetropole.

Frage: Ich mag den Film sehr. Aber einige Kritiker in Hongkong bezeichnen ihn sogar als Meilenstein ind ihrer Karriere, womit sie allerdings die vorherigen Filme zugleich abwerten wollen, vielleicht weil es sich dabei vorwiegend um Komödien handelt.

Peter Chan: Vielleicht weil die früheren Filme kommerzieller waren. Aber da gibt es ein Problem. So kommerziell wie die Filme auch wirken mögen, sie haben eigentlich kaum Gled eingebracht. Viel wichtiger für mich aber ist, wie ich die Filme mache.

Ich verabscheue, wenn mich die Leute in eine Schublade packen, und bei "Hongkong Love Affait - Tian mi mi" wa es dann diese: Das ist ein Film, den er seit jehen machen wollte, aber nicht konnte, weil er genötigt war, gängige Filme zu produzieren, immer sehr scharf zu kalkulieren und so weiter und so weiter. Aber das ist gar nicht wahr. Ich bin auf jeden einzelnen Film, den ich gedreht habe, stolz. Jader ist irgendwie ein Teil von mir.

Dirk Jasper FilmLexikon
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