Interview mit Peter F. Bringmann
Peter F. Bringmann Peter F. Bringmann über den Film "Die Sturzflieger"

Frage: Eine Science Fiction-Komödie ist in der deutschen Filmlandschaft ungewöhnlich. Wie kam es zu dem Projekt?

Peter F. Bringmann: Matthias Seelig - der Autor - und ich haben bereits im Jahre 1984 eine Komödie im SF-Genre erfunden. Wir entwickelten eine erste Geschichte, Matthias schrieb ein Treatment. Aber von diesem ersten Entwurf bis zum jetzt vorliegenden Film war es ein langer und schwieriger Weg, da wir ja beschlossen hatten, ein wenig außerhalb des Genres zu arbeiten. Wir wollten nicht einfach die alten Schemata der Science Fiction-Filme bedienen, sondern eher ein komödiantisches Road-Movie machen, das zufällig im Weltraum spielt. Das war insofern ein ziemlich hochgestecktes Ziel, als dieses Genre innerhalb der deutschen Filmlandschaft gar nicht existierte. Wir wollten Neuland betreten und dabei eben nicht nur die ausgefahrenen Wege des amerikanischen SF-Films gehen.

Gleichzeitig wußte natürlich jeder potentielle Produzent, dass so ein Projekt ziemlich viel Geld kosten würde. Der entscheidende Startschuß fiel dann im Jahre 1991, als sich die Bavaria Film entschloß, diesen Film zu produzieren.

Frage: Die Geschichte erinnert, gerade in der Charakterisierung Rio Kowalskis, an ihren größten Erfolg "Theo gegen den Rest der Welt". Was fasziniert Sie an den ewigen Loosern, die immer wieder auf die Beine kommen?

Peter F. Bringmann: Die Ähnlichkeit von Rio Kowalski mit Theo Gromberg ist durchaus gewollt. Solche Stehaufmännchen-Figuren, die immer wieder an ihrer eigenen Unzulänglichkeit scheitern, sich dennoch nicht entmutigen lassen und immer wieder den Kopf hinhalten, auch wenn's noch so weh tut, sind für mich die wahren Helden des Kinos.

Rio ist einer der letzten Desperados, ein Einzelgänger mit rauher Schale und einem tief versteckten guten Herz, der weiß, dass er in der Welt, in der er nach oben zu kommen versucht, keine Chance hat, wenn er sich nicht anpaßt. Aber er will es trotzdem wissen und riskiert dabei Kopf und Kragen und versucht, seine kleinen Niederlagen immer wieder in Siege umzumünzen, was ihm natürlich nie wo recht gelingen will. Letztlich ist Rios Lebensphilosophie ein Anachronismus - und das macht ihn so sympathisch. Und ich glaube, solche liebenswerten Looser sind die einzigen, die den kalten Weltraum überleben können.

Frage: Wie stellte sich die Zusammenarbeit mit Götz George dar?

Peter F. Bringmann: Ich habe ja schon vorher mit Götz George zusammengearbeitet und wußte deshalb, dass wir beide sehr gut miteinander arbeiten können und uns gut ergänzen. Götz ist sicher einer der besten, die wir in Deutschland haben, und es war auch an der Zeit, dass er - wie jetzt durch den Preis in Venedig - internationale Anerkennung findet.

Die Rolle des Max war für ihn insofern eine Herausforderung, als er eben nicht den Draufgänger spielen durfte, sondern dem empfindsamen Replikanten Leben einhauchen musste. Es ist, wenn man so will, die klassische Rolle des Golem: ein von Menschen erschaffener Maschinenmensch. Da ihn aber Rio Kowalski sozusagen als sein alter Ego gebaut hat, ist er etwas anders als sonst: er ist ein naiver und sentimentaler Android, der seine Gefühle entdeckt und damit nicht klarkommt - ein grundanständiger Kampfroboter, der die Regeln nicht brechen will und unbeirrt an das Gute im Menschen (und im Replikanten) glaubt - das war die gewaltige schauspielerische Herausforderung, die Götz angenommen und bewundernswert bravourös bestanden hat. Wir haben gemeinsam die Figur Max geformt - aber Götz hat ihr wirklich Gefühl und Leben geschenkt.

Frage: "Die Sturzflieger" lebt auch von der Opulenz der Sets, den Lichteffekten. Sie haben an sehr vielen verschiedenen Drehorten gearbeitet, was für das Science Fiction-Genre recht ungewöhnlich ist. Was waren Ihre Vorbilder?

Peter F. Bringmann: Das SF-Genre ist insofern einzigartig, als es sich nur auf sich selbst bezieht und nicht auf eine Realität, an der man es messen kann. Science Fiction ist eigentlich eine Erfindung des Kinos. Eine künstlliche, nur für das Kino erfundene Welt, eine Welt ohne Grenzen und Vorgaben. Die einzigen Grenzen, die der Phantasie gezogen werden, sind die ökonomischen: der Etat eines SF-Films bestimmt den Grad der Opulenz.

Wir hatten uns - wie schon erwähnt - ein Road Movie im Weltraum vorgenommen, also eine krasse Mißachtung der traditionellen Regeln, die da heißen: Wenn die Drehorte schon so teuer sind, da man sie komplett bauen muss, dann sollten es wenigstens nicht so viele verschiedene sein. Es muss also eine Geschichte her, die an die gleichen Orte immer wieder zurückkehrt, damit möglichst viele Szenen an möglichst wenigen Drehorten spielen. Das Road Movie hingegen verlangt die ständige Fortbewegung, den raschen Wechsel der Orte, die Flucht nach vorne. Normalerweise hätte man für einen solchen Film ein Hollywood-Budget der oberen Kategorie gebraucht.

Es scheint schlechterdings unmöglich, einen SF-Film so anzulegen, dass kein Motiv länger als 7 bis 8 Minuten im Bild ist, die meisten sogar noch weit kürzer. wir haben daher auch einige Kompromisse gemacht, haben reale Drehorte so weit umgestaltet, dass man in ihnen die Archetypen des Genres wiedererkennt; wir haben die Orte der Handlung bis ins letzte Detail erfunden und ausgestattet - und dann an anderen Stellen haben wir wieder improvisiert. So ist, glaube ich, eine gute Mischung von Opulenz, Einfallsreichtum und Improvisation herausgekommen, die einen den Spaß am Genre auf dieser abenteuerlichen Reise wiederentdecken läßt.

Frage: Worin lag das Problem mit den Special Effects, die den Start in Deutschland verzögerten?

Peter F. Bringmann: Für die Special Effects galt das gleiche, was auch für die Motive gilt: wir hatten mehrere Raumschiffe - insgesamt fünf, die sowohl innen im Studio als auch außen als Modell wichtige Rollen spielen. Dann haben wir die schrottige Weltraumstation Katanga, und schließlich den Sandplaneten Schat-al-Schat - nicht zu vergessen das Wrack der Titanus. Dazu dann Effekte beim Kampf in der Arena von Katanga, Abstürze, Crashs usw. Das war so eine gewaltige Menge an Effekten, dass keiner der Beteiligten im Vorfeld wirklich genau abschätzen konnte, was das konkret bedeutet, welcher Zeit- und Geldaufwand dafür nötig sein würde.

Da wir den Geldaufwand so klein wie möglich halten mussten und nicht erhöhen konnten - unser Budget hatte nicht Hollywood-Dimensionen - schlug sich das im Zeitaufwand nieder: so dauerten die Trickarbeiten eben viel viel länger als angekündigt und erwartet. Verbesserungen, Veränderungen und Reklamationen taten ihr übriges, so dass diese Arbeiten letztendlich mehr als 6 Monate länger als geplant dauerten. Entsprechend verschob sich die Endbearbeitung des Films, Musik, Mischung usw. dass es so lange gedauert hat, ist sehr schade - aber jetzt ist der Film endlich da.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Dirk Jasper FilmLexikon
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