Interview mit Peter Lichtefeld

"Themen sind mir beim Schreiben nicht bewusst im Kopf."

Peter Lichtefeld ist der Regisseur und Drehbuchautor des deutschen Kinofilms Playa del Futuro.

Frage: Was sind die Hauptthemen von "Playa del Futuro"?

Peter Lichtefeld: Man muss sich im Leben überlegen, was man tut. Man sollte seine Zeit nicht verschwenden, man sollte die Dinge nicht aufschieben, die man zu erledigen hat. Darum geht?s. Zum Beispiel Jan: Eigentlich hätte er längst den Mut finden sollen, Kati seine Liebe zu zeigen, um sie kämpfen müssen. Doch er traut sich nicht, er leidet still vor sich hin. Solange hat er sich die Chance genommen, zu sich zu stehen, erwachsen zu werden.

Frage: Geht es auch darum, sich nicht aufzugeben?

Peter Lichtefeld: Klar, die Hauptfiguren sind ja schon alle in den Vierzigern, doch sie geben sich nicht auf, sie suchen weiter. Wer sich aufgibt, lebt nicht mehr. Aber es geht genauso darum, sich selbst und das, was man fühlt, nicht zu ernst zu nehmen. Beispiel Angie: Sie will an diesem gottverlassenen Ort die Bahnhofskneipe übernehmen, ein neues Leben beginnen. Als der Traum platzt, ist Angie natürlich frustriert. Aber sie geht nicht rein in den Frust, sondern sie nimmt es an, was sie eben nicht ändern kann. Und fährt weiter.

Frage: Wie haben Sie die Geschichte zu Playa del Futuro entwickelt?

Peter Lichtefeld: Themen sind mir beim Schreiben nicht bewusst im Kopf. Ich bin jemand, der den Ort, an dem die Handlung spielt, kennen muss, um schreiben zu können. In einer sehr frühen Schreibphase, da gab es noch kein Drehbuch, bin ich mit meinem Cutter Bernd Euscher, der auch ein guter Freund von mir ist und gut Spanisch spricht, zweimal länger durch Spanien gereist.

Wir haben diesen Bahnhof gesucht ? und gefunden. Das war für mich sehr wichtig, dieses Reisen durchs Land, die Inspiration, die von der weiten, leeren Landschaft ausgeht, die so dünn besiedelt ist, wie es das in Deutschland kaum noch gibt. Der Bahnhof, der in dieser endlosen Ebene liegt, die Gleise ins Nichts, die für mich von Sehnsucht und Verlangen sprechen, all das sind Dinge, die mich faszinieren.

Frage: Wie groß ist der Unterschied zwischen erster und letzter Drehbuchfassung?

Peter Lichtefeld: Die haben beide nicht das Geringste miteinander zu tun. (lacht) Nein, mal ernst. Ein Drehbuch ist nie wirklich fertig, es ist ein lebendiger Prozess, an dem ja auch andere beteiligt sind. Nicht nur mein Co-Autor, auch mein Produzent z. B. Und dann natürlich die Schauspieler, allen voran Peter Lohmeyer. Mir gefällt der Satz von Truffaut sehr, dass der Dreh die Korrektur des Drehbuchs und der Schnitt die Korrektur des Drehs ist.

Frage: Ist ein gutes Drehbuch eine notwendige Voraussetzung für einen guten Film?

Peter Lichtefeld: Ja, immer! Wenn ich im Kino sitze und mich langweile, weil die Geschichte mich nicht packt oder ich den Figuren nicht glaube, dann liegt das, finde ich, ganz oft am Drehbuch.

Frage: Wer begleitet Sie während des Schreibens? Sind Sie in dieser Phase für Kritik empfänglich?

Peter Lichtefeld: Unbedingt. Am Anfang hatte ich eine Dramaturgin, die das von mir Geschriebene analysierte und Vorschläge machte. Später kam Dirk Drebelow als Dramaturg und Co-Autor dazu, er hatte viele eigene Ideen. Ich brauche beim Schreiben auf jeden Fall die Kommunikation. Auch die mit meinem Produzenten Jörn Rettig war auch diesmal wieder sehr fruchtbar.

Frage: Warum spielt das Reisen in Ihren Filmen eine so große Rolle?

Peter Lichtefeld: Vielleicht weil ich selbst gern reise. Reisen ? das heißt für mich auch sehr wesentlich: innere Reise. Ich bin keiner, der in exotische, arme Länder fährt. Ich bin ein Verehrer des europäischen Gedankens, ich liebe Europa. Wenn ich reise, ist das immer auch eine Reise zu mir.

Frage: Haben die Erfahrungen, die Sie nach dem Kinoprojekt Zugvögel ... einmal nach Inari als Regisseur von Fernsehfilmen und Fernsehserien machten, Ihre Arbeitsweise bei Playa del Futuro beeinflusst?

Peter Lichtefeld: Nur wenig. Beim Fernsehen lernt man natürlich effektiveren Umgang mit Schauspielern, denn da muss man sich wirklich beeilen. Das Visuelle ist nicht ganz so wichtig, weil das Bild kleiner ist. Fürs Fernsehen zu arbeiten ist nicht immer das, wofür das Herz ganz laut schlägt. Was habe ich noch gelernt? Vielleicht Kompromissfähigkeit zu entwickeln.

Frage: Wie gehen Sie bei der Wahl Ihrer Schauspieler vor? Haben Sie von Anfang an eine Idealbesetzung im Kopf?

Peter Lichtefeld: Die Besetzung entsteht beim Schreiben, beim Erarbeiten der Figuren. Dann spielt für mich auch eine Rolle, ob ich jemanden persönlich kenne und weiß, dass er nicht nur ein sehr guter Schauspieler, sondern auch als Mensch nett ist. Deswegen eben immer wieder mit Peter Lohmeyer, mit Nina Petri oder Hilmi Sözer. Oder Kati Outinen, die wieder eine kleine Gastrolle spielt, sie ist ein echter Genuss. Ich hoffe, ich kriege mal ein Drehbuch, bei dem ich ihr die Hauptrolle anbieten kann.

Und Miklos Königer, der den alten Seemann Láslò spielt, ist auch besonderer Typ von Schauspieler und mittlerweile ein Freund von mir. Er bringt auf eine sehr spezielle nicht-deutsche Art sein ganzes Herz ein. Ich liebe ihn und seine ungarische Seele. Miklos ist eine Perle.

Frage: Peter Lohmeyer, Nina Petri, Hilmi Sözer, Outi Mäenpää ? alle spielten sie in Zugvögel ... einmal nach Inari mit und sind auch diesmal wieder mit von der Partie. Nur Zugvögel ... einmal nach Inari-Hauptdarsteller Joachim Król nicht. Hat das einen bestimmten Grund?

Peter Lichtefeld: Ach was! Jedes Drehbuch hat bloß eine begrenzte Zahl von Rollen. Und in einer der männlichen Hauptrollen habe ich ihn nicht gesehen. Ich finde Joachim klasse und will auch wieder mit ihm drehen.

Frage: Wie arbeiten Sie mit Ihren Schauspielern?

Peter Lichtefeld: Ich lasse Ihnen viel Freiraum, aber wir improvisieren nicht. Bei den Proben merken wir, ob wir die Rollen unterschiedlich sehen und wo es möglicherweise Unstimmigkeiten gibt. Das wird dann besprochen und danach entschieden, in welche Richtung es geht.

Wenn ein Schauspieler beim Drehen etwas anderes probieren will, weil er sich nicht wohlfühlt oder den Eindruck hat, etwas stimmt nicht, dann gehe ich erstmal davon aus, dass er Recht hat. Weil ich wiederum davon ausgehe, gute Schauspieler engagiert zu haben, und gute Schauspieler drehen einfach mehr als ich.

Mir ist es ganz wichtig, dass die Schauspieler ein Vertrauen finden, nicht nur zur Rolle, sondern auch zu mir. Wenn ich das schaffe, dann funktioniert es auch.

Frage: Drehen Sie eigentlich viel Material, um für die Montage einen gewissen Spielraum haben?

Peter Lichtefeld: Ich drehe möglichst wenig. Unser Koproduzent meinte sogar: "Erschreckend wenig." Ich drehe sehr gezielt und habe immer eine Vorstellung vom Schnitt. Wir haben in Spanien unter allen klimatischen Bedingungen gedreht, außer, wenn es wie aus Eimern schüttete und man wirklich nichts sah. Das hat es im Schnitt schwierig gemacht. Aber ich habe einen fantastischen Cutter.

Frage: Gibt es eine Phase beim Filmemachen, die Ihnen besonders viel Spaß macht?

Peter Lichtefeld: Der Bildschnitt, denn da entsteht der Film neu. Da vergisst man das Drehbuch dann völlig. Vielleicht würde ich mich wundern, wenn ich es jetzt nochmal lesen würde. Vielleicht stehen da ja tolle Sachen drin, die wir gar nicht gedreht haben. Und die Mischung. Da wo Bild und Ton sich endlich zusammenfügen und man zum ersten Mal seinen Film sieht und fühlt.

Frage: Haben Sie Regie-Vorbilder?

Peter Lichtefeld: Regisseure, die mich inspirieren, sind solche, die vollkommen andere Sachen machen als ich. Stanley Kubrick zum Beispiel. Jeder seiner Filme ist sehr konsequent und sehr eigen, hat eine visuelle Kraft. Alfred Hitchcock ist für mich jemand, der weiß, wie man Geschichten erzählt, genau wie Billy Wilder. Filme von Wilder schaue ich mir auch zehn Mal an, einfach um zu sehen, wie er seine Geschichten erzählt. Um zu lernen.

Frage: Ist die Geschichte von Playa del Futuro eine Art Fortführung von Zugvögel ... einmal nach Inari, ihrem Spielfilmdebüt?

Peter Lichtefeld: Nee, nee ... Playa del Futuro ist für mich sehr anders als Zugvögel ... einmal nach Inari. Die Erzählweise ist sicherlich ähnlich, aber... (zögert) Zugvögel ... einmal nach Inari ist eine One-Man-Story. Da hat ein Mann ein klares Ziel, das er verfolgt. Unterwegs lernt er, dass etwas anderes wichtiger ist im Leben, die Liebe eben. Und der Film hat eine klare Aussage.

Wir müssen nicht schneller sein, sondern besser. Der kürzeste Weg ist nicht immer der beste. So einfach ist das in Playa del Futuro nicht. Da erzählen wir einerseits die Geschichte von Jan. Doch Playa del Futuro ist auch ein Ensemblefilm, denn die Geschichten von Angie, Kati, Rudi, László und Ana sind beinah genauso wichtig.

Alle haben auf eine bestimmte Art ähnliche Ziele. So unterschiedlich die Figuren sind. Der Grund für die Ähnlichkeit, das ist ... naja ... das ist das Leben eben. Die Weisheit des Lebens, die jeder für sich selbst entdecken kann, die wir alle in uns, in unserem eigenen Inneren finden können. Und nur dort.

Da kann doch der Zuschauer auch bei sich selbst ankommen. Ich gehe ins Kino, um ein Stückchen mehr bei mir anzukommen, das wäre wunderbar, wenn das funktionieren würde. Auf jeden Fall, Vergleiche mit meinem ersten Kinofilm, das finde ich irgendwie nicht sehr fruchtbar. Sonst heißt es nachher noch, einen Kursbuchwettbewerb gewinnen zu wollen ist besser, als Koch werden zu wollen. Und das wäre ja nun wirklich falsch. (lacht) Kursbücher kann man ja schließlich nicht essen.

Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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