Interview mit Peter Lohmeyer

"Genervt hat mich, dass Sönke Wortmann mich bei der Besetzung zunächst mal nur nach meinem Sohn gefragt hat."

Peter Lohmeyer spielt in dem Film Das Wunder von Bern Richard Lubanski, der als Kriegsgefangener nach 11 Jahren nach Hause zurückkehrt und sich nur langsam wieder mit seiner Familie anfreunden kann.

Frage: Hatte das echte Wunder von Bern für Sie eine Bedeutung? Und wenn ja, wodurch?

Peter Lohmeyer: Durch Herbert Zimmermann. Seine berühmte Rundfunkreportage hat uns diesen Moment erhalten. Und die wenigen erhaltenen Schwarz-Weiß-Bilder der Tore könnte ich quasi nachzeichnen. Aber für mich persönlich hatte erst die Weltmeisterschaft in Mexiko 1970 eine Bedeutung. Da habe ich mich nachts hinterm Sessel versteckt, damit mein Vater nicht mitkriegte, dass ich um diese Zeit noch fernsehe. Da fing Fußball für mich an zu leben. Und ich war aber schon zwei Jahre Schalker.

Frage: In Das Wunder von Bern spielen Sie eine Figur, die - zumindest auf den ersten Blick - Fußball gar nicht mag. Hat Sie das genervt?

Peter Lohmeyer: Genervt hat mich, dass Sönke Wortmann mich bei der Besetzung zunächst mal nur nach meinem Sohn gefragt hat. Er hat gefragt, ob er Fußball spielen kann oder schauspielern. Der kann beides, habe ich geantwortet. Und was ist mit mir? Na ja, es gibt da noch die Rolle eines Vaters. Sönke hatte vor Jahren ja mal in einem Interview gesagt, dass man keine Fußball-Filme machen könne, weil es keine Schauspieler gäbe, die Fußball spielen können. Das stimmt ja nicht.

Ich habe zum Beispiel beim VfB Stuttgart gespielt - wenn auch nur in der C-Jugend. Bei der Besetzung konnte ich ja noch verstehen, dass ich nicht die Konstitution von Helmut Rahn habe. Aber dass ich keinen dieser Fußballer spielen sollte, war für mich erst einmal schwer einzusehen. Aber das Buch hat mich dann schließlich doch versöhnt. Und außerdem hätte ich mit den Jungs tatsächlich gar nicht mehr mithalten können. Das sind echte Cracks.

Frage: Statt eines Fußballers spielen Sie die Hauptfigur Richard Lubanski. Wer ist das in Ihren Augen?

Peter Lohmeyer: Für mich ist das einer, der seine Heimat verloren hat. Und mit Heimat meine ich Familie. Jetzt ist er ein Suchender. Jemand, der sich hilflos bewegt, aber seine Hilflosigkeit nicht zugeben will. Nicht zuletzt, weil es damals noch viel strengere Verhaltensmuster gab. Da musste ein Mann in seiner Familie "den Mann" stehen. Und das konnte er gar nicht mehr erfüllen. Was ist ein Mann ohne Arbeit? Was ist ein Mann ohne Anerkennung? Nichts in seinen Augen. Und deshalb kann er die Liebe, die ihm seine Frau und seine Kinder ja entgegen bringen, nicht akzeptieren als das, was sie ist.

Wie soll er das auch können, wenn er elf Jahre davon ausgeschlossen war. Er versteckt sich in seiner Einsamkeit und macht zu. Er wird sogar auf eine Art selbstgefällig, was seine Frau ihm ja auch vorwirft. Aber man muss sich immer wieder vorstellen, was diese Leute erlebt haben an Sinnlosigkeit, an Verzweiflung, an Angst. Irgendwann war mir klar: Diese Figur ist leer. Sie hat ihre Identität verloren. Aber ich wollte nie eine Figur schaffen, die nur noch von Mitleid getragen wird und am Ende falsche Emotionen weckt.

Frage: Das ist eigentlich das erste Mal, dass Sie in einem historischen Film mitspielen.

Peter Lohmeyer: Ich hatte einen kleinen Auftritt in Kaspar Hauser, aber da habe ich das Umfeld nicht so wahrgenommen. Das ist hier anders. Auch für meinen Sohn Louis. Wir befinden uns in einer Zeit, die eine ganze Weile vor der eigenen Geburt liegt. Das ist unheimlich interessant. Man folgt einer ganz eigenen Stimmung, man trifft sich mit älteren Leuten, die viel aus dieser Zeit erzählen. Ich bin eigentlich jemand, der nicht großartig recherchiert, weil die Figuren eher aus mir selbst heraus kommen. Aber die Geschichten der Heimkehrer haben mich schon fasziniert. Ich habe mir die Reportagen genau angesehen.

Frage: Das waren schon Menschen in ganz anderen Situationen. Sie fühlten sich überflüssig, waren oft impotent und fühlten sich von der Welt ungerecht behandelt.

Peter Lohmeyer: Ja. Und Sönke Wortmann wollte auch, dass man da tief eintaucht. Es gibt diese Szene beim Kartoffelschälen, wo ich zum ersten Mal was aus der Gefangenschaft erzähle. Er machte mir den Vorschlag, meine eigenen Gedanken bzw. Worte in diese Szene einzubringen. Und dafür musste und wollte ich auch viel wissen, was die erlebt haben. Und da kommen Geschichten hoch wie die, dass die Russen die Spätheimkehrer eigentlich gar nicht mehr als Feinde behandelt haben, dass die Bevölkerung mit denen geteilt hat, obwohl sie so viel Leid über das Land gebracht haben.

Und interessant für mich war, dass so ein historischer Rahmen ganz neue, andere Emotionen in dir als Schauspieler weckt. Das Ambiente hilft dir, zu den Emotionen zu kommen. Du siehst am Bahnsteig die Maggi-Mädchen, du riechst die Schmalzbrote und siehst überall Leute, die Fotos in die Luft halten, weil sie Angehörige suchen. Das ist alles künstlich geschaffen, aber du kriegst eine Gänsehaut nach der anderen. Vor allem an einem so konzentrierten Set wie bei Sönke Wortmann.

Frage: Die Figur selber scheint diese Emotionen aber zu verstecken. Sie spielen sehr reduziert.

Peter Lohmeyer: Ich spiele ohnehin eher zurückhaltend, als dass ich einen drauflege. Aber bei dieser Figur musste ich Einsamkeit, Verlorenheit spielen. Wie macht man das, wenn man nicht ständig mit Tränen in den Augen rumrennen möchte? Ich möchte mit den Feinheiten umgehen. Und das geht natürlich nur, wenn man mit dem Regisseur zusammen vorher weiß, was und wie man spielt. Und bei Sönke weiß man das vorher. Da war einfach eine große Vertrauensbasis. Deshalb konnten wir auch als erste Szene die drehen, in der ich meine Entschädigung haben will. Und die war auf den Punkt.

Dabei hat mir ein Komparse geholfen, der nur noch ein Bein hatte. Ich habe noch nie mit jemandem gespielt, der nur noch ein Bein hat. Der hat mir in der Szene mit einem Kopfnicken signalisiert, dass ich jetzt dran bin. Und wieder war ich emotional in der Stimmung, die für diese Szene wichtig war. Und auch der Rest des Ensembles - und für Sönke ist das ein Ensemble-Film - hat dafür gesorgt, dass ich die Feinheiten bedienen konnte. Von der großartigen Johanna Gastorf bis hin zu meinem Sohn Louis, der wieder völlig anders spielt. Und ich habe ja Louis auch begleitet, wenn ich jetzt keine Szene hatte.

Zum Beispiel, wenn er im Stadion ist. Und die Jungs, die die Mannschaft spielen, in den Drehpausen zu erleben, war großartig. Die redeten miteinander, als seien sie gerade im Trainingslager in Spiez: "Wo ist denn der Kwiatkowski? Hör ma, der sitzt beim Boss da vorne ..." und so weiter. Man war immer drin. Und obwohl ich persönlich immer gerne Spaß habe - und wir hatten auch Spaß beim Drehen -, bin ich in dem Film ja eher für die Traurigkeit zuständig. Es war nie ein Problem, dorthin zu kommen.

Frage: Es gab ja eine doppelte Herausforderung für Sie: Sie spielen nicht nur zusammen mit ihrem leiblichen Sohn Louis Klamroth in einem Film, sie spielen Vater und Sohn. Gab es da überhaupt je eine Trennung zwischen Arbeit und Familie?

Peter Lohmeyer: Da muss man trennen. Mir war wichtig, dass Louis rechtzeitig vom Set wegkam. Und ich kann auch nicht ignorieren, dass ich neben ihm noch drei Kinder habe. Trotzdem haben wir natürlich manchmal abends noch mal Text geübt und sind uns auf eine neue Art näher gekommen. Aber der Film war nicht dauernd präsent.

Frage: Aber das Verhältnis, das Sie beide spielen müssen, ist ja zunächst ein sehr gespanntes, fast feindschaftliches. Wie macht man das?

Peter Lohmeyer: Ich habe mich schon manchmal gefragt: Was denkt der jetzt? Und die Szene, in der ich ihm eine Ohrfeige gebe, die wollte ich lange vorbereiten. Eine Woche vorher habe ich ihm gesagt, ich feg dir mal eine. Das kann ich, ohne dass es weh tut. Ich habe ihm noch nie eine runtergehauen, das war nicht einfach. Aber ich weiß tatsächlich nicht, wo er das, was er macht, hergeholt hat - die bösen Blicke manchmal. Auf der anderen Seite bringt er es schon überzeugend, wenn er sagt, dass er stolz ist auf mich. Aber das sind Gedanken nach dem Dreh. Das ist beim Drehen nicht da. Und Louis kann da genauso trennen wie ich. Das kriegt er ja auch mit. Wenn ich zu Hause bin, laufe ich ja auch nicht als Filmfigur herum. Da ist normales Leben. Und danach hat er sich am Ende der Dreharbeiten auch gesehnt. Er wollte in sein Tennis-Camp nach Altona.

Frage: Sie hatten über Ihre Rolle ja eigentlich kaum Kontakt zu der Schauspieler-Truppe, die als Weltmeister-Mannschaft aufgestellt wurde. Aber über ihren Sohn haben Sie da einiges mitgekriegt.

Peter Lohmeyer: Ja, ich wäre wahnsinnig gerne beim Casting der Mannschaft dabei gewesen, wo Sönke mit allen Fußball gespielt hat. Aber Sascha Göpel, der Helmut Rahn spielt, also einige Szenen mit meinem Sohn hat, habe ich kennen gelernt. Und das ist schon ein Hammer. Der geht noch - was mir als Handwerker sehr gefällt - in Hannover auf die Schauspielschule, hat aber vorher tatsächlich bei Rot-Weiß Essen gespielt und kennt Rahn persönlich. Eine bessere Besetzung gibt es nicht. Und dann verstand er sich auch noch mit meinem Sohn auf den Punkt. Da hat Sönke als Regisseur und Trainer einfach die richtigen Leute zusammen gebracht. Der rührendste Moment war für mich, als wir in der Schweiz einmal zusammen im Mannschaftsbus gefahren sind. Die Fußballer alle in bester Stimmung und mein Sohn Louis mitten drin, als Teil der Mannschaft - und zwar in beiden Welten! Einen besseren Verein als das Team von Das Wunder von Bern hätte ich mir nicht aussuchen können.

Peter Lohmeyer
Filmplakat zu 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'
Peter Lohmeyer in 'Das Wunder von Bern'

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