Interview mit Peter Schamoni
"In erster Linie ein unterhaltsamer Film"
Peter Schamoni Regisseur Peter Schamoni über den letzten Kaiser als schillerndes Auslaufmodell und ersten Kinostar

Frage: Wie fügt sich nach Ihrer Beschäftigung mit Künstlerpersönlichkeiten wie Max Ernst, Niki de Saint Phalle oder Jean Tinguely Majestät brauchen Sonne in Ihr dokumentarisches Werk?

Peter Schamoni: Ich habe mich der umstrittenen Figur des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., zunächst aus kunsthistorischem Interesse genähert, weil er ja selbst in der so genannten "wilhelminischen" Zeit die offizielle - und die gegen ihn gerichtete moderne - Kunst sehr stark persönlich beeinflusst hat. Dann reizte mich mehr und mehr der filmhistorische Aspekt. Als Filmemacher hat mich besonders der hohe Informations- und Unterhaltungswert der wiederentdeckten frühen Stummfilmdokumente mit dem schillernden Selbstdarsteller Wilhelm II. fasziniert.

Frage: Von der Faszination für eine historische Figur bis zur Realisierung eines Dokumentarfilms ist es jedoch ein großer Schritt ...

Peter Schamoni: Nachdem ich als Vorbereitung für den Film ganze Berge von Geschichtsbüchern und Wilhelm II.- Biografien gelesen hatte, gab mir ein neues Buch von Nikolaus Sombart den letzten Anstoß: "Sündenbock und Herr der Mitte". Sombart möchte Wilhelm II. aus dem Getto der Historiker befreien, die ihn immer noch als dynastisches, preußisches Militärmonster beschreiben. Er plädiert dafür, ihn auch einmal als kultursoziologisches Phänomen zu betrachten: als glücklosen Spätromantiker, der versucht hat, sich selbst, den Staat und das Reich als Gesamtkunstwerk zu inszenieren.

Frage: Wie sehen Sie die Verwicklung von Wilhelm II. in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den 1. Weltkrieg?

Peter Schamoni: Es gibt viele Filme über den 1. Weltkrieg und eine Unmenge Literatur über die Kriegsschuldfrage, die auch mein Film nicht endgültig beantworten kann. Wilhelm II. hat nach dem frühen Tod seines krebskranken Vaters im Drei-Kaiser-Jahr 1888 als 29-Jähriger und körperlich Behinderter das von Bismarck auf preußische Militärmacht begründete zweite Deutsche Kaiserreich geerbt. Er war so erzogen worden, dass er fest daran glaubte, seine Krone von Gottes Gnaden geerbt zu haben. Das ewige "Gott mit uns", Wilhelms großspuriges Protzen mit technischer Hochrüstung und seine Marineleidenschaft, der forcierte Aufbau der Flotte, haben die weltweite Allianz gegen Deutschland zusammengebracht.

Der Film dokumentiert u.a. die Tatsache, dass Wilhelm II. noch Ende Juli 1914, wenige Tage vor Beginn des 1. Weltkriegs, auf seiner letzten Nordlandfahrt im Sognefjord bei seinem Lieblingsmaler Professor Dahl feierte, als er aus norwegischen Zeitungen von der Mobilmachung Österreichs, Serbiens und Russlands erfuhr. Jüngere Historiker, vor allem englische Autoren, sehen in Wilhelm II. nicht mehr den Alleinschuldigen, der alles Unheil, das im 20. Jahrhundert von Deutschland ausgegangen ist, initiiert hat. Die verbrecherischen kriminellen Energien eines Adolf Hitler oder Josef Stalin hatte er jedenfalls nicht.

Frage: Unternehmen Sie in Majestät brauchen Sonne eine cineastische Ehrenrettung des Kaisers?

Peter Schamoni: Ich habe keinen politischen Propagandafilm aus irgendeiner starren ideologischen Sicht gemacht. Wilhelm II. wird von mir durchaus kritisch gesehen - aber weder dämonisiert, noch heroisiert, und auch nicht wie üblich karikiert. Man kann ihn nur aus seiner eigenen Zeit heraus verstehen. So wie Ernst Jünger ihn sah: "epochaltypisch." Ich maße mir nicht an, mit dem Film die Rezeptionsgeschichte Wilhelms II. auf den Kopf zu stellen. Aber die Fülle des entdeckten Filmmaterials erlaubt durchaus einen differenzierteren Blick auf seine widersprüchliche Persönlichkeit.

Frage: Welche Hauptmotive in der filmischen Präsenz des Kaisers haben sich beim Sichten des Materials herauskristallisiert?

Peter Schamoni: Ein Großteil des Filmes zeigt ihn natürlich als "Reisekaiser". In jedem Jahr seiner 30-jährigen Regentschaft hat er mit seinem eigenen Hof-Sonderzug über 100 Städte besucht. Im Frühjahr durchkreuzte er mit seiner pompösen Staatsjacht "Hohenzollern" das Mittelmeer, Sizilien und Korfu ansteuernd. Im Sommer war er jedes Jahr nach der Kieler Woche in den norwegischen Fjorden unterwegs auf der Suche nach der nicht untergehenden Mitternachtssonne. Im Herbst fuhr er zu den spektakulären Kaiserjagden in die abgelegensten Regionen des Reiches. Zu seiner Zeit hieß es: Großvater Wilhelm I.: der greise Kaiser, Vater Friedrich III.: der weise Kaiser, Wilhelm II.: der Reisekaiser. Das älteste Filmdokument von 1901 zeigt W.II. in London bei den Bestattungsfeierlichkeiten seiner englischen Großmutter, der legendären Queen Victoria. 1941 hatte die deutsche Nazi-Propaganda-Wochenschau die Beisetzung des Exilkaisers Wilhelm II. im holländischen Doorn gefilmt. Ein großer zeitlicher Bogen, der die Entwicklung und Veränderung dieses Menschen zeigt, der im Alter - im Exil - Würde ausstrahlt.

Frage: Worin sehen Sie die persönliche Tragik des letzten deutschen Kaisers?

Peter Schamoni: dass sein Vater, der liberal gesinnte Friedrich III. nach nur 99-tägiger Regentschaft zu früh starb, um das von ihm favorisierte englische Prinzip der parlamentarischen Monarchie in Deutschland durchsetzen zu können. Der junge W.II. war kein Sonnenkönig, der alles bestimmen konnte. Sein wichtigstes Recht war, den Kanzler zu berufen oder zu entlassen. Gesetze musssten im Reichstag verabschiedet werden. Wilhelm hatte Bismarck von seinem Großvater "geerbt", der alles unterschrieb, was dieser ihm vorlegte. Der 29-jährige Kaiser Wilhelm II. allerdings wollte mitregieren, mitbestimmen. Er wollte an Kabinettsitzungen teilnehmen - aber Bismarck verlangte, dass er nur repräsentierte. W.II. entließ Bismarck und berief in der Folgezeit schwächere Kanzler und Minister. Das Dilemma von Wilhelm II. war auch das Dilemma der deutschen Geschichte: das Militär hatte zuviel Macht. Auch der junge sensible Krüppel W.II. mussste sich in die Militärzwangsjacke zwängen lassen. Sicher war der Gipfel seiner persönlichen Tragik die Tatsache, dass er als zur Abdankung gezwungener Monarch in den letzten 23 Jahren seines Lebens die fatale Entwicklung in seinem Heimatland nur noch passiv aus dem Exil verfolgen konnte.

Frage: Sie haben Ihren Film den unbekannten Kamerapionieren gewidmet ...

Peter Schamoni: Die frühen Kameraleute waren ehemalige Fotografen, die ihre Bilder unglaublich sorgfältig komponierten. Es stand ihnen weder ein Zoom, noch die Möglichkeit zu schwenken, noch ein Teleobjektiv zur Verfügung. Sie musssten ihre Stative aufstellen, und dann beten, dass der Kaiser möglichst nahe vor die Linse kam, damit er überhaupt erkennbar war. Meine Theorie ist, dass Wilhelm II. der erste deutsche Filmstar war. Die Leute gingen in die Jahrmarktbuden, um so genannte "Filmbilder" mit ihrem Kaiser zu sehen. Das waren Ein- bis Zweiminuten-Filme, die mit der Hand gekurbelt und vorgeführt wurden.

Frage: Wo haben Sie die frühen Filmzeugnisse von Wilhelm II. gefunden?

Peter Schamoni: In vielen Archiven, beispielsweise im Bundesfilmarchiv, wo es einen hervorragenden Wilhelm II.-Kenner gibt, den ehemaligen Leiter des DEFA-Dokumentarfilm-Archivs, Gunter Voigt. Außerdem durfte ich mit Hilfe meines Koproduzenten Rob Houwer aus der privaten Filmsammlung des Kaisers, die in Holland nach dem Zweiten Weltkrieg konfisziert wurde, schöpfen. Die Filme, die W.II. über seine Reisen drehen ließ, hatte er mit ins Exil genommen. Er war zu einem regelrechten Filmfan geworden. Während seiner Regentschaft hatte er schon Vorführungseinrichtungen in seinen Schlössern in Berlin und Potsdam und sogar auf seiner "Hohenzollern-Yacht". Auch im Exil, im Vestibül von Haus Doorn, hat er sich gerne die Filme aus seiner Glanzzeit angeschaut.

In Berlin gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch schon italienische, französische und sogar russische Kameraleute, die den deutschen Kaiser "kurbeln" wollten. Mir standen mitunter aus verschiedenen Archiven Bilder von fünf oder sechs Kameraleuten aus verschiedenen Ländern zur Verfügung, die ein und denselben Auftritt gefilmt hatten. So konnte ich dasselbe Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen und das Material so schneiden, dass regelrechte Sequenzen, ein neuer filmischer Fluss entstand. Wir haben das Material auf ein heutiges Tempo - nicht 16 Bilder, sondern 24 Bilder - gebracht, so dass die Bewegungen der Menschen in den Filmen natürlicher wirken und die Leute weniger ruckartig herumzappeln. W.II. selbst fand sich in den ersten Filmaufnahmen nicht majestätisch genug. Aber er erkannte schnell die Bedeutung der "Kurbelkisten" und konnte mit dem neuen Medium gut umgehen. Er schaut niemals irritiert in die Kamera, sondern bewegt sich souverän wie ein großer Schauspieler.

Frage: In welchem Zustand war das Material?

Peter Schamoni: Es war zum großen Teil stark geschrumpft, verregnet, die Perforationslöcher kaputt. Manchmal fanden wir noch alten Nitrofilm, der beim Anfassen auseinander fiel.

Frage: Wie haben Sie das Material bearbeitet?

Peter Schamoni: Wenn die Filme drohten, einem quasi unter den Händen weg zu bröseln, haben wir Bild für Bild sofort digitalisiert und die Schrammen, die Löcher, die Verletzungen des Materials eliminiert. Wir haben teilweise versucht, den Kaiser etwas näher heranzuholen, indem wir in diese Bilder ein wenig hinein gezoomt sind. Das macht den Kaiser erstaunlich lebendig.

Frage: Verfälscht eine digitale Nachbearbeitung das historische Bild?

Peter Schamoni: Nein, im Gegenteil. Wie haben lediglich rekonstruiert. Wir haben nichts hinzugefügt oder verfälscht. Wir haben den Figuren keine anderen Köpfe oder Helme aufgesetzt. Wir haben lediglich dafür gesorgt, klare Bilder zu schaffen, so dass man in der Totalen auf der großen Leinwand erstaunliche Details entdecken kann, die mich selbst immer wieder verblüffen.

Frage: Gab es bei der Materialbeschaffung besonders interessante Funde?

Peter Schamoni: Ein Highlight ist ein frühes Farbfilmexperiment von 1913. Es zeigt die Hochzeitsfeier der Kaisertochter Viktoria Luise mit Ernst August von Hannover, zu der sämtliche Fürsten Europas nach Berlin gereist waren. Der Farbfilm ist ja erst 1936 erfunden worden. Wir können aber in "Majestät brauchen Sonne" Farbmaterial von 1913 anbieten. Diese Sequenz wurde von 3 Kameras gleichzeitig aufgenommen und durch Farbfilter übereinander projiziert (nach diesem System hat man jetzt ein neues Negativ bei Kodak in USA hergestellt). Der Himmel ist blau auf diesen Filmbildern, die Bäume sind grün und die Straßen Berlins sind gelb, weil man sie mit märkischem Sand bestreut hatte, damit bei den Paraden die Pferde nicht ausrutschten.

Frage: Wird es bald wieder einen neuen Spielfilm von Peter Schamoni geben?

Peter Schamoni: Ich habe eine Reihe von Spielfilmen produziert und inszeniert. Aber es ist sehr schwer, mit der amerikanischen Unterhaltungsindustrie zu konkurrieren. Bei uns in Deutschland sind die finanziellen Bedingungen für einen großen Kostüm- oder Actionfilm einfach nicht gegeben. Und die harmlosen Beziehungskomödien interessieren mich heute nicht mehr. Gut recherchierte, gut gemachte Dokumentarfilme, die etwas über die europäische Kultur und Geschichte aussagen, sind dagegen nicht die Domäne Hollywoods. Aber die deutsche Sprache wird international nach wie vor nicht akzeptiert. Es ist fast unmöglich, einen deutschsprachigen Film ins Ausland zu verkaufen. Gute deutsche Filme werden allenfalls mit Untertiteln in Goethe-Instituten gezeigt. Selbst der Ausnahmeerfolg des hochoptischen Films "Lola rennt", der praktisch keinen Dialog braucht, bestätigt das. Deswegen fühle ich mich in meiner Doku-Nische eigentlich ganz wohl. Allerdings habe ich natürlich auch einen Stoff für einen Spielfilm in der Schublade, an dem ich arbeite und wofür sich Mario Adorf bereits interessiert. Ich komme von der Schauspielerei, habe am Theater gearbeitet und die Lust an der Fiktion ist immer da. Und wenn man genau hinsieht, wird man feststellen, dass meine Dokumentarfilme dramaturgisch wie Spielfilme aufgebaut sind.

Frage: Ist "Majestät brauchen Sonne" eine filmische Geschichtsstunde?

Peter Schamoni: Obwohl ich versucht habe, einen absolut authentischen Film zu machen, obwohl ich gemeinsam mit meinem historischen Berater Wilfried Rogasch peinlichst darauf bedacht war, im Kommentar nichts Falsches zu behaupten, habe ich bei der jahrelangen Arbeit an dem Film nie das Sendungsbewusstsein eines deutschen Oberlehrers gehabt. Eher das Gefühl eines Oberkellners, der einem mündigen Publikum, dem normalen Kinogänger, aber auch dem historisch interessierten Intellektuellen etwas anzubieten hat, was den Horizont erweitert, was etwas ins Gedächtnis zurückruft, etwas Licht bringt in die so weit entfernte Wilhelminische Zeit, mit der das 20. Jahrhundert und die Geschichte des Kinematographie begonnen hat. In erster Linie sollte es ein unterhaltsamer Film sein: ein Docutainment, wenn Sie so wollen. Ein Film, den ich mir immer wieder selbst gern ansehe, weil ich in jeder Einstellung immer noch etwas Neues entdecke.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper