Interview mit Peter Timm
Peter Timm

Frage: Herr Timm, ist Der Zimmerspringbrunnen "nur" eine Komödie?

Peter Timm: Ich sage immer: Die beste Komik entsteht vor einem tragischen Hintergrund. Unsere Ausgangssituation ist tragisch: Lobek hat seine Identität verloren. Er lebt ohne Aufgabe in den Tag hinein. Dieser etwas verschnarchte Mensch soll nun - rund zehn Jahre nach der Wende - lernen, ein Konsumprodukt zu verkaufen. Mit einem Schlag bricht der Kapitalismus über ihn ein, an den sich seine Frau längst gewöhnt hat. Zunächst will er nicht. Dann aber fängt er an sich mit dem Produkt "Zimmerspringbrunnen" so stark zu identifizieren, dass er alles andere vernachlässigt. Er schafft einen Verkaufsschlager und wird zum erfolgreichen Vertreter. Damit handelt er aber gegen seine alten Werte und wird so für seine Frau völlig unglaubwürdig. Sie versteht ihn nicht mehr und verlässt ihn. Ein großer Teil der Komik entsteht durch die charmante Verschrobenheit des Hinrich Lobek.

Frage: Sie sind in Ost-Berlin geboren und mit 23 Jahren in den Westen emigriert. Hat Ihnen Ihre eigene Vita geholfen, den Stoff in Szene zu setzen?

Peter Timm: Ja, unbedingt. Diese markigen Parteisprüche, die eine wichtige Rolle im Film spielen, die prangten in der DDR ja an jeder Straßenecke und die haben mich bis in die Traumwelt verfolgt. Für die Hauptfigur Lobek sind diese Losungen ein Relikt aus der alten Zeit, an die er sich klammert. Das Ironische entsteht dadurch, dass Lobek diese sozialistischen Parolen immer dann anwendet, wenn er in der kapitalistischen Arbeitswelt für seine Verkaufserfolge gelobt wird.

Das Schwierige an der filmischen Umsetzung des Romans war, die Ironie des Autors zu transportieren. Das war manchmal nicht möglich, da wir die Mittel der Gestik und Mimik hatten und nicht das geschriebene Wort. Wir mussten auf einige Zitate verzichten, dafür haben wir andere hinzugefügt. Götz Schubert hat während des Drehs zum Beispiel eine Parole getauscht: "Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden". Das passte in der betreffenden Situation viel besser, weil Lobek seinem Westkollegen Strüver, ohne es zu wollen, gerade den Job weggenommen hatte.

Frage: Wo sehen Sie die großen Unterschiede zwischen Ost und West, die für den Film von Bedeutung sind?

Peter Timm: Bei mir gibt es ein ganz starkes Bedürfnis nach einem Wir-Gefühl in der Gesellschaft. Dieses Gefühl vermisse ich oft in der westdeutschen Gesellschaft. Füreinander da sein, ohne Ellenbogen seinen Weg gehen - so bin ich erzogen worden und so war die DDR. Auch Lobek hat diesen Anspruch, deswegen verweigert er sich dem Kapitalismus. Und solche Menschen gibt es zuhauf in den neuen Bundesländern. Sie trauen sich nicht, haben nie gelernt, forsch aufzutreten und viele finden auch daher keine Arbeit. Der Westen hat damals gedacht, man muss den Ostdeutschen nur die Möglichkeiten aufweisen, dann laufen die schon von selber. Aber das stimmt nicht. Wie man im neuen System seinen eigenen Weg geht und trotzdem man selbst bleibt, davon erzählt die Figur Lobek. Insofern ist er stellvertretend für viele Ostdeutsche.

Frage: Wofür steht der Zimmerspringbrunnen?

Peter Timm: Zimmerspringbrunnen kommen aus den 60er Jahren - und die 60er gab es sogar im Osten. In der Erinnerung ist das die kleinbürgerlichste Zeit, die Ost- und Westdeutschland erlebt haben. Ich selbst war damals auch stolzer Besitzer eines West-Brunnens, den mir meine Nachbarin geschenkt hatte. Als getreuer FDJ-Funktionär musste ich das Ding bei den Sitzungen zu Hause regelmäßig verschwinden lassen. Zimmerspringbrunnen stehen für etwas Spießiges, das man gar nicht braucht. Ulkigerweise erleben sie heute eine Renaissance als Luftbefeuchter. Da gibt es irrsinnige Modelle aus Granit und Marmor mit Kugeln oder Pyramiden. Unglaublich hässlich.

Frage: Haben Sie Angst, dass Ihr Film nur von Ostdeutschen verstanden wird?

Peter Timm: Nein. Viele Menschen sind aufgeschlossener, als wir denken. Sie interessieren sich auch für Dinge, die außerhalb ihres Erfahrungshorizonts liegen. Die Geschichte muss das Fremdartige unterhaltsam vermitteln. Außerdem sind die Unterschiede nicht so groß. Das Kleinbürgerliche kennt doch jeder. Darüber hinaus war die DDR schon immer interessant für Westdeutsche, ob vor oder nach dem Mauerfall. Und das Reservoir an guten Stoffen ist noch lange nicht erschöpft.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper