Interview mit Philippe Lioret

"Wir wollten keine Dokumentation über die Insel drehen."

Philippe Lioret vertonte als Toningenieur über 30 Spielfilme, bevor er ins Regiefach wechselte und 1993 seinen ersten Spielfilm "Tombés du Ciel" (mit Jean Rochefort und Marisa Paredes) realisierte, für den er beim Filmfestival von San Sebastian mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. 2004 entstand Die Frau des Leuchtturmwärters, der am 16. Juni 2005 in Deutschland in den Kinos startet.

Frage: In "Mademoiselle", Ihrem Film vor Die Frau des Leuchtturmwärters, gibt es einen direkten Bezug zu Ihrem neuen Film. Jacques Gamblin in der Rolle des Pierre erzählt eine Geschichte, die sehr an die Story von Die Frau des Leuchtturmwärters erinnert. Er erzählt von einer Liebesaffäre, die in sehr kurzer Zeit alles verändert.

Philippe Lioret: Von der Entstehungsgeschichte her, hätte ich "Die Frau des Leuchtturmwärters" vor "Mademoiselle" drehen sollen. Ich hatte den Film seit 1995 fertig in der Schublade. Für "Mademoiselle" brauchte ich eine Geschichte, die Jacques Gamblin im Film als Theaterstück ausarbeiten kann. Dafür habe ich auf Die Frau des Leuchtturmwärters zurückgegriffen. "Mademoiselle" war dadurch fast wie ein Trailer zu Die Frau des Leuchtturmwärters.

Frage: Würden Sie die Geschichte heute immer noch so erzählen?

Philippe Lioret: Vielleicht nicht ganz genauso. Ich würde sie vereinfachen, indem ich sie als eine Geschichte sich überkreuzender Begegnungen erzähle. Die einer Freundschaft und die einer Liebe, von den Anfängen, bis zum tragischen Schluss.

Frage: Aber auch optimistisch, Ihr Film ist ja auch witzig ...

Philippe Lioret: Meine ersten Filme waren Komödien, das prägt. Außerdem mag ich nicht, wenn ein Film zu "schwer" wird und sich selbst zu ernst nimmt.

Frage: Einziger Ort der Handlung ist Ouessant?

Philippe Lioret: Ja, alles passiert hier. Emmanuel Courcol, mein Co-Autor und ich, wir wollten uns auf das Leben einer kleinen, nach außen hin abgeschotteten Gemeinschaft konzentrieren. Wir waren sicher: je genauer wir die Besonderheiten dieser kleinen Gruppe darstellen, desto größer würde das Identifikationsangebot für den Zuschauer. Jeder sucht ja irgendwie nach seinem "Ende der Welt". Auf mich übt zum Beispiel das Meer eine unglaubliche Anziehungskraft aus - Ouessant ist hierfür perfekt.

Frage: Es ist doch auch ein Film über Erinnerung und Überlieferung. Camille entdeckt das Familiengeheimnis dadurch, dass sie in ihr Elternhaus zurückkehrt.

Philippe Lioret: Ich liebe Filme, die auf diese Art verstören und uns an unsere eigene Geschichte erinnern. Die Frau des Leuchtturmwärters könnte auch "Das Familiengeheimnis" heißen. Das ist ein Thema, das mich beschäftigt: Wie waren unsere Eltern wirklich und wie haben sie gelebt? Das Elternhaus ist ein "Schrein", denn es ist oft der einzige Aufbewahrungsort unserer Kindheitserinnerungen. Es ist ein Museum und damit genauso wichtig wie beispielsweise das Schloss von Versailles.

Frage: Bereits in "Mademoiselle" gibt es viele Rückblenden. Setzten sie gerne dieses filmische Stilmittel ein?

Philippe Lioret: Ja schon, aber der Einsatz von Rückblenden ist keineswegs zwingend. Ich mag diese Momente, wenn einem in einer stinknormalen Alltagssituation ein Detail ins Auge springt, wodurch eine Kaskade von Erinnerungen ausgelöst wird. So was finde ich spannend.

Frage: Könnte man sagen, Die Frau des Leuchtturmwärters ist ein großer Film - ein Film wie ein Roman?

Philippe Lioret: Ob er "groß" ist, dazu kann ich nichts sagen. Aber, dass der Film viel von einem Roman hat, das stimmt. Das ist zwar momentan nicht wirklich angesagt, aber der Film basiert auf einer ausgeklügelten Dramaturgie. Ich hatte schon länger Lust diese berührende, menschlich- wie atmosphärisch dichte Geschichte zu erzählen - von einer Welt am Meer, die sich in ständigem Kampf/Auseinandersetzung mit den Elementen befindet.

Frage: Von Typen/Männern, die total von der Welt abgeschnitten sind, auf einem Leuchtturm im tosenden Meer ...

Philippe Lioret: Das Leben dieser Männer ist heroisch. Ein Turm mitten im Meer ist ein extrem gefährlicher Ort. Man schwebt oft in Todesgefahr - wie im Film gezeigt wird - ein einfacher Durchzug kann einen in den Tod reißen. Nicht umsonst nennen die Männer ihren Arbeitsplatz die "Hölle". Der Leuchtturm von Kéréon ist erst vor kurzem automatisiert worden.

Es war der letzte, von Leuchtturmwärtern beaufsichtigte Turm. Das ist das Ende eines Berufstandes, das Ende dieser Welt. Es gibt sie nicht mehr, die Schichtwechsel, die Leuchtturmwärter, die manchmal sechzig Tage in ihrem Turm eingeschlossen waren, weil die stürmische See keine Ablösung zuließ.

Männer, oftmals am Rande des Wahnsinns, die um jeden Preis das Feuer in der Lampe am Brennen halten mussten, egal wie hoch die Windstärke und wie heftig die Wucht der meterhohen Brecher waren, die die Leuchttürme bis in die Grundfeste erschüttern.

Wie alle richtigen Helden, sind diese Männer sehr bescheiden und spielen herunter, was sie während ihres Dienstes leisten. Aber, was für Kerle! Der Film ist auch eine Hommage an sie.

Frage: Es gibt einige sehr spektakuläre Szenen. Waren die Dreharbeiten etwa auch für Sie "die Hölle"?

Philippe Lioret: Na, das erwartet man ja fast. Die Außenaufnahmen haben wir tatsächlich am Leuchtturm "La Jument" gemacht. Ein wahrlich mythischer Ort. Die Bedingungen waren rau, das schon. Und wir haben einiges riskiert, aber von nichts kommt bekanntlich auch nichts.

Frage: Was war am Schwierigsten?

Philippe Lioret: Für mich? Darauf aufzupassen, dass mir meine Mütze während des Drehs nicht wegfliegt.

Frage: Sie haben bestimmt mit mehreren alternativen Drehplänen gearbeitet, um stets auf die aktuelle Witterung reagieren zu können?

Philippe Lioret: Wir konnten selten das drehen, was auf der ursprünglichen Tagesdispo vorgesehen war. Wir mussten ständig auf alles gefasst sein und schnell reagieren. Für die Schauspieler, das Team und für mich war das Belastung und Ansporn zugleich.

Frage: Wurden alle Leuchtturmszenen vor Ort gedreht?

Philippe Lioret: Alles was am Fuß von "La Jument" passiert, ja. Die Ablösung der Mannschaften, die stürmische See und die Szenen auf dem Sockel. Aber alle Innenaufnahmen haben wir im Studio gedreht. Es ist einfach unmöglich ein ganzes Team über die tosende See zu einem Leuchtturm zu schippern. Wirklich unmöglich! Genauso unmöglich ist es in der Lampe oben auf dem Turm zu drehen.

Wir haben also ein Modell auf einer Klippe nahe Conquet: mit den drei obersten Etagen von "La Jument" nachgebaut: fünf Etagen, 15 Meter hoch, ein richtiger Leuchtturm mit einer echten Lampe, die kilometerweit gestrahlt hat. Das hatten wir unserem wunderbaren Art Director, Yves Brover, zu verdanken, der das prima hingekriegt hat. Das Gebäude wurde dann von riesigen Wasserwerfern umstellt, die tonnenweise Wasser gegen unseren Leuchtturm geschossen haben, während wir drinnen waren und drehten. Trotzdem, irgendwie richtig schöne Ferien ...

Frage: Alles ohne digitale Spezialeffekte?

Philippe Lioret: Doch. Aber die sind unglaublich perfekt. Die größten Probleme machte die Nachbildung von tosendem Wasser - und gerade davon gab's viel! Also für die Wasserszenen wurden wir trotzdem alle sehr sehr nass.

Frage: Wie produziert man einen solchen Film?

Philippe Lioret: Ganz einfach, man trifft auf Christophe Rossignon ... Nein. Die Frau des Leuchtturmwärters ist ein teurer Film, man braucht einen abgesicherten finanziellen Rahmen, das Sujet verlangt es. Ich habe also einen soliden Produzenten gesucht. Auf Christophe zu treffen war mein Glück.

Er kommt vom Land und ist bodenständig. Vielleicht hat ihm das Projekt von Anfang an so gut gefallen, weil die Landarbeit irgendwie der Arbeit der Menschen, die am Meer leben ähnelt. Wir haben uns zusammengetan und er wurde zu einem wichtigen Begleiter. Ihn hat nichts abgeschreckt und er gab nie auf.

Um von einer Geschichte berührt, ja ergriffen zu werden und um mit den Protagonisten zu leiden, müssen die Schauspieler passen. Das ist klar. Aber auch alles andere muss stimmen. Das macht einen Film teuer: Genauigkeit und Wahrhaftigkeit - dank Christophe, dank seines Engagements für den Film, haben wir das erreicht.

Frage: Im Film sieht man eine ruhige See, aber auch ein wilde, stürmische Brandung. Ruhe und Sturm kontrastieren genau so wie kammerspielartige Szenen mit den groß angelegten Szenen mit vielen Darstellern, wo Blicke alles bedeuten.

Philippe Lioret: Ich habe eine Vorliebe für Gruppenszenen, denn hier spielt sich das Leben ab und oft ergeben sich ja inmitten einer Menge intime Kontakte. Ich hoffe es ist mir gelungen, diese Art von Intimität aufzuspüren, in den Gruppenszenen genauso wie in den spektakulären Momenten.

Frage: Es gibt das Duell Mensch gegen Natur, aber auch das des Einheimischen gegen den Fremden, es gibt eine Frau zwischen zwei Männern, ein Bistro als Treffpunkt, eine Hauptstraße ... Das ist wie im Western!

Philippe Lioret: Ein Fremder, der in einem kleinen Ort absteigt, wo ihn zunächst alle ablehnen, der zudem jeden herausfordert und ihn veranlasst sein Innerstes preiszugeben. Das ist wirklich nicht weit von den Codes des klassischen Western, das stimmt. Zudem passiert ja alles auf Ouessant, dem westlichsten Punkt Europas, wenn sie so wollen, in unserem europäischen-fernen-Westen!

Frage: Wie gut kannten sie die Insel Ouessant?

Philippe Lioret: Wir wollten keine Dokumentation über die Insel drehen. Um dem vorzubeugen, schrieben wir das Drehbuch ohne vorher jemals einen Fuß auf Ouessant gesetzt zu haben. Aus demselben Grund - um unserer Fiktion treu zu bleiben - waren wir auch nie vorher auf einem Leuchtturm. Das ist ja auch kein Leuchtturmfilm.

Es ist ein Film über Männer und über Frauen. Die Geschichte könnte uns heute genauso zustoßen - Ihnen oder mir - naja, jedenfalls fast. Trotzdem wollten wir natürlich auch die besonderen Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen. Wir wollten auch auf Details des Lebens dort eingehen. Deswegen haben wir auch wie für eine Dokumentation recherchiert.

Wir hatten telefonischen Kontakt zu dem Leuchtturmwärter von Kéréon. Und als ich dann zum Dreh auf Ouessant und auf "La Jument" war, hatte ich oftmals dieses merkwürdige Gefühl eines déjà-vu.

Die Dreharbeiten dort haben mir übrigens sehr gut gefallen: mit diesen schweigsamen Menschen, die aber wie selbstverständlich alles stehen und liegen ließen, wenn wir ihre Hilfe brauchten. Als der Film fertig war, sind wir noch mal hingefahren, und haben ihnen den Film gezeigt. Ihre Begeisterung ist mir richtig nah gegangen.

Frage: Die Musik stammt von Nicola Piovani, einem Italiener, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Philippe Lioret: Ich wollte den Film nicht mit bretonischer Musik "typisieren". Musik ist universell und sollte ein Spiegel unserer Seele sein. Das funktioniert nur, wenn sie meisterlich und stimmig komponiert ist. Nicola ist ein großartige Musiker und sicherlich einer der größten Komponisten für Filmmusik unserer Zeit. Er nähert sich einem Film mit sehr viel Gespür und Sensibilität. Sehen Sie sich doch nur an was er für so unterschiedliche Filme wie "Das Leben ist schön" oder "Das Zimmer meines Sohnes" geleistet hat.

Frage: Sprechen wir über die Schauspieler. Das war ihre zweite Zusammenarbeit mit Sandrine Bonnaire ...

Philippe Lioret: Und sie war die einzige, die von Anfang an in das Projekt eingebunden war. Ich hatte ihr ja auch die Rolle der Mabé vor "Mademoiselle" angeboten. Und als wir am Drehbuch feilten, war mir ihr Gesicht stets präsent. Für mich war es das erste Mal, dass ich schon während des Schreibens einen ganz konkreten Schauspieler im Kopf hatte. Das war toll! Und dann kennen wir uns ja wirklich sehr sehr gut, ein kurzer Blickwechsel zwischen Sandrine und mir und wir wissen was der andere meint. Das erleichtert die Zusammenarbeit ungemein!

Frage: Mabé ist eine gestandene Frau: ihr Leben verläuft in geregelten Bahnen, ihre Ehe scheint gefestigt - und dann dieses heftige Verlangen das alles fortreißt ...

Philippe Lioret: Sie und Antoine haben keine Ahnung, was auf sie zukommt. Und als sie sich dessen bewusst werden, versuchen sie zu fliehen. Aber sie haben keine Chance, es ist natürlich zu spät. Es ist einfach zu stark, unmöglich dem zu entkommen.

Frage: Und wie kamen sie auf die zwei männlichen Hauptdarsteller, Philippe Torreton und Grégori Derangère?

Philippe Lioret: Da habe ich ein bisschen gezögert. Philippe stand trotzdem schnell fest. Die Rolle ist für ihn wie geschaffen, ganz klar. Er hat eine schauspielerische Gabe, die mich sehr beeindruckt. Philippe kann von einer Sekunde auf die andere um 20 Jahre älter wirken, um eine Sekunde später 30 Jahre jünger auszusehen. Er und Grégori sind ein Traumpaar. Sie haben den Film sehr bereichert.

Frage: Ja, reden wir über Grégori Derangère ...

Philippe Lioret: Mit Grégori war es anders. Ihn hatte ich anfangs nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Ich hatte ihn in "Mille Millièmes, von Rémi Waterhouse gesehen und in "Bon Voyage" von Jean-Paul Rappeneau. Ich wollte ein neues Gesicht, vor allem aber sollte er Charme haben und charismatisch sein, denn er spielt ja die Titelrolle.

Also wahrlich keine leichte Aufgabe, es war ein bisschen wie das Suchen der berühmten Nadel im Heuhaufen ... aber einige Treffen haben mich dann schnell überzeugt. Grégori ist anziehend, verführerisch, ernst, mit Augen, die sprühen können. Er hat was von James Stewart. Zudem ist er großzügig, das hilft.

Frage: Antoine, seine Figur, ist ja omnipresent.

Philippe Lioret: Dieser Typ ist sich für nichts zu schade, und man versteht erst allmählich warum. Er trifft auf diese, ihm skeptisch und feindlich gesinnte Gesellschaft und erkennt sie an. Ja, er akzeptiert die Ablehnung der anderen und geht fast soweit, sie zu respektieren. Dabei ist er vorsichtig zurückhaltend und unternimmt nichts besonderes, um die Wertschätzung der anderen zu gewinnen.

So ein Verhalten zu spielen, ist für einen Schauspieler sehr schwierig. Später, als Antoine spürt, dass er gehen muss, macht er sich auch noch unbeliebt bei denen, die schließlich doch anfingen ihn zu mögen. Er hat die moralische Größe, sein schreckliches Geheimnis zu verraten. Vielleicht erfindet er sogar noch etwas hinzu, was weiß ich?

Es gibt Momente, in denen sich die Figuren ihren Schöpfern entziehen und ein Eigenleben beginnen. Das mag ich besonders. Grégori macht auch Antoines dunkle Seite spürbar.

Frage: Und Émilie Dequenne?

Philippe Lioret: Eine wahnsinnige Gelegenheit! Für Brigitte, diese kleine flatterhafte Frau, die ein Konzentrat des Lebens selbst ist, habe ich gesucht wie verrückt und habe dabei eigentlich nur an Émilie gedacht. Sie als Brigitte zu besetzten, lag auf der Hand. Aber ich war mir sicher, dass sie ablehnen würde. Die Rolle war einfach zu klein, zu kurz. Sie hatte gerade mit Robert de Niro gedreht, ist in Cannes ausgezeichnet worden, und von daher berufen für große Rollen ...

Wir haben dann miteinander gesprochen, sie hat das Drehbuch gelesen und mich angerufen: "Sehr schön, sehr ergreifend. Ich mach`s." Das war´s. Und von dieser Zusage ist sie nie abgewichen. Sie hat Format! Und was für eine Brigitte sie uns geboten hat!

Frage: Eine kurze Rolle, aber dennoch eine wichtige Figur ...

Philippe Lioret: Sie ist zwanzig und hat eine unbändige Lust auf alles. Sie ist das pure Leben, aber das Inselleben langweilt sie zu Tode. Als Antoine ankommen, steht für sie fest, dass er für sie gekommen ist. Punkt.

Philippe Lioret
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