Interview mit Ralph Schwingel
Ralph Schwingel ist der Produzent des deutschen Erfolgsfilms Im Juli. Zusammen mit Stefan Schubert ist er Inhaber der Filmproduktion "Wüste Film".

Frage: Welhalb fanden Sie die Geschichte von Im Juli so reizvoll, dass sie sie auf die Leinwand bringen wollten?

Ralph Schwingel: Fatih Akin zeichnet in seinen Drehbüchern und Filmen immer Figuren, die bis an den Rand gehen, die ihr Herz in die Hand nehmen, und durch Wärme un Unverstelltheit gekennzeichnet sind. Mit Daniel und Juli möchte man am liebsten gleich auf die Reise gehen. Das Menschliche glüht immer durch, das ist Fatihs Geheimwaffe.

Frage: Ein Roadmovie zu produzieren, war für Sie sicher auch eine seltene Erfahrung.

Ralph Schwingel: Ja, eigentlich will man das garnicht - eine solche Produktion ist eine echte Herausforderung. Wie beim Bergsteigen haben wir mit Basislagern gearbeitet, denn man muss alles so gut es eben geht unter Kontrolle halten.

Frage: Als Sie gerade in Ungarn drehten, ereignete sich das verheerende Erdbeben in der Türkei.

Ralph Schwingel: Richtig, damit haben wir uns dann auch nicht nur produktionstechnisch auseinandergesetzt, sondern uns natürlich auch um die Sorgen des Teams und die moralischen Bedenken gekümmert. Wir haben uns gefragt, kann man jetzt in der Türkei weiterdrehen? Das Ergebnis war "ja", weil es niemandem genutzt hätte das nicht zu tun. Für die damit verbundene außergewöhnliche große Anstrengung bewundere ich unser Team sehr.

Frage: Junge Regisseure gibt es viele - weshalb haben Sie sich dafür entschieden, mit Fatih Akin zusammenzuarbeiten?

Ralph Schwingel: Wir hatten über einige Jahre hinweg das untrügliche Gefühl, mit ihm ein Riesentalent, einen Rohdiamanten, zu haben. Es gibt keinen engeren Kontext zwischen Produzent und Filmemacher als den, dass man jemanden an den Punkt bringt, seinen ersten Film zu machen. Bei Kurz und schmerzlos waren wir sozusagen Geburtshelfer. Nun bei seinem zweiten Werk Im Juli gab es andere. Vor- und Nachteile, aber auch das hat mich sehr gereizt. Und inzwischen arbeiten wir schon an zwei weiteren Fatih Akin-Projekten.

Frage: Verraten Sie darüber schon mehr?

Ralph Schwingel: Das eine ist ein Drehbuch von Fatih, das er selbst verfilmen wollte und nun einem anderen Regisseur überlässt - eine Reifungschritt für den Autoren Fatih. Als nächste große Etappe in seiner Weiteren entwichlung kommt auf ihn zu, dass er erstmals eine Geschichte inszenieren wird, die er nicht selbst geschrieben hat. Das Skript für dieses zweite Fatih Akin-Projekt stammt von Ruth Thoma ("Gloomy Sunday").

Frage: Welhalb produzieren Sie bei Wüste Film bevorzugt ausländisch-deutsche Stoffe, die manchmal als Nischenfilme abgetan werden?

Ralph Schwingel: Die Einwanderungsverhältnisse in Deutschland erzeugen soziale Reibungsflächen, an denen wirklich große Gschichten stattfinden, bei denen es oft ums Ganze geht. Menschen mit Imigrantenbiographie haben das Potenzial, sich über ein großes Spektrum mitzuteilen, weil sie selbst mindestens zwei kulturelle Backgrounds haben. Für so universale Geschichten habe ich eine ausgeprägte Zuneigung. Martin Scorseses Filme über italienische Einwanderer in New York würde man auch nicht als Nischenfilme bezeichnen.

Frage: Sehen Sie Ihre Produktionsfirma Wüste Film als Gegenpol zur Claussen und Wöbke-Filmproduktion in München?

Ralph Schwingel: Ich schätze Clausen und Wöbke sehr und wäre froh, in einem Atemzug mit ihnen genannt zu werden. Konkurrenz belebt das Geschäft, und jeder Film aus heimischer Produktion, der es schafft, die Brücke zum Zuschauer zu schlagen, ist hilfreich für die gesamte deutsche Filmlandschaft.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper