Interview mit Regina Ziegler

"Man kann es sich auf einen Schlag mit allen verderben."

Regina Ziegler ist Produzentin der deutsch-polnischen Günter-Grass-Verfilmung Unkenrufe.

Frage: Wie kam es zu der Idee, die Grass-Erzählung "Unkenrufe" fürs Kino zu verfilmen?

Regina Ziegler: Zum einen sind gute Stoffe selten. Zum anderen ist ein Film nach einer literarischen Vorlage immer besonders reizvoll, weil er, ganz anders als das Buch zum Film, eine Möglichkeit bietet, all das, was man bisher "nur" gelesen hat, was man sich bei der Lektüre vorgestellt hat, nun in bewegten Bildern zu sehen. Und damit dem Publikum, das im Kino unwillkürlich vergleicht, die Frage zu stellen:

Habt ihr das auch so gesehen, als ihr es seinerzeit gelesen habt? Sind das Bilder, die einleuchten, die überzeugen, denen man sich ausliefern kann? Oder ganz einfach: gefallen euch diese Bilder, die ein Regisseur und sein Kameramann erfunden, arrangiert und festgehalten haben? Geben sie wieder, was in der Geschichte passiert, sind sie auf Augenhöhe mit dem, was der Autor der Geschichte, der Novelle, des Romans im Sinn hatte?

Ich bin sicher, dass für alle, die "Unkenrufe" gelesen haben und schätzen, der Film nichts wegnimmt, sondern etwas hinzufügt.

Gleichzeitig ist ein solches Vorhaben auch riskant. Man kann es sich nämlich auf einen Schlag mit allen verderben. Die Leser eines Buches finden nichts von dem wieder, was ihnen eine Geschichte lesenswert gemacht hat und beklagen dies lautstark. Der Autor fühlt sich vom Drehbuchautor, vom Regisseur falsch verstanden, fehl gedeutet.

Zum Glück ist das bei den "Unkenrufen" nicht der Fall. Günter Grass mag den Film sehr. Denn er demonstriert, dass aus einem Buch ein Film entstehen kann, ohne dass das Buch und der Film Schaden nehmen.

Frage: Warum gerade diese Erzählung?

Regina Ziegler: Die feinsinnige Geschichte um Alexander, Aleksandra und ihren Versöhnungsfriedhof hat mich von Beginn an fasziniert. Ist sie doch zugleich beißende Satire, Zeitspiegel und nicht zuletzt eine große Liebesgeschichte mit ungeheurer Tiefe und Tragik.

Die Unke, als mahnende Kassandra ? personifiziert in der Figur der Erna Brakup ? ist für einen Kinofilm geradezu ein ideales Bild, da der Film immer darauf angewiesen ist, in Bildern zu erzählen, zu vermitteln. Diese Erzählung von Günter Grass in deutsch-polnischem Grenzland ? 1992 publiziert ? und die europäische Öffnung von 2004 erzeugen zudem eine Spannung von seltener Art.

Frage: Erzählen Sie doch bitte etwas über die Genese des Projektes: Haben Sie Günter Grass getroffen und mit ihm über das Projekt gesprochen? War es schwierig die Filmrechte zu bekommen?

Regina Ziegler: Es gab Heilbutt und natürlich haben wir geredet. Wie immer, wenn es um Texte von Günter Grass geht, war seine Verlegerin Dr. Maria Sommer dabei. Nachdem wir uns in der Sache verständigt haben, war die Rechtefrage nicht mehr schwierig.

Frage: Der Film "Unkenrufe" ist eine deutsch-polnische Ko-Produktion. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Regina Ziegler: Ziegler Film hat eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit polnischen Filmschaffenden. Ich habe mit Regisseuren wie Agnieszka Holland, mit Andrzej Wajda und Krzysztof Zanussi gearbeitet. In diesem Fall hat der Stoff selbst noch zusätzlich gewirkt.

Natürlich sind internationale Ko-Produktionen immer komplizierter als ein normaler deutscher Film. Am Set wurde englisch, polnisch, französisch und deutsch gesprochen. Da meint nicht jederzeit jeder dasselbe, und dass es dann auch einmal knirscht, kann nur Ahnungslose überraschen. Am Ende zählt das Resultat.

Frage: Wie kam die Zusammenarbeit der drei Drehbuchautoren Klaus Richter, Pawel Huelle und Cezary Harasimowicz zustande? Hat Günter Grass auf das Drehbuch Einfluss genommen?

Regina Ziegler: Begonnen haben die beiden polnischen Autoren, Klaus Richter kam dazu und natürlich hat Günter Grass das Drehbuch gelesen. Wenn er ein Problem gehabt hätte, hätten wir mit ihm darüber geredet.

Frage: Haben Sie mit Robert Glinski bewusst einen polnischen Regisseur ausgewählt?

Regina Ziegler: Es war mir sehr wichtig, das deutsch-polnische Thema der "Unkenrufe" auch polnisch-deutsch zu realisieren. Einen Film zu drehen, der überwiegend in Gdansk spielt, ist für einen polnischen Regisseur naturgemäß einfacher. Aber natürlich hat auch die Qualität von Robert Glinski als Regisseur unsere Entscheidung beeinflusst.

Frage: Nach welchen Kriterien verlief das Casting? Wie waren die Reaktionen von Matthias Habich und Krystyna Janda auf das Projekt?

Regina Ziegler: Um die Hauptrollen habe ich mich selbst gekümmert, Krystyna Janda und Matthias Habich mussten nicht lange überredet werden.

Regina Ziegler
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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