Interview mit Robert Altman
Robert Altman Robert Altman, Regisseur, über den Film "Kansas City"

Frage: Wann haben Sie das Projekt "Kansas City" in Angriff genommen?

Robert Altman: 1987 verfilmte ich für das Fernsehen die Harold Pinter-Stücke "The Dumb Waiter" und "The Room". Damals haben Frank Barhydt und ich ein Drehbuch für einen einstündigen TV-Film geschrieben. Die Story drehte sich um zwei Frauen, die eine Nacht lang durch die Stadt ziehen. Aber das Projekt wurde nicht produziert und das Skript lag jahrelang in der Schublade. Als ich an "Short Cuts" arbeitete, erinnerte ich mich daran und holte es heraus. Wir brachten die Story auf Spielfilm-Länge, indem wir sie nach Kansas City in die Jazz-Szene verlegten. Frank und ich kommen beide aus Kansas City; er ist allerdings eine Generation jünger. Für die Calvin Company, die seinem Vater gehörte, habe ich Industriefilme gedreht. Ich schickte ihn zu Recherchen zurück; auf Anzeigen in Zeitungen hin meldeten sich eine ganze Reihe von Leuten, die de damalige Zeit noch miterlebt hatten.

Frage: Haben die Story oder einige Charaktere autobiographische Züge?

Robert Altman: Alle peripheren Charaktere basieren auf wirklichen Leuten. Seldom Seen war ein Gangster, der sein Geld in einer Zigarrenkiste trug, immer seine Handlanger um sich herum hatte und im stolzen Alter von 98 Jahren starb. Harry Belafonte nahm außerdem seinen Onkel Lenny als Modell; der war ein Gangster in Harlem, der illegale Wettgeschäfte machte. Addie Parker war wirklich Charlie Parkers Mutter; sie arbeitete bei Western Union und besaß ein eigenes Haus. Die sozial engagierte Dame heißt Nettie, weil meine Großmutter so hieß. In gewisser Weise gleicht Henry Stilton meinem Vater, und Carolyn Stilton habe ich nach der Mutter eines Jungen modelliert, mit dem ich aufwuchs. Ich wußte, dass sie irgend etwas nahm, ich wußte nur nicht, was es war. Ich habe für "Kansas City" einiges an persönlichen Erinnerungen verarbeitet.

Frage: Es sieht so aus, als habe Kansas City in den 30er Jahren jene Faszination ausgestrahlt, die Las Vegas in den 70er Jahren besaß. War es nicht eine magische Stadt, in der der amerikanische Traum vermeintlich wahr wurde?

Robert Altman: In gewisser Weise. Es hat etwas damit zu tun, dass die Stadt im Zentrum der USA liegt. Wenn man von Osten nach Westen wollte, musste man durch Kansas City, also wurde es ein Knotenpunkt für Züge und Flugzeuge. Und für Musiker. Es gab einen enormen Rotlicht-Distrikt. Die Bordelle blühten, und die Musiker, die dort spielten, verdienten gutes Geld - mehr als doppelt so viel, als wenn sie anderswo aufgetreten wären. Also blieben eine Menge Musiker in Kansas City. Hier wurden auch die Bands zusammengestellt, die dann bis nach Kalifornien auf Tournee gingen. Wenn sie zurückkamen und aufgelöst wurden, blieben wieder viele Musiker in Kansas City hängen. Das passierte zum Beispiel auch Count Basie. Er übernahm dann nach Bennie Motens Tod die berühmte Band "The Blue Devils". Eine Menge Stories in "Kansas City" basieren auf Fakten.

Frage: Gab es in den Clubs in Kansas City Rassentrennung?

Robert Altman: In den Jazz-Clubs gab es das nicht. Sie verkauften jedem jederzeit einen Drink. Auch Weiße konnten dahingehen, obwohl das nicht viele taten. Wir Kids waren immer willkommen. In den Kinos sah es anders aus; Farbige mussten auf der Empore sitzen, Weiße konnten sich hinsetzen, wo sie wollten. In Kansas City prahlte man oft damit, dass es keine Rassentrennung gebe, aber Missouri ist ein Südstaat wie die anderen auch. Die Haltung war etwa diese: "Hier bei uns behandeln wir die Nigger richtig gut."

Frage: War Kansas City in politischer Hinsicht nicht eine Hochburg der Demokraten?

Robert Altman: Absolut. Boss Pendergast hatte die politische Maschinerie fest im Griff. Er benutzte dieselben Methoden wie die Italiener in ihrem Bereich und wie die Schwarzen in ihrem Bereich. Sie alle kümmerten sich um "ihre" Leute. Das System war auf perfekte Weise korrupt. Während der Prohibition hat man nicht einmal die Kneipenschilder abgenommen; Alkohol wurde einfach weiter verkauft. Die Stadt war weit offen; das Gesetz hatte hier nichts zu sagen.

Frage: Als Sie das Drehbuch schrieben, wußten Sie da schon genau, wie sich der Jazz in das Ganze einfügen würde?

Robert Altman: Nein, denn das geschah getrennt voneinander. Die Musiker und die Stücke wurden ausgewählt, nachdem das Drehbuch schon geschrieben war. Erst beim Schnitt habe ich eine Balance zwischen dem musikalischen Rhythmus und den Stimmungen der Story zu finden versucht. Es gibt nur eine Ausnahme: Die Verwendung des Stücks "Solitude" von Duke Ellington habe ich frühzeitig geplant. Die Idee eines Bass-Duetts kam mir, weil ich das für die Stimmung am Ende des Films brauchte. Es gibt aber verblüffende Kontrapunkte. Zum Beispiel folgt auf das Saxophon-Duell zwischen Lester Young und Coleman Hawkins die Ermordung des Taxifahrers Blue. Man stürzt von Euphorie in Horror. Von einem musikalischen Höhenflug gerät man in die häßlichste Realität.

Frage: Haben Sie das beim Schnitt so orchestriert?

Robert Altman: Wir haben zwei Cutting Contests gedreht und natürlich den besseren genommen. Ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle des Skripts er vorgesehen war, aber beim Schnitt fiel er sofort an seinen Platz. Das Duell dauert fünf oder sechs Minuten, also wurde es so etwas wie ein Haltepunkt im Film. Doch ich denke, dass der schreckliche rassistische Witz, den Harry Belafonte erzählt, als Blue umgebracht wird, einen viel stärkeren Kontrapunkt darstellt. Das ist es, was für mich schockierend ist: Sie stechen auf jemanden ein und machen Witze dabei.

Frage: Wann haben Sie Harry Belafonte besetzt? Sind seine seltsamen Monologe streckenweise improvisiert?

Robert Altman: Belafonte war von Anfang an vorgesehen. Er hat die meisten seiner Texte selbst geschrieben, einschließlich des rassistischen Witzes. Alle seine Monologe sind eine Art Kommentar zur damaligen Zeit. So macht sich Seldom Seen zum Beispiel über Marcus Garvey lustig, einen schwarzen Politiker, der alle Schwarzen zurück nach Afrika bringen wollte und dafür sogar eine Schiffahrtslinie gründete namens Black Star. Das war damals ein heiß diskutiertes Thema. Oder die ganze Sache mit "Amos and Andy" - das war die populärste Radio-Show aller Zeiten. Harry und ich hatten einmal an einem Projekt über "Amos and Andy" gearbeitet, und so floß eine Menge aus unseren Gesprächen und Recherchen in den Film.

Frage: Könnten Blondie und Johnny nicht urbane Cousinen von Keechie und Bowie aus "Thieves like us" sein?

Robert Altman: Die Zeit ist fast dieselbe: "Thieves like us" spielt 1936, "Kansas City" spielt 1934. Aber Johnny ist ein Ganove, ein unmoralischer Mensch. Blondies Faszination ist schon beinahe krank. Er hat sie geschwängert, aber er will das Baby nicht, also gibt sie es weg. Sie würde absolut alles für ihn tun; Johnny hingegen würde wahrscheinlich nicht zögern, sie zu töten, wenn Seldom ihm das befehlen würde. Er liebt sie nicht. Deshalb neigt man gegen Ende dazu, diese arme Frau als Opfer zu betrachten.

Frage: Die Figur der Carolyn ist wunderbar mehrdeutig. Miranda Richardsons Darstellung deutet an, dass sie möglicherweise wacher und berechnender ist, als es den Anschein hat.

Robert Altman: Carolyn benutzt Laudanum als Flucht aus dieser Welt. Daher auch am Ende das Bild des Kanarienvogels im Käfig. Sie hat Mitgefühl für ihre Kidnapperin und versteht sie. Aber das sollte nicht allzu offensichtlich gezeigt werden. Das läuft mehr über Gefühle, Stimmungen, Unausgesprochenes. Das sollte nicht direkt dargestellt werden, eher als eine Art ... Jazz. Auf Grund der Droge konnte die Figur durch ein ganzes Spektrum von Emotionen wandern, sie musste in ihrem Verhalten nicht konsistent sein.

Frage: Ihre Charaktere sehen zu viele Filme. Das Kino ist für sie immer eine Verlockung oder eine Falle.

Robert Altman: Für Blondie ist es das ganz bestimmt. Und so hat Jennifer Jason Leigh ihre Rolle gespielt. Blondie hat gelernt, sich so zu benehmen wie Jean Harlow in "Platinum Blonde" oder "Bombshell". Wahrscheinlich hatte sie noch nie eine Pistole in der Hand, also ahmt sie Figuren aus dem Kino nach. Ihre Persönlichkeit wurde von Filmen geformt. Das passiert überall. Polizisten lernen, sich wie Polizisten zu benehmen, indem sie Filme anschauen oder Krimis lesen.

Frage: Hat Jazz in Ihrer persönlichen Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt?

Robert Altman: Ja. Als ich elf Jahre alt war, setzte mich unser schwarzes Hausmädchen vors Radio, als Duke Ellington "Solitude" spielte, und sie sagte, das sei die beste Musik, die es gebe. Ich erinnere mich noch heute an jede Note. Das ist meine erste Erinnerung an Swing-Musik, und die war damals in Kansas City eine große Sache. Das Radio hat sie dann im ganzen Land bekannt gemacht. Jetzt kommt Jazz wieder in Mode, denn es gibt nichts, was ihn ersetzen könnte. Rock' n' Roll ist tot, Rap ist tot, es gibt eine große Leere, also fangen viele Kids an, Jazz zu hören. Jazz-Platten verkaufen sich rasend.

Frage: In welchem Stadium der Dreharbeiten haben Sie die Jam-Sessions organisiert?

Robert Altman: Ungefähr in der Mitte ging ich zu Hal Willner, der für mich die Musik zu "Short Cuts" zusammengestellt hatte, und wir wählten die besten Jazz-Musiker aus mehreren verschiedenen Stilrichtungen aus. Außer Joshua Redman und Christian McBride hatten sie nie zuvor miteinander gespielt. Redman stellt Lester Young dar; Craig Henry, der Coleman Hawkins spielt, ist mit Charlie Mingus aufgetreten. Mingus' Witwe hatte ihn mir empfohlen, und er besitzt wirklich Charisma. David Murray, James und Ron Carter sind hotshots, wie auch Schlagzeuger Victor Lewis, der Jo Jones spielt. Geri Allen hat hart daran gearbeitet, Mary Lou Williams zu sein und ihren Stil zu rekreieren. Überraschenderweise sind sie auch alle gute Schauspieler, sie haben überzeugende Charaktere geschaffen, die alle ihre kleinen Eigenheiten hatten - wie Clark Gayton, der die ganze Session über einen Joint raucht.

Frage: Inwieweit konnten die Musiker improvisieren?

Robert Altman: Die Musik war nur teilweise festgelegt. Es gab ein paar Proben, aber die Arrangements waren keineswegs fertig, als wir zu filmen begannen. Ich wollte eine Wirkliche Jam-Session. Da gibt es keine Note, die nicht live ist. Alles wurde in diesem Club aufgenommen. Das Ganze kann man in einer musikalischen Dokumentation sehen, die ich soeben fertiggestellt habe und deren Kommentar zum Teil von Harry Belafonte gesprochen wird. Ihr Titel ist "Robert Altmans Jazz '34 - Remembrance of Kansas City Swing".

Frage: Warum haben Sie in Ihren früheren Filmen nur selten Jazz verwendet?

Robert Altman: Es ist schwer, Jazz in einem Film einzusetzen. Er versteckt sich nicht, er ist zu präsent. In "Kansas City" hat es funktioniert, weil der Film in gewisser Weise wie ein Jazz-Stück ist; seine Struktur ist im wesentlichen musikalisch.

(Das hier auszugsweise wiedergegebene Gespräch führte Michael Henry am 1.März 1996 in Malibu. Es wurde veröffentlicht in der Mai-Ausgabe der französischen Filmzeitschrift Positif. Abgedruckt mit freundlicher Unterstützung von MFA.)

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