Interview mit Rolf Schübel

"Wenn ich Regie führe, ist jeder aufgefordert, Ideen einzubringen!"

Rolf Schübel ist Regisseur des Kinofilms Blueprint, der am 1. Januar 2004 in die deutschen Kinos kam.

Frage: Was hat Sie an dem Stoff fasziniert?

Rolf Schübel: Zwei Dinge haben mich besonders interessiert. Zum einen die Geisteshaltung desjenigen, der sich klonen lässt, also die Figur der Iris. Wie vermessen muss jemand sein, der sich für so einmalig hält, dass er von einer Reproduktion seiner selbst träumt? Zum anderen ist es faszinierend, sich in die Gefühlslage eines Klons hineinzudenken, also in die Figur von Siri. Wie muss sich jemand fühlen, der aus einer lumpigen Hautzelle eines anderen, quasi aus einem menschlichen Abfallprodukt, entstanden ist?

Frage: Steht das Klonen für Sie im Mittelpunkt der Story?

Rolf Schübel: Nicht das Klonen selbst, aber seine Auswirkungen. Im Mittelpunkt unseres Films steht ein Mutter-Tochter-Konflikt der ganz besonderen Art, und das Klonen wirkt dabei wie ein Katalysator. Hauptsächlich dreht sich unsere Geschichte um einen Menschen, der verarbeiten muss, nicht ein Original, sondern nur eine Kopie zu sein. Mit Blueprint wird das Thema Klonen aus der reinen Science-Fiction-Ecke geholt.

Mich hat der wissenschaftliche und der technische Aspekt des Klonens nur am Rande interessiert. Das ist alles heute schon (fast) machbar. Es wird immer irgendwelche Wissenschaftler geben, denen moralische und ethische Grenzen ziemlich oder völlig gleichgültig sind. Die wie unser Professor Fisher sagen: "Was gedacht werden kann, muss auch getan werden." Das sind Figuren und Themen für klassische Science Fiction-Filme.

Blueprint spielt zwar in der nahen Zukunft, ist aber kein klassischer Sci-Fi-Film. Unser Film zeigt zurzeit diskutierte Techniken als erfolgreich angewandt. Dabei geht es nie um die Technik per se, sondern um den Menschen, der mittels solcher Techniken erschaffen wird und der mit einem Leben fertig werden muss, für das es kein Modell gibt. Was bedeutet es wirklich, wenn Klonen Realität wird? Diese Frage stellt unser Film und gibt auch eine Antwort darauf.

Frage: Wie war es, in Kanada zu arbeiten?

Rolf Schübel: Das hat wirklich meine Erwartungen übertroffen. Nicht nur, weil die Arbeit trotz aller logistischen und organisatorischen Probleme letzten Endes erfreulich komplikationslos ablief. Sondern vor allem, weil die kanadischen Wälder mit ihrer verwunschenen Vegetation - in diesen Wäldern würden einen Trolle oder Zwerge nicht weiter überraschen - Siri eine wunderbare Deckung geben. Hier kann sie Unterschlupf, Ruhe und zu sich selbst finden. Wie wichtig dieser Aspekt ist, spiegelt sich beispielsweise in der Einrichtung von Siris Lodge wieder: Es gibt keinen Kunststoff, Greg ist es, der Plastikeimer für seine Blumen mitbringt. Siri sammelt Federn, Muscheln, Blätter. Wir sehen sie einmal mit einem Walknochen. Darin zeigt sich ihre Ablehnung von allem Künstlichen und ihr tiefer Respekt vor allem natürlich Gewachsenen.

Frage: War es schwer, Wapitis zu filmen?

Rolf Schübel: Wapitis sind sehr ängstlich und scheu. Als wir mit der Wapiti-Idee ankamen, meinten viele Experten, dass es unmöglich wäre, diese Tiere in einem Film "mitspielen" zu lassen, weil sie fast als unzähmbar gelten. Und wir hatten auch noch den Spezialwunsch nach einem weißen Wapiti! Es sah eine ganze Zeit danach aus, dass wir unseren "Rudolf" überhaupt nicht finden würden. Dann lernten wir einen kanadischen Tiertrainer kennenlernten, einen ausgewiesenen Wapiti-Kenner. Bei unserem ersten Gespräch wies auch er noch einmal ausdrücklich auf die Scheu dieser Tiere hin und meinte bedauernd: "Der einzige fast zahme Wapiti, den ich euch besorgen kann, ist leider weiß." So kamen wir zu Elmar, der im Film dann die Rolle von Rudolf spielt.

Frage: Wie gestalteten sich die Dreharbeiten mit Franka Potente in einer Doppelrolle?

Rolf Schübel: Sehr lange vor Drehbeginn habe ich Franka in Berlin getroffen. Wir hatten ein gutes Gespräch über das Blueprint-Drehbuch, seine Umsetzung insgesamt und besonders über die Rollen Iris und Siri. Um uns beiden Sicherheit zu geben, verabredeten wir ein Spezial-Casting mit aufwändiger Maske und Garderobe.

Dass Franka eine perfekte Siri sein würde, war mir klar, aber wie sie dann ins Scheinwerferlicht trat, mit schwarzen Haaren, im Abendkleid, als alternde Diva Iris - das war umwerfend! Von diesem Moment an wusste ich, dass Franka in dieser Doppelrolle ein Ereignis sein würde. Ein paar Tage nach diesem Casting hatte sie ein Piano in ihrer Wohnung und begann zu üben. Kurze Zeit später hörte ich auf meinem Anrufbeantworter ihr erstes sauber gespieltes Klavierstück. Ich habe es bis heute nicht gelöscht.

Die Dreharbeiten waren natürlich für sie eine Tour de Force. Von insgesamt 50 Drehtagen stand sie 49 vor der Kamera. Das ist ein Wahnsinnspensum. Die häufigen Maskenwechsel zwischen Siri und Iris, das war alles sehr anstrengend. Aber auch das Team litt. Denn wir mochten alle Siri lieber und wenn Franka als Iris am Set auftauchte, dachte selbst ich mitunter: "Oh Gott, da ist ja die arrogante Ziege Iris wieder."

Frage: Inwiefern haben sich die Schauspieler aktiv in den kreativen Prozess einschalten können?

Rolf Schübel: Wenn ich Regie führe, ist jeder aufgefordert, Ideen einzubringen, die Heads of Departments sowieso. Aber darüber hinaus hat in meinen Filmen jedes Teammitglied die Chance, Vorschläge zu machen, von den Schauspielern bis zum Kamera-Assistenten. Für mich ist Film Teamarbeit und es ist ein wunderbares Gefühl, in einem First-Class-Team wie bei Blueprint als primus inter pares zu agieren. Franka hat viele ihrer Vorstellungen in unseren Film eingebracht. Mitunter, wenn auch in seltenen Fällen, waren wir unterschiedlicher Meinung. Da haben wir solange miteinander geredet, bis wir entweder eine Kompromisslösung gefunden hatten oder einer den anderen überzeugen konnte. Und so soll es ja auch sein.

Rolf Schübel
Plakat zu 'Blueprint'

Dirk Jasper FilmLexikon

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