Interview mit Sebastian Blomberg
Sebastian Blomberg Sebastian Blomberg ist der Hauptdarsteller in dem Film Väter

Frage: Was läuft eigentlich genau schief zwischen Melanie und Marco?

Sebastian Blomberg: Der Film setzt in einer brenzligen Phase ihrer Beziehung ein. Da hat sich über lange Zeit eine Ungleichzeitigkeit zwischen ihnen eingeschlichen, die manchmal nur aus Kleinigkeiten besteht, zum Beispiel dadurch, dass der eine gerade reden will und der andere überhaupt nicht. Beide sind komplett überanstrengt, einerseits durch das, was Marco in seiner Jobsituation zu bewältigen hat und andererseits dadurch, wie Melanie mit der Doppelbelastung klar kommen muss, ebenfalls ihren Job sehr wichtig zu nehmen und dazu noch die Hauptverantwortung für den gemeinsamen Sohn zu übernehmen. Das strahlt stark auf die Beziehung ab, wofür Marco aber kein besonderes Gespür hat. Der Auslöser, der dann die Trennung bewirkt, ist schließlich ein grober Patzer von Marco während einer Feier im Freundeskreis, den er selbst gar nicht als solchen bemerkt, den Melanie aber als großen Verrat bewertet und der bewirkt, dass sie auf der Stelle weg will von ihm. In der anschließenden Auseinandersetzung passiert es dann das erste Mal, dass Marco Melanie schlägt, und sie Benny unter Polizeischutz aus dem ehemals gemeinsamen Haus holt.

Frage: Kann man überhaupt einen Schuldigen im Konflikt der beiden ausmachen?

Sebastian Blomberg: Eine der Qualitäten von Väter ist, dass die Geschichte genau gegen diese Frage erzählt ist! Der Film ist so geschrieben, dass beide die Chance haben, verstanden zu werden. Beide machen mehr oder weniger drastische Fehler miteinander, die dann wieder mehr oder weniger drastische Fehler des anderen provozieren. Diese unselige Mechanik ist in Danis Film sehr gut nachvollziehbar, und ich glaube, niemand muss lange in seiner Erinnerung kramen, um Teile von sich selber und den eigenen schrägen Auseinandersetzungen in Konflikten mit dem Partner wieder zu erkennen.

Frage: Sie sprechen von Fehlern. Welches sind Marcos entscheidende Fehler?

Sebastian Blomberg: Wie gesagt, Marco ist niemand, der diese Beziehung mutwillig gegen einen Baum fährt ... Ich glaube, er hat bestimmte Signale von Melanie eine Zeit lang einfach nicht wahrnehmen wollen. In seinem Job ist er an einer Schwellensituation. Er kriegt gerade seinen ersten großen Auftrag, fühlt sich ziemlich wohl in der Sonne dieses Erfolgs, und abends ist er dann nur noch mal kurz der liebe Papa, der den ganzen Tag nicht da war. Melanie fühlt sich, da das schon eine ganze Weile so geht, ziemlich missachtet. Außerdem empfindet sie, dass Benny und sie selbst eine Art hübscher Nebenschauplatz für Marco geworden sind ? und ohne dass der dem zustimmen würde, ist da ja auch etwas dran.

Frage: Sie haben von der mangelnden Verantwortung Marcos gesprochen. Im Moment, da er Benny entführt, weil ihm Melanie das Umgangsrecht komplett verweigern will, reißt er dann aber diese Verantwortung komplett an sich. Stand dahinter auch die Idee, diese rhetorische Frage aus der Diskussion um die "Neuen Väter" ? wie viel Vater braucht ein Kind? ? umzukehren, und statt dessen zu fragen: Wie viel Kind braucht ein Vater?

Sebastian Blomberg: Dabei spielt zweierlei eine Rolle: Zum einen folgt Marco bei dieser Entführung wirklich einem spontanen und vitalen Impuls: Er weiß nicht mehr weiter. Er hat keine Ahnung, wie er das, was ja eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass nämlich er und sein Sohn zusammen sein können, wenn ihnen danach ist, anders durchsetzen soll, als durch eine solche Verzweiflungstat. Umgekehrt wollten wir aber auch die Entführung nicht über Gebühr romantisieren. Die beiden erleben ja auf ihrer Fahrt nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen miteinander. Marco macht da auch einen großen Lernprozess durch, was solch ein 24-Stunden-Commitment für ein Kind eigentlich bedeutet. In diesem Punkt waren wir, glaube ich sehr lebensnah: Das ist aus dem entwickelt worden, was viele der ?entsorgten? Väter in solchen Konflikten immer wieder gesagt haben, dass sie nämlich einerseits ganz stark auch den Alltag mit ihren Kindern vermissen, dass sie dann aber, wenn sie auf die eine oder andere Weise Gelegenheit bekommen, diesen Alltag zu leben, feststellen müssen, dass das eine Riesenbelastung ist: Alltag mit Kind braucht Zeit, Alltag mit Kind ist anstrengend ? ganz unabhängig von dem, was einem ein Kind natürlich an Erlebnissen und Empfindungen schenkt ? , aber genau an dieser Herausforderung wächst man auch.

Frage: Eine lange Passage des Films wird ausschließlich von Ihnen und Ezra bestritten. Wie wurden diese Szenen erarbeitet? Und welche Rolle hat dabei die digitale Aufnahmetechnik gespielt?

Sebastian Blomberg: Das war, ganz knapp gesagt, wie ein Geschenk. Ezra musste sich sehr viel weniger nach der Kamera richten. Für Kinder ist ja dieser Arbeitsablauf mit permanenten Proben und Wiederholungen auf einem Filmset völlig unnatürlich, und ich glaube, dass durch den Tribut an die Technik beim Film auch viel von der kindlichen Unmittelbarkeit abgeschliffen wird. Durch diese unbefangene Arbeitsweise, dass wir also immer wieder die Kamera fast vergessen durften oder dachten, es würde geprobt und dann ist schon gedreht worden, hat gerade bei Ezra sehr viel davon bewahrt. Ich behaupte, etwas großspurig, mit diesem Film haben sich alle Beteiligten ein bisschen Freiheit des szenisches Arbeitens zurückerobert.

Frage: Ist der Schluss des Films in Ihren Augen eigentlich ein Happy End?

Sebastian Blomberg: Kein Happy End, aber Hoffnung. Ganz gleich, ob ein Zuschauer den Faden der Geschichte so weiterspinnt, dass Vater-Mutter-Kind wieder zusammen kommen, oder ob er sich das Gegenteil denkt ? auf jeden Fall wollten wir vermitteln, dass es danach die Möglichkeit gibt, miteinander zu reden, miteinander klar zu kommen und in gewisser Weise, wenn auch getrennt, miteinander zu leben. Um so mehr natürlich, wenn Kinder involviert sind.

Dirk Jasper FilmLexikon
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