Shekhar Kapur
* 1945 in Lahore, British Indien • Schauspieler, Regisseur, Produzent • Biographie • Filmografie •
Shekhar Kapur Biographie Shekhar Kapur lieferte 1983 sein Regiedebüt mit dem Film Massom - The Innocent ab, mit dessen großem Erfolg er sich sofort als einer der führenden Vertreter des indischen Kinos etablierte. Vier Jahre später kam sein zweiter Streifen Mr. India (1987), eine Art Fantasyfilm, heraus, der ebenfalls ein großer Hit wurde und heutzutage geradezu Kultstatus genießt. Beide Filme, Massom wie Mr. India, wurden in seinem Heimatland mit wichtigen Auszeichnungen überhäuft.

Nachdem im Jahr1994 Kapurs kontrovers diskutiertes Nachfolgewerk Bandit Queen auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt wurde, löste der Regisseur auch international große Begeisterungsstürme aus und zog weltweites Medieninteresse auf sich. Obwohl der Film in Indien der Zensur anheimfiel, gelangte Bandit Queen (1994) in vielen anderen Ländern der Erde in die Kinos. Das Time-Magazin erkor das Meisterwerk zu einem der zehn besten Produktionen des Jahres.

Aufgewachsen in Indien, ging Shekhar Kapur 1970 nach England, in der Absicht, dort eine Buchhalterlehre zu absolvieren. Bald entwickelte er jedoch ein starkes Interesse für Photographie und Film und übernahm daraufhin als Autodidakt zunächst einige kleine Filmrollen, gefolgt von vier Hauptrollen in größeren Produktionen an, bevor er sich als Regisseur der Arbeit hinter der Kamera zuwandte. Daneben versuchte er sich noch als Gastgeber der Channel 4-Talkshow On The Other Hand und produzierte eine stattliche Anzahl von Werbefilmen.

Shekhar Kapur über Elizabeth "Wie hätte ich, der ich noch nie einen Film außerhalb Indiens in einer anderen Sprache als Hindi gedreht hatte, auf das Angebot, einen urenglischen Film über eine der größten Ikonen Englands zu machen, von der mir zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts bekannt war, schon anders reagieren können, als ja zu sagen.

Den Film durch meine Augen zu sehen, vor dem Hintergrund meiner kulturellen Voraussetzungen, nicht zu versuchen, ein Engländer zu werden, das hätte auch leicht ins Auge gehen können! So musste ich mir die Frage stellen, was genau ich und meine Kultur dem Film zu geben hatten und die Antwort lautete natürlich: Melodramatik. Das ist es, womit wir uns im Osten ausdrücken und so, dachte ich mir, war es auch im vorviktorianischen England. Das muss - davon bin ich überzeugt - eine sehr melodramatische Gesellschaft gewesen sein. Was anderes könnte man von einer Epoche annehmen, in der Intrige, Verrat und Tod hinter jeder Ecke lauerten?

Dieses Gefühl bestimmte den Stil, der den Film charakterisiert. Der Film wird selbst zu einem Verschwörer. Er neigt eher zum Mythologischen als zum Historischen, eher zur mündlichen Überlieferung als zur schriftlichen Geschichtschronik und somit insgesamt eher zum Emotionalen als zum Rationalen. Das umfaßt die Ausstattung, die Kameraführung sowie das Spiel der Darsteller.

Ich muss den Produzenten und insbesondere dem Drehbuchautor dafür großen Dank aussprechen, dass sie mich pausenlos unterstützt und ermutigt haben, bei Dreharbeiten, die sie wahrscheinlich als gefahrvoll aber vielleicht auch als aufregend empfanden."

Elizabeth stellt das englischsprachige Debüt des aus Indien stammenden Regisseurs Shekhar Kapur dar. Unmittelbar nach dem unerwartet großen Erfolg seines kontroversen Films "Bandit Queen" (1994), zögerte Kapur nicht lange, das Angebot der Working Title Films anzunehmen, die Regie für ein sehr englisches Filmprojekt zu übernehmen. Für die Produzenten des Films bedeutete die Entscheidung für diesen Regisseur ein großes Wagnis und für den Regisseur eine Herausforderung, der er unmöglich widerstehen konnte.

"Ich traf Tim Bevan in Los Angeles", erinnert sich Shekhar Kapur, "und er stellte mir ganz unvermittelt die schlichte Frage 'Wollen Sie bei unserem Film Elizabeth Regie führen'? Ich sah, dass er es wirklich ernst meinte und dachte nur, der Mann muss vollkommen durchgedreht sein! Mein einziger Film, den bis dahin überhaupt je ein Mensch außerhalb Indiens gesehen hatte war "Bandit Queen", ein chaotischer, nervöser und zuweilen bewußt melodramatischer Streifen, der mit der formalen Geschlossenheit eines britischen Historiendramas nicht das Geringste zu tun hat. Ich könnte Ihnen spontan mindestens zehn gute Gründe dafür nennen, warum es verrückt war, mich für einen Film wie Elizabeth als Regisseur zu engagieren und ebenso dafür, warum es von mir ganz und gar verrückt war, sofort ja zu sagen."

Den Produzenten erschien aber gerade die Unvoreingenommenheit des Nicht-Europäers, seine Unbelastetheit von westlichem "Bildungsgut", das oftmals nur aus der stereotypen Reproduktion erstarrter Geschichtsbilder besteht, nicht als Mangel, sondern vielmehr als Chance darauf, die Vergangenheit aus einer ungewohnten Perspektive neu zu betrachten.

"Die große Herausforderung bestand für mich darin", erklärt Kapur, "die ungeschriebenen Gesetze für einen sogenannten 'Historienfilm' zu brechen. Ich glaube, das Kino leidet ohnehin unter zu vielen Regeln. Meine Absicht war von Anfang an, eine sehr menschliche Geschichte zu erzählen, ohne deren historischen Aspekt zu vernachlässigen, um den heutigen Kinozuschauern die Gefühlslage der Handlungsfiguren, ihre Motive und Begierden, wirklich verständlich zu machen."

Der Regisseur lernte schnell, wie fundamental sich die britisch-europäische Arbeitsweise von seiner bisherigen Filmarbeit in Indien unterschied. "Hier läuft alles viel organisierter ab", stellt er fest und muss unwillkürlich lachen, als er an den Drehbeginn des Films zurückdenkt: "Am ersten Drehtag sah ich ungefähr zwanzig Wohnwagen auf dem Gelände, was mich irritierte, und ich fragte, warum wir unsere Aufnahmen ausgerechnet neben einem Campingplatz machen wollten, bis mir jemand sagte, dass es sich dabei um den Stützpunkt unseres eigenen Teams handelte! In Indien operieren wir dagegen fast wie der Vietcong. Ständig muss man dort improvisieren. Man ist ununterbrochen mit solch gravierenden Problemen konfrontiert, dass man gezwungen ist, eine Vorgehensweise zu entwickeln, die einer Art Guerillakriegsführung gleicht. Ich bewundere beide Verfahren gleichermaßen, aber im Vergleich, ziehe ich doch die europäische Wohlorganisiertheit vor, sie ist einfach weniger nervenaufreibend."

"Ich denke", führt Shekhar Kapur weiter aus, "dass man mir deshalb die Regie für diesen Film übertragen hat, weil man davon ausging, dass ich weniger ehrfurchtsvoll mit der historischen Materie umgehen würde als ein Europäer. Elizabeth handelt von Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Leben treffen muss. Darin besteht im Grunde genommen das Dilemma, dem sich Elizabeth in bereits jungen Jahren ausgesetzt sieht. Was muss sie tun, um zu überleben?

Entschließt sie sich ein liebender, fröhlicher, sensibler Mensch zu bleiben oder verdrängt sie diese emotional-menschliche Seite und erstarrt zu einem Image der Herrscherin? Gelingt es ihr, sich auch als machtbewußte Politikerin einen Rest menschlicher Wärme zu bewahren? Das sind Fragen, die auch heutige Menschen so oder anders, im Großen wie im Kleinen, sich stellen und sich stellen sollten. Die Geschichte des Films ist angesiedelt in einer bestimmten historischen Phase und dennoch ist der Film nicht eigentlich ein 'Historienfilm'. Erzählt wird darin von Liebe und dem Kampf ums Überleben, und das ist es, wovon ich glaube, dass es die Leute interessieren wird."


Filmografie
Dirk Jasper FilmLexikon
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