Interview mit Sherry Hormann

"Ich drehe intuitiv."

Sherry Hormann führte Regie in der deutschen Kinokomödie Männer wie wir.

Frage: Was hat Sie an dem Projekt "Männer wie wir" gereizt?

Sherry Hormann: Ich hatte große Lust auf eine Arbeit, die mir gestattete, täglich elf gut aussehende Männer anzusehen (lacht). Tatsächlich war es die Geschichte von Ecki, die mich begeistert hat. Sie wurde von Drehbuchautor Benedikt Gollhardt präzise auf den Punkt gebracht. Es ist eine Geschichte über den Mut, anders zu sein. Ecki, von seinem Dorf, seinen Kumpels, von seiner Familie ignorant verstoßen, glaubt an sich.

Wie Benedikt diese Geschichte in das Komödiengenre übersetzt hat, ist einmalig. Er schreibt immer haarscharf an den Klischees vorbei, benutzt sie, um Tabus zu brechen. Gerade in unserer konformistischen Zeit eine Komödie vom Anderssein zu erzählen, ist mutig. Mit der Rolle des Dorfstänkerers Rudi, der die bekannten Schwulenwitze reißt, hat Benedikt beispielsweise einen Weg gefunden, die alten, verbreiteten Vorurteile zu thematisieren und ihnen gleichzeitig ihren richtigen Platz zuzuweisen: Vorurteile nähren sich aus Unwissenheit.

Herausgefordert hat mich die Beschäftigung mit Themen, von denen ich vor anderthalb Jahren vergleichsweise wenig Ahnung hatte: Fußball und Homosexualität. Das hieß für mich: Recherchieren und lernen, lernen und recherchieren.

Frage: Was war das erste Bild, das Sie vor Ihrem inneren Auge gesehen haben?

Sherry Hormann: Die Szene, mit der der Film auch beginnt: einen kleinen Jungen, der im Mehl spielt. Als ich mir bei der Vorbereitung dann klar machte, dass die Länge eines Fußballfeldes zwischen 100 und 110 Metern, die Breite zwischen 64 und 75 Metern liegt, war ich erst mal erschlagen. Ich dachte: Wie filmt man das?

Ich habe mir mit dem Kameramann Hanno Lentz im Büro ein Spielfeld gebaut und mir Pappfiguren gebastelt, auf die ich die von Fotos ausgeschnittenen Köpfe der Darsteller geklebt habe. Damit habe ich mich wochenlang vergraben und an der Auflösung getüftelt. Ich wollte buchstäblich der Ball sein, ganz nah dran, mitten drin, zwischen den Füßen der Spieler!

Bei der Inszenierung der Fußballsequenzen ging es darum, über die rein sportliche Ebene die Konflikte und Entwicklungen der im Spiel agierenden Menschen zu erzählen und aufzulösen. Torwart Ecki bleibt sich selbst treu - schwul oder nicht. Jürgen spielt sich frei. Rudolf findet zum alten Selbstverständnis zurück. Das Fußballspiel sowohl als Metapher für das Leben von jedem einzelnen als auch als spannender Action-Höhepunkt.

"Männer wie wir" ist ein Ensemblefilm. Was ist das Besondere dabei? Zuerst einmal die Zusammenstellung! Ohne Nessie Nesslauer, unsere Casting-Agentin, hätte ich das nicht geschafft. Nessie ist eine regelrechte Menschensammlerin und sie hat ein wunderbares Gespür für richtige Kombinationen. Sie hat Maxmilian Brückner gefunden, nachdem wir lange vergeblich nach einem Ecki gefahndet hatten.

Das Großartige bei Ensemblefilmen ist, dass man mit vielen Schauspielern zusammenarbeiten kann, mit denen man schon immer mal drehen wollte. Mariele Millowitsch beispielsweise, als Wirtin des Vereinsheims ist sie herrlich lakonisch und trocken.

Ein wesentlicher Unterschied zur Inszenierung eines Kammerspiels, um das krasse Gegenteil zum Ensemblefilm zu nennen, ist, dass man als Regisseurin so viel mehr Ansprechpartner hat. Man muss viel mehr zuhören, mehr Absprachen treffen und im Kopf behalten. An manchen Tagen musste ich neben dem Ensemble noch ein 50-köpfiges Team und 500 Komparsen führen - und das bei 40 Grad!

Frage: "Männer wie wir" benötigte nicht nur männliche Schauspieler ...

Sherry Hormann: Die Frauenrollen sind genauso wichtig. Mariele als Elke genauso wie Saskia Vester. Die trägt als erst verwirrte, dann engagierte Mutter sehr viel bei, um vor allem gleich am Anfang den richtigen Ton zu etablieren. Gemeinsam mit Dietmar Bär, Maximilian Brückner und Lisa Maria Potthoff bildet sie eine Familie, die sich nach einer großen Irritation wieder zusammenrauft.

Lisa Maria Potthoff besitzt eine Mischung aus Anmut und Ehrlichkeit, dir mir gefällt. Zusätzlich ist sie von einer erfrischenden Uneitelkeit und ganz in ihrer Weiblichkeit zu Hause: Das ist für eine so junge Schauspielerin keine Selbstverständlichkeit.

Frage: Wie ist es, mit elf nackten Männern in einem engen Umkleideraum zu drehen?

Sherry Hormann: Heiß!

Frage: Wann wussten Sie, dass Maximilian Brückner der Richtige war?

Sherry Hormann: Als er nach Berlin kam und sagte: "Zum ersten Mal geflogen, zum ersten Mal in Berlin, mein erstes Casting - was muss ich tun?"

Maximilian besticht durch seine ganz eigene individuelle Ausstrahlung und seinen eigenen unverwechselbaren Charme. Ich war mir ganz schnell sicher, dass er die Aussage des Films transportieren konnte: "Ich bin wie ihr - nur ganz anders!" David Rott, der Eckis Freund Sven spielt, wurde bereits als Newcomer gehandelt und hatte Kamera-Erfahrung. Er war sofort von seiner Rolle und der Story überzeugt und hatte keine Probleme, sich vorzustellen, einen homosexuellen Mann zu spielen.

Frage: Wie sind die beiden mit der Liebesszene umgegangen?

Sherry Hormann: Ungezwungen. Ohne Liebeszene, das war allen klar, wäre der Film nicht ehrlich gewesen. "Männer wir wir" erzählt auch eine Liebesgeschichte. Wer genau hinguckt, sieht sogar noch mehr als die zwischen Ecki und Sven. Da gibt es Susanne und Klaus, Rudolf und seine beiden Freunde, Trainer Karl und Elke, sogar die Geschichte von Eckis Eltern ist eine Liebesgeschichte. Jedenfalls muss man in einem Liebesfilm Momente von Liebe zeigen.

Ich habe immer große Angst vor Liebesszenen, weil sie mitunter so fürchterlich falsch wirken können. Wir haben die Arbeit an der Liebesszene im Fahrstuhl ganz ans Ende der Dreharbeiten gelegt, weil wir sicher gehen wollten, dass die Darsteller einander gut kannten.

Unsere Befürchtungen waren völlig unnötig: Unser Kameramann Hanno Lentz hatte eine spezielle Lichtführung ausgearbeitet und David und Maximilian fanden intuitiv die richtige Art. So entstand wie von selbst eine gleichzeitig romantische und erotische Liebesszene.

Frage: Was war für Sie der schönste Moment bei der Entstehung von "Männer wie wir"?

Sherry Hormann: Der fand eigentlich vor dem Drehen statt. Als sich in einem table reading alle Darsteller versammelt hatten, die ja mitunter gar nicht gemeinsam vor der Kamera stehen, obwohl sie in demselben Film spielen. Wir haben das ganze Buch zusammen einmal gelesen. Die Chemie stimmte, wir konnten gemeinsam auf diese Reise gehen. Das war mir besonders wichtig, weil ich einen Film machen wollte, der berührt.

Frage: Wie kam das Buch zu Ihnen?

Sherry Hormann: Per Post! Kirsten und Andreas hatten mir das Buch geschickt. Dann ist Kirsten nach Berlin gekommen, um mit mir darüber zu sprechen.

Mir war klar, dass wir uns nicht in einem Restaurant treffen konnten, denn wirklich wichtige Dinge bespricht man nicht in einem Restaurant. Sondern beim Kochen. Kirsten kocht großartig thailändisch. Also haben wir zusammen gekocht und beim Kräuterhacken und Gewürzemahlen über "Männer wir wir" gesprochen.

Frage: Waren Sie überrascht von ihrer Wahl?

Sherry Hormann: Nur in Bezug auf die Fußballebene. Schließlich bin ich der unsportlichste Mensch auf der ganzen Welt. Die wichtigsten Männer in meinem Leben jedoch haben sich immer für Fußball interessiert. Mein Freund war ganz überrascht, als ich ihm von dem Film erzählte. Er meinte zweifelnd: "Du und Fußball?" Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen wollen.

Wir haben dann gemeinsam ganz klein angefangen und ich hatte plötzlich jede Menge Zettel, auf denen er mir die Abseitsregel oder die Viererkette erklärt hat. Dann sind wir ins Westfalenstadion, eine Woche drauf zu einem Regionalligaspiel. Und heute schlage ich morgens als Erstes nicht mehr das Feuilleton, sondern den Sportteil auf!

Frage: "Recherchieren und lernen" haben Sie eingangs die Vorbereitungszeit überschrieben. Galt das auch für das Thema Homosexualität?

Sherry Hormann: Ja, in genau demselben Maße wie beim Thema Fußball. Von beidem hatte ich nämlich nur eine vage Ahnung. Ich habe mich also in Kölns größtem Dark Room umgetan. Das war anfangs problematisch, ähnlich wie in "Männer wie wir" gezeigt, sind Frauen dort nicht erwünscht. Aber der Betreiber war von unserem Filmprojekt so begeistert, dass er eine einmalige Einladung aussprach. Mit der Auflage: "Du verkleidest dich als Mann". Nach meinem Besuch dort war mir klar, dass das Leben viel facettenreicher ist als meine Vorstellung davon.

Frage: Was war der schlimmste Moment während der Dreharbeiten?

Sherry Hormann: Als sich Charly Hübner (Horst) den Fuß gebrochen hat! In so einem Moment fühlt man sich völlig hilflos. Aber dann haben wir nach Lösungen gesucht - und sie gefunden! Heute kann man sich den Film ohne diese Szenen gar nicht mehr vorstellen. Da hat unser Autor Benedikt Gollhardt sehr schnell und gut reagiert.

Frage: Für einige Schauspieler dürfte "Männer wie wir" zu den eher ungewöhnlichen Rollen Ihrer Karriere gehören ...

Sherry Hormann: Buch und Casting sind für mich die Schüssel für die Arbeit eines Regisseurs. Es ist aufregend, unbekannte Schauspieler mit bekannten zu kombinieren und letztere einmal in einem neuen Licht zu zeigen. Ich will ehrlich sein: Wir hatten auch einige Absagen von Schauspielern, die sich nicht vorstellen konnten, einen Homosexuellen zu spielen.

Aber dafür gab es jemanden wie beispielsweise Christian Berkel, der über Nacht das Buch las und am nächsten Morgen für die Rolle von Rudolf zusagte. Christian war für mich ein Glücksfall und ich halte ihn für einen ganz großen Schauspieler. Er verfügt über eine brillante Genauigkeit, eine unglaubliche Präzision und eine beneidenswerte Konzentration.

Christian ist immer pünktlich, kann seinen Text und traut sich, gänzlich uneitel, sich völlig zu geben. Die einzige Instanz, die ihn stoppen kann, ist seine innere Stimme. Christian liebt die Kamera, er flirtet mit ihr. Es ist großartig, ihm dabei zuzusehen.

Ich könnte hier von fast jedem Ensemblemitglied schwärmen, denn alle haben zum Gelingen beigetragen: Charly Hübner, Markus John, Jochen Stern oder Billey Demirtas als Ercin - großartig seine Darstellung eines schwulen Türken!

Auf eine ganz andere Weise ist Dietmar Bär ein Ausnahmeschauspieler, der den emotionalen Zwiespalt, in dem Eckis Vater steckt, in seiner Figur verständlich, sympathisch, aber auch mit Ecken und Kanten zum Ausdruck brachte.

Eine wunderbare Überraschung war Rolf Zacher. Ich kenne ihn seit meinem neunzehnten Lebensjahr, er war damals Dozent an der Filmhochschule und dabei, als ich das erste Mal Regie führen musste! Die Zusammenarbeit mit ihm nach so vielen Jahren war etwas ganz Besonderes. Er brachte eine wichtige andere Farbe mit in den Film hinein: Gelebtes Leben.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit so vielen Männern?

Sherry Hormann: Aufregend, entspannt und fröhlich - solange keiner der Jungs einen Ball vor den Füßen hatte. Sobald sie das Fußballfeld betraten, entwickelten sie mitunter regelrechte Platzhirsch-Attitüden. Bei Fußball weiß jeder Mann alles besser. Einmal gab es einen handfesten Krach, weil mir ihre Sprüche und Hahnenkämpfe zu viel waren. Das war wie ein Gewitter - es reinigte die Luft. Genau solche Vorfälle machen aus einer Gruppe ein Team: Es muss einfach mal krachen, besonders bei einem Projekt, bei dem jeder mit viel Leidenschaft dabei ist.

Frage: Wie haben Sie den Film angelegt?

Sherry Hormann: Eigentlich beantworte ich diese Fragen ungern: Ich drehe intuitiv. Ich habe mir morgens immer drei Fragen gestellt: 1. Was ist wahrhaftig? 2. Was ist komisch? 3. Was bewegt? Denn hinter der vordergründigen Aktion der Protagonisten stehen ja ganze Biografien von Verletzungen, Sehnsüchten und Träumen, es gibt versteckte, offene und unfreiwillige Komik.

Die Figuren aus dem Drehbuch müssen Menschen werden, die man nicht verraten darf. All das muss mitschwingen, sich dem Zuschauer erschließen, ohne verbalisiert zu werden. Es war ein Gefühl zwischen Glück, Aufregung, Zweifel und Neugier.

Sherry Hormann
Plakat zu 'Männer wie wir'

Dirk Jasper FilmLexikon

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