Interview mit Sibel Kekilli

?Wer liebt muss loslassen können, auch wenn es weh tut.?

Sibel Kekilli spielt die weibliche Hauptrolle in dem deutschen Drama Winterreise von Hans Bierbichler.

Frage: Wie war denn Ihre erste Begegnung mit Josef Bierbichler und Hanna Schygulla?

Sibel Kekilli: Zwei so große, gigantische Schauspieler ? und ich dazwischen! Mein Gott! ?Josef, ich muss Dir was gestehen: Ich habe Angst vor Dir!? Das waren meine ersten Worte zu ihm. Aber er war dann ganz lieb. Und hat mich später oft zum Lachen gebracht. Das ging soweit, dass ich in Kenia Rückzugsorte finden musste, um mich auf die doch sehr emotionalen Szenen konzentrieren zu können. Der kann ja von einer Sekunde auf die andere von einer Stimmung in die andere umschalten, und wenn er dann einen Witz auf bayerisch erzählt, ist bei mir sofort Schicht! Hanna hatte ich schon vorher einmal kennen gelernt mit Fatih Akin.

Frage: Und wie schätzen Sie Hans Steinbichlers Arbeit ein?

Sibel Kekilli: Mir gefiel schon sein erster Film HIERANKL sehr gut. Und ich mochte an der Arbeit mit ihm, dass er einen ermutigt, tief in die Emotionen zu gehen. Das ist eine echte Herausforderung für eine Schauspielerin. Ich finde das schön.

Frage: Was für ein Verhältnis ist das zwischen Leyla und Brenninger, der jungen Frau und dem reifen Mann?

Sibel Kekilli: Brennningers Frau Martha bittet Leyla, auf ihn aufzupassen. Das überlegt sie sich, weil es auch eine große Verantwortung ist. Und er macht es ihr am Anfang ja auch nicht leicht. Aber da schwingt auch ihre eigene Geschichte mit ihrem Vater mit - einem Kurden, der offenbar umgekommen ist. Sie sieht in Brenninger auch eine Art Vaterfigur.

Frage: Mit seinen eigenen Kindern kommt er gar nicht klar.

Sibel Kekilli: Das ist ja oft so, dass man gerade mit den eigenen Leuten nicht so klar kommt. Brenningers Kinder sind zu nahe dran und auch zu parteiisch für die Mutter, als dass sie ihn verstehen könnten, und er lässt sie ja auch nicht mehr an sich heran. Leyla hingegen lässt sich von seiner rauen Schale nicht abschrecken. Es fasziniert sie eher, dass er sich nicht gleich durchschauen lassen will. Sie möchte wissen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Sie spürt, da ist ein Geheimnis um den Mann.

Frage: Durchaus mutig, sich auf ihn einzulassen, anfangs krachen die beiden ja richtig aneinander.

Sibel Kekilli: Sie hat eben keine Furcht vor seinen Gefühlsausbrüchen, wie seine Mitmenschen, und denkt sich eher: Lass ihn mal reden, lass ihn mal machen. Und genau das schätzt er an ihr. Manch einer hätte gesagt: Das ?Arschloch? - sein Lieblingswort - soll doch bleiben wo er will. Aber Leyla weiß ziemlich genau, was sie will, und interessiert sich für Menschen. Sie will nicht umsonst Ethnologin werden. Als Brenninger sie dann in Afrika alleine lässt, stellt sie ihm ganz klar Grenzen: ?Wenn Sie mich noch mal sitzen lassen, bin ich weg!? Und da beginnt er, sich zu öffnen. Da kommt der wahre Brenninger zum Vorschein. Sie entdeckt Seiten, die die anderen an ihm gar nicht mehr wahrnehmen können.

Frage: Die Reise nach Afrika wird auch immer mehr zu ihrer eigenen Geschichte. Wird diese Reise auch Leylas Leben verändern?

Sibel Kekilli: Am Anfang weiß sie, was sie will. Kann sein, dass ihr Leben nach der Geschichte mit Brenninger eine andere Wendung nimmt. Am wichtigsten aber ist: sie lässt ihn gehen, lässt ihn los, obwohl sie ihn mag. So wie seine Frau ihn auch loslässt. Aus Liebe! Sie lässt ihn seinen letzten Weg alleine gehen. Manch einer hätte gesagt: ?Du musst ihn vor sich selbst retten!? Aber Leyla hat die Größe, ihm seinen Willen zu lassen und ihn seinen letzten Weg alleine gehen zu lassen. Wenn man liebt, muss man loslassen können, auch wenn es weh tut. Dazu gehört Reife.

Sibel Kekilli
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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