Interview mit Sönke Wortmann

Sönke WortmannFrage: Wie war Ihr 'Erstkontakt' mit diesem Projekt?

Sönke Wortmann: Leon de Winter und ich haben die gleiche Agentur hier in Deutschland, wir mussten also nur innerhalb des Hauses zusammengebracht werden. Das war ein ziemlich kurzer Weg. Auch sonst war es ein sehr zügiger Prozess: Ich fand den Stoff sehr reizvoll, die beiden Produzenten, also Leon de Winter und Eric Pleskow, haben sich meine bisherigen Filme angeschaut und kamen dann schnell überein, dass sie mir die Regie anvertrauen wollten.

Frage: Ist Hollywood für Sie romantisch besetzt gewesen?

Sönke Wortmann: Nicht sehr. Ich kannte es ja von vielen Besuchen und habe auch schon eine längere Zeit am Stück dort verbracht. Der Mythos war also nicht mehr ganz 'unberührt'. Aufregend war es natürlich, aber das Aufgeregt-Sein hatte viel handfestere Gründe: In den USA läuft es ja mit den Projekten ein bisschen anders als hier. Eigentlich war es bis sechs Wochen vor Drehbeginn nicht klar, ob und wie der Film über die Bühne gehen würde. Aber irgendwann platzt ein Knoten, und dann geht alles rasend schnell. Für die Amerikaner war das ganz normal, die hätten sich eher gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

Frage: Wie haben Sie mit Leon de Winter am Drehbuch gearbeitet?

Sönke Wortmann: Als ich dazustieß, gab es bereits eine erste Drehbuchfassung. Die war noch stark an den Roman angelehnt, d. h. sehr komplex, was die einzelnen Handlungsstränge und vor allem das Ende, sprich die Auflösung angeht. Es war klar, dass man die Geschichte für einen Film vereinfachen müsste. Bei unserem ersten Treffen habe ich Leon de Winter gesagt, dass ich glaube, dass man sich auf den Hauptplot konzentrieren sollte, wo die drei alten Schauspieler den Gangstern das Geld abjagen. Von diesem Punkt aus haben wir zusammen das Drehbuch erarbeitet. Das heißt, er hat geschrieben und ich habe dramaturgisch zugearbeitet - also genau so, wie man sich idealerweise die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Autor vorstellt.

Frage: Haben Ihnen die großen Namen der Hauptdarsteller Angst gemacht? Rod Steiger, Burt Reynolds und Tom Berenger sind ja schon lebende Hollywood-Legenden?

Sönke Wortmann: Ich war sehr stolz darauf, dass ich mit den dreien arbeiten durfte. Ich habe viel dabei gelernt: Ich hing an ihren Lippen, wenn sie vom alten Hollywood erzählten. Das war wirklich toll, und Rod Steiger gehörte schon immer zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern. Er ist immerhin der Star in einem meiner ewigen Top-Ten-Filme: "In der Hitze der Nacht".

Frage: Spielte der große Altersunterschied zwischen den Darstellern und Ihnen eine Rolle? Haben sie Ihnen getraut?

Sönke Wortmann: Eigentlich ja. Sie haben sich meine Filme vorher angesehen. Offensichtlich haben sie ihnen gefallen, und von da ab war es kein Problem mehr.

Frage: Ein wesentliches Thema in Der Himmel von Hollywood ist ja das Altern in der Traumfabrik. Wie sind Ihre Hauptdarsteller damit umgegangen? Gab es die Situation, dass sich bestimmte Momente aus dem Drehbuch mit deren eigenen Erfahrungen überschnitten haben?

Sönke Wortmann: Sie haben es nie so formuliert, aber wenn man sich die Lebensgeschichte von Burt Reynolds ansieht, kann es eigentlich gar nicht anders sein. Er war ja in den siebziger Jahren der größte Filmstar der Welt, dann im kommenden Jahrzehnt völlig weg vom Fenster und hatte erst vor ein paar Jahren mit Boogie Nights ein großes Comeback. Er hat wirklich alle erdenklichen Höhenflüge und Durchhänger am eigenen Leib erlebt. Entsprechend gelassen war er auch.

Frage: Sowohl das Buch als auch der Film halten eine schwierige Balance zwischen dem Bild von Hollywood als Glitzerstadt und der schäbigen Rückseite dieses Images. Wie sind Fact und Fiction in dieser Story verteilt?

Sönke Wortmann: Dieses Janusköpfige ist sehr wirklichkeitsnah. Und speziell für Schauspieler ist die Fallhöhe irrsinnig groß. Es gibt in Los Angeles eine Einrichtung, das Old Actors Home. Das kommt auch im Film vor. Dort leben Darsteller, die keine Jobs mehr kriegen, weil sie zu alt sind, und von der Sozialhilfe leben. Abstürze dieser Art sind überhaupt kein Einzelfall, geschweige denn eine Erfindung unseres Drehbuchs.

Frage: War von Anfang an klar, dass Der Himmel von Hollywood eine Komödie werden würde?

Sönke Wortmann: Ich glaube, Komödien sind immer Gratwanderungen. Komödie und Tragödie sind für mich immer nur einen Schritt auseinander. Es gibt ja auch in unserem Film etliche tragische Momente. Zum Beispiel die Erzählung, wie Burt Reynolds seinen Sohn verloren hat, oder diese Szene, in der er sich seine alten Filme anschaut, das ist wirklich nicht lustig. Aber wenn man sich auf die Geschichte der drei alten Schauspieler konzentriert, die beschließen, einer gefährlichen Gangsterbande ihre Beute abzuknöpfen, dann liegt die Komödie auf der Hand.

Frage: Gibt es für Sie in Hollywood auch einen 'Wallfahrtsort', wie das Hollywood Sign?

Sönke Wortmann: Es gibt viele Orte, die ich ganz gerne mag, aber die sind nicht unbedingt mit dem Mythos der Traumfabrik verknüpft. Für unsere Hauptfiguren ist es auch so, dass sie eher aus einer Schnapslaune heraus dort hinpilgern, einfach weil sie das Ding seit 30 Jahren vor der Nase haben und plötzlich alle drei feststellen, dass sie noch nie da oben waren. Das Hollywood Sign ist für die Einheimischen wahrscheinlich das Gleiche wie der Eiffelturm für die Leute in Paris. Nur dass der Lift auf den Eiffelturm viel komfortabler ist als der Weg zum Hollywood Sign.

Frage: Waren die Dreharbeiten in Hollywood nur ein Intermezzo für Sie, oder hat das tiefer in ihre Lebensplanung eingegriffen?

Sönke Wortmann: Ich fühle mich sehr glücklich und geschmeichelt, dass ich so etwas überhaupt mal machen durfte. Es war ein großartiges Erlebnis. Ob es allerdings dort weitergeht, weiß ich nicht, und es ist mir, ehrlich gesagt, auch relativ egal. Meine Stoffe suche ich weitestgehend danach aus, worum es geht, und nicht danach, wo sie gedreht werden. Ich würde auch nach Rumänien oder nach Finnland gehen, wenn eine Geschichte dort spielt und ich sie machen möchte. Diese Geschichte hat nun mal in Hollywood gespielt und deswegen habe ich dort gedreht. Ob ich mich jetzt als Hollywood-Regisseur definiere? Nein, wirklich nicht!

Dirk Jasper FilmLexikon
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