Interview mit Sönke Wortmann

"Das hat mich so bewegt und beeindruckt, dass ich dachte: So wird eines Tages ein Film von mir anfangen."

Sönke Wortmann ist der Regisseur von Das Wunder von Bern

Frage: Sie sind 1959 geboren, also eigentlich zu jung, um ein richtiges "Wunder"-Kind zu sein. Wann haben Sie zum ersten Mal vom Wunder von Bern gehört?

Sönke Wortmann: Weiß ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich, als ich sechs oder sieben war. Das Tor von Helmut Rahn wird ja pro Jahr mindestens dreimal gezeigt. Es hat mich damals allerdings nicht so fasziniert wie heute. Weil ich die gesellschaftliche Bedeutung gar nicht erkannt habe und die sportliche auch nicht. Dass es ein solcher Außenseitererfolg war, hab' ich erst wesentlich später erfahren.

Frage: War bei Ihnen zu Hause Fußball ein großes Thema?

sönke Wortmann: Mein Vater war sehr fußballbegeistert, er hat mich, den Nachzügler nach zwei viel älteren Brüdern, immer mit ins Stadion genommen, zum TSV Marl-Hüls. Seit 1964 gab es ja die Bundesliga und darunter 5 Regionalligen. Und in der Regionalliga West spielte der TSV Marl-Hüls. Ich kann mich noch genau an das erste Spiel erinnern, bei dem ich im Stadion war. Ich war fünf oder sechs, und der TSV gewann gegen Schwarz-Weiß Essen 3 : 1. Und der Mittelläufer Peters hat ein Tor geschossen. Da wollte ich dann auch Fußballer werden.

Frage: Sind Sie ja auch.

Sönke Wortmann: Ja. Bei Marl-Hüls hab' ich angefangen. In der Jugend war ich da noch der Beste, sogar auf dem Sprung in die Schüler-Nationalmannschaft. Aber dann hab' ich mich leider verletzt, und dann war das nix rechtes mehr. Später hab' ich immer noch relativ hochklassig gespielt, A-Jugend Westfalenliga und so. Dann bin ich zur ruhmreichen Spielvereinigung Erkenschwick gewechselt, Oberliga Westfalen. Da hab' ich in der ersten Mannschaft gespielt, und wir sind in die 2. Bundesliga aufgestiegen.

Frage: Und wann ist dem Ex-Fußballprofi Sönke Wortmann die Idee zu diesem Fußballfilm gekommen?

Sönke Wortmann: Als ich noch auf der Filmhochschule war, 1985 oder so, ist mir ein Buch über die Oberliga West und die ganzen Traditionsvereine in die Hände gefallen. SV Solingen, Westfalia Herne, Schalke 04 natürlich, Hamborn 07. Da waren tolle Bilder drin, die Stadien, die Trikots. Und da wurde berichtet, dass sie den Pomaden-Ede, einen Taubenzüchter, mit zu Auswärtsspielen geschickt haben. Und wenn ein Tor fiel, in Aachen oder sonstwo, ließ er eine Taube los mit dem Spielstand. Die flog dann mit dem Ergebnis nach Hause. Das fand ich ein so schönes Bild, das hat mich so bewegt und beeindruckt, dass ich dachte: So wird eines Tages ein Film von mir anfangen.

Frage: Wie haben Sie Ihre Mannschaft gefunden?

Sönke Wortmann: Durch ein intensives Casting. Wir haben bei der Fußballausstellung im Gasometer Oberhausen auf einer Pressekonferenz von dem Projekt erzählt. Dann liefen die Telefone heiß. 1500 Leute haben sich beworben, wir mussten 'ne Sonderleitung legen. Das war zu der Zeit, als der Daum-Skandal gerade anfing. Wir haben auch drei Haarproben mitgeschickt bekommen.

Frage: Ihr Vater war wie Richard Lubanski Bergmann. Ist der Film eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln?

Sönke Wortmann: Absolut. Das Milieu ist das, in dem ich selbst aufgewachsen bin. Mein Vater war auch im Krieg, allerdings nicht Kriegsgefangener. Er wurde verwundet und kam nach Hause. Der kleinste von drei Geschwistern war ich auch. Das ist es dann aber auch mit der Autobiografie.

Frage: Das Wankdorf-Stadion war schon gesprengt, als Sie anfingen zu drehen.

Sönke Wortmann: Das hat uns nichts ausgemacht. Wir haben uns unser eigenes Stadion gebaut. Es musste ja in einem bestimmten Winkel zur Sonne stehen, damit später die digitale Montage der Zuschauer überhaupt funktioniert. Sowas hätten wir gar nicht finden können. Das sind Sachen, die nicht auf Erfahrungswerten beruhen, die mussten wir alle selber rausfinden durch viele Versuche. Wir konnten niemanden fragen: Wie geht denn das? Es hat einfach noch keiner gemacht. Wir haben erst mal lange Stadien gesucht, kleine, größere. Ging aber alles nicht. Dann hatte einer die Idee: Wir gehen da hin, wo der Rasen ist. So sind wir bei einem Rollrasenhersteller zwischen Köln und Bonn gelandet. Und da haben wir unser Stadion hingebaut.

Frage: Haben die Helden von Bern Ihnen bei dem Film geholfen?

Sönke Wortmann: Horst Eckel hat uns beraten, auch Heinrich Kwiatkowski, einer der drei Torhüter, und ein paar Journalisten, die damals dabei waren. Vor allem aber Eckel, der uns gesagt hat, wie der Umgangston war, was Herberger gesagt hat, wie die Taktik aussah ... Die Spieler von damals, die noch leben, treffen sich ja immer noch, fahren nach Ungarn, treffen Puskás, Grosics, auch vierzig Jahre nach dem Spiel, das find' ich klasse.

Sönke Wortmann
Filmplakat zu 'Das Wunder von Bern'

Dirk Jasper FilmLexikon

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