Interview mit Stéphane Vuillet

"Ich glaube, ich hatte sehr viel Glück."

Stéphane Vuillet ist Regisseur und Koautor des belgisch-französischen Dramas 25 Grad im Winter.

Frage: Stéphane Vuillet, Ihr Film ist beendet, aber ich schlage vor, dass wir an den Anfang zurückkehren. Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht, diesen Spielfilm zu machen?

Stéphane Vuillet: Das ist eine eher erstaunliche Geschichte und schwer in nur wenigen Worten zu erzählen. Ich versuchte, das Drehbuch für einen abendfüllenden Spielfilm zu schreiben, aber ich habe einfach nicht zur Geschichte gefunden. Pedro Romero, ein Freund und Schauspieler, mit dem ich bereits bei meinem ersten Kurzfilm Terre natale (Native Land - Heimatland) zusammengearbeitet hatte, kam zu mir und bat mich, aus Freundschaft eine Rolle für ihn zu schreiben. Ich sagte zu ihm, "Das ist unmöglich - ich kriege ja noch nicht einmal diese Geschichte zum Laufen ..."

Etwas später kam Pedro wieder, dieses Mal mit der ersten Fassung einer Kurzgeschichte mit dem Titel "Le coursier" (The Courrier). Die Geschichte interessierte mich, da es um einen Vater ging, der alleine mit seiner Tochter lebt. Verlassen werden ist ein wichtiges Thema für mich und so habe ich mir gesagt, dass vielleicht etwas Gutes dabei herauskommen könnte, wenn wir zusammen arbeiteten.

Nach ein paar Wochen gemeinsamer Arbeit gingen wir zur Film Commission, um das Projekt als Kurzfilm vorzustellen. Die Kommission lehnte das Projekt zwar ab, bestätigte uns aber, dass die Geschichte gut war, bis auf die eine Rolle, die lediglich wie ein unerwünschter Besucher auftauchte. Die Message war: "Schmeißt diese Rolle raus und wir akzeptieren euer Projekt."

Wir haben das Gegenteil gemacht. Wir haben Stéphane Malandrin, die dritte Drehbuchautorin dazugeholt und sind nochmals an die Arbeit gegangen. Ich mochte die Rolle von Sonia, der russischen Immigrantin ohne Papiere, und wir beschlossen, sie noch weiter zu entwickeln, anstatt sie zu streichen. Beim Neu-Schreiben fand Sonia ihre "raison d'être", die in der Kurzfassung gefehlt hatte und die wie immer mit dem Thema des Verlassens verbunden war. Dann ganz plötzlich nahm das Drehbuch Form an und entwickelte sich zu einem Langfilm.

Drei Versionen später traf ich mich mit Marion Hänsel, die ich bei einer Radioshow kennen gelernt hatte, um sie lediglich nach ihrer Meinung zu fragen. Marion pflanzte den Gedanken in meinen Kopf: sie war ehrlich begeistert von dem Projekt. Am Tag, als ich ihre Notizen zum Film abholen kam, fragte ich sie schüchtern, ob sie nicht vielleicht den Film produzieren wollte ... sie hatte auch schon darüber nachgedacht. An den nächsten zwei Versionen des Drehbuchs haben wir dann gemeinsam gearbeitet und die fünfte Fassung haben wir dann gedreht.

Hinter den praktischen Details muss meiner Meinung nach eine Idee stehen, die die gesamte Geschichte trägt. Das Bild, das mir spontan in den Kopf kam und das den gesamten Film in sich trägt ist das allererste Bild, das man in 25 Grad im Winter sieht. Heute bin ich stolz darauf, diesen Film gedreht zu haben - allein schon wegen dieser ersten Einstellung.

Frage: Wie kommt man dazu, so wie Sie, zuerst Mathematik zu studieren, dann Musik und als Percussionist zu arbeiten, danach zwei Kurzfilme zu drehen, jedoch nicht in Ihrem Heimatland Frankreich, sondern in Belgien, bis hin zu 25 Grad im Winter? Was ist die Linie, die diese Aspekte von Stéphane Vuillets Persönlichkeit verbindet?

Stéphane Vuillet: Ich studierte Mathematik, weil das das einzige war, das ich tun konnte. Dieser Weg war schon vorgezeichnet. Was die Musik angeht, so habe ich mit meinem älteren Bruder in verschiedenen Bands gespielt. Aber wie das manchmal so ist, trennte sich die Gruppe. Damals stellte sich jeder die Sinnfrage. Alle anderen machten weiterhin Musik, heute sogar professionell. Aber ich bin in eine andere Richtung gegangen. Einige meiner intensivsten und schönsten Erfahrungen habe ich auf der Bühne gemacht, aber mein Wunsch, Musik zu machen zerbrach mit der Band in kleine Stücke. Dieser Bruch zwang mich dazu weiterzusuchen. Was ich am liebsten tun wollte, ist Geschichten erzählen. Und ist nicht der Film die stärkste und beste Art, Musik und Geschichten erzählen zu verbinden?

Zwei Wochen nach dem Auseinanderfallen der Band machte ich mein erstes kurzes Video mit einigen Freunden. Dieses Video wird nie jemand zu Gesicht bekommen, denn es ist wirklich sehr schlecht, aber es bestätigte mich in der Absicht Filme zu machen. In Brüssel schließlich machte ich die Aufnahmeprüfung an der bekannten Filmschule INSAS, feierte drei Wochen lang Parties, entdeckte die Stadt und seine Bewohner. Die Prüfung habe ich dann nicht bestanden, aber mich in diese Stadt verliebt ...

Frage: Um Geschichten erzählen zu können, muss man den Kopf voll davon haben. Wie entsteht eine Geschichte in deinem Kopf? Infolge einer Begegnung oder einer Reise?

Stéphane Vuillet: Mein erster Kurzfilm entstand aufgrund einer Begegnung. Ich kam in Belgien an, wurde von Pedro Romero willkommen geheißen - mit dem ich den Langfilm zusammen schrieb - und entschied mich wegen ihm zu bleiben. Er ist Schauspieler, ich wollte Regisseur werden. Wir setzten uns also hin und schrieben, daraus entstand ein 8-Minuten-Film, für den wir zwei Jahre gebraucht haben. Weil wir noch nicht viel darüber wussten, wie man einen Film macht, weil wir viele verschiedenen Sachen ausprobierten. Aber schließlich haben wir ihn fertig bekommen. Einfach nur aufgrund dieser Begegnung.

Unmittelbar nachdem ich all meine Energie in diesen ersten Kurzfilm investiert hatte, hatte ich das Gefühl, "Uff! Ich habe niemals wieder etwas zu erzählen." Aber plötzlich ging mir eine neue Geschichte durch den Kopf und daraus entstand dann Le sourire des femmes (Das Lächeln der Frauen). Die Geschichte basiert auf dem Bild eines Mannes, der eine Parade von 15 bis 65 Jahre alten Frauen an sich vorbeiziehen sieht und der sich nach seinem Begehren nach ihnen befragt. Einerseits eine Begegnung, andererseits ein Bild. Wenn die zwei zusammenkommen, kann daraus ein Film entstehen.

Frage: Terre natale, Le sourire des femmes, 25 Grad im Winter - was motiviert einen Regisseur, bis zum Ende durchzuhalten? Filme zu machen ist immer noch relativ kompliziert, insbesondere im französisch sprechenden Teil Belgiens. Glaubst du, du hattest Glück oder warst Du klar genug, um Deine Projekte zu erreichen?

Stéphane Vuillet: Ich glaube, ich hatte sehr viel Glück. Die einzige Klarheit bestand darin, dass ich die Chance ergriff, die sich mir eröffnete. Darüber hinaus glaube ich auch nicht, dass man alleine einen Film machen oder seine Wünsche verwirklichen kann. Marion Hänsel zu treffen ist Teil dieses Glücks. 25 Grad im Winter hätte von niemand anderem produziert werden können. Aber es ist schwierig, diese Frage zu beantworten, weil man ja nie weiß, ob einem das Glück einfach so in den Schoß fällt oder ob man es zu einem Teil provoziert hat.

Frage: Wieviel von sich selbst steckt in der Arbeit als Regisseur? Das Thema des Verlassenwerdens und des Verlassens ist typisch für dich - Du hast dein Land, deine Familie, deine Freunde verlassen - muss man verlassen oder sich selbst verlassen, um etwas kreieren zu können? Und ist es wichtig, etwas von einem selbst in der Arbeit, die man geschaffen hat, zu lassen?

Stéphane Vuillet: Ich glaube schon. Die Filme, die mich interessieren, erlauben einem, jemanden durch einen Film kennenzulernen, von Der Pate (Coppola) über Le tombeau d'Alexandre (Chris Marker) hin zu Sprich mit ihr (Almodóvar).

Wenn ich von der Verlassenheit erzähle, dann weil ich an einem bestimmten Punkt in meiner Kindheitserinnerung, sicher an einem wichtigen Punkt für meine Entwicklung, verlassen wurde. Heute ist das Teil meiner Ängste und daher Teil der Geschichten, die ich erzählen möchte.

Ein Film ist ein bisschen so wie ein Kind: Es gibt die Empfängnis mit dem Drehbuch, die Geburt wenn er gedreht wird, die Phase des Sprechenlernens während der Mischung und Postproduktion und zuletzt der Moment, an dem dich dein Kind verlässt, wenn es anfängt auf eigenen Füßen zu stehen, wenn der Film im Kino gezeigt wird. 25 Grad im Winter ist auch beeinflusst von der bevorstehenden Geburt deines zweiten Kindes. Fühlt man sich wie ein Vater all seinen Filmen gegenüber?

Man fühlt sich wie der Vater seiner Filme und in diesem speziellen Fall habe ich in Marion eine Mutter gefunden. Es stimmt, ich fürchte mich vor der Geburt des Films, auch wenn ich gleichzeitig sehr aufgeregt bin. Der Moment, wenn er dem Publikum gezeigt werden soll. Ich habe Angst davor, dass der Film nicht gemocht wird, weil er etwas verdreht ist, nicht so ganz perfekt usw. Und im selben Moment bin ich sehr stolz, wie auf mein Kind ...

Frage: Was ist also der perfekte Film oder das perfekte Kind?

Stéphane Vuillet: Ich würde mich doch sehr ängstigen, wenn ich das perfekte Kind hätte. Es gibt allerdings den perfekten Film, aber er ist sehr selten. Ich sehe das so: Pedro Almodóvar hat 15 Filme gemacht und eines Tages drehte er Sprich mit ihr, der sehr nahe an den perfekten Film herankommt. Ich frage mich, ob er weiss, was er als nächstes machen wird? Nachdem man dieses absolute Können in allen Bereichen, im Rhythmus, der Dramaturgie, Musik, der Wahl und Anleitung der Darsteller sieht, alles ist in absoluter Harmonie. Das muss ziemlich nervenaufreibend sein. Nachdem man einmal den perfekten Film gemacht hat, was kann man danach noch tun? Noch einen perfekten Film? Ich bin weit davon entfernt, den perfekten Film gemacht zu haben, und das freut mich, denn aus diesem Grunde will ich noch ganz viele Filme drehen.

Frage: Wenn man einen Langfilm nach zwei Kurzfilmen macht, fühlt man sich dann freier, weil man mehr Zeit hat?

Stéphane Vuillet: Ja, da es mehr Sequenzen gibt, hat man mehr Zeit, sich darüber klar zu werden, was man tut. Man kann Veränderungen einfacher umsetzen, wenn man in Teilen der Arbeit weniger erfolgreich war. Man kann sich etwas zurücklehnen und den Film, den man macht, besser verstehen.

Bei 25 Grad im Winter dachte ich nach 10 Tagen Dreh "Ich bin am Anfang eines Langfilms, aber einen Kurzfilm hätte ich jetzt schon beendet." Ein Langfilm gibt einem die Chance, sich neu zu orientieren, zurückzukehren zu Details, die wichtig werden, in einem besseren Kontakt zu den Schauspielern zu stehen. Und beim Drehen wurden meine Gefühle für die Regie besser und besser, man hat in acht Wochen Zeit voranzukommen. Ich glaube, das spiegelt sich in dem Film wider, er wird besser und besser je mehr sich die Geschichte entwickelt.

Frage: Ist es dieselbe Arbeit, 25 Grad im Winter zu machen wie Terminator oder Matrix? Denkt man an die Zuschauer?

Stéphane Vuillet: Der einzige Anhaltspunkt für mich ist die Frage, ob ich die Szene, die wir gerade drehen, gerne sehen möchte, ob ich die Darsteller mögen würde oder die Geschichte. Wenn ich Zweifel an meinem Vergnügen als Betrachter habe, dann habe ich auch Zweifel an meiner Arbeit.

Ich glaube, dass es nur eine Art von Kino gibt, aber dass die Mittel unterschiedlich sind. Die einzigen Leute, die nicht dieselbe Art Film wie ich machen sind die, die nur ans Geld denken.

Frage: Es gibt Marion Hänsel, drei Schauspielerinnen aus drei verschiedenen Generationen, auch deine Frau, die den Film geschnitten hat - Stéphane Vuillet ist von Frauen umgeben. Bestimmen sie auch die Arbeit als Regisseur?

Stéphane Vuillet: Ich mag Frauen, ich komme gut mit ihnen zurecht und sie überraschen mich mehr als Männer das tun. Und da ich Überraschungen mag, suche ich nach ihnen sowohl im Leben als auch in der Fiktion ...

Die Rolle, die mich in 25 Grad im Winter am meisten interessierte, war die der Laura, dem 7-jährigen kleinen Mädchen, das von seiner Mutter verlassen wurde. Es hat mir viel Freude bereitet, dieser Rolle, wie sie von Raphaëlle Molinier, einer aussergewöhnlichen jungen Darstellerin gespielt wurde, zu begegnen.

Frage: Der schönste Moment und die größte Enttäuschung des Regisseurs Stéphane Vuillet?

Stéphane Vuillet: Meine schönste Erinnerung ist die an das Ende von Terre natale, meinen ersten Kurzfilm. Die beiden Darsteller und ich lagen einander in den Armen. Der Kameraassistent stellte die Kamera an und filmte uns. Wir haben diese Szene dann für den Abspann verwendet. Wir waren so stolz und glücklich, junge Idioten vielleicht, aber das ist eine unvergessliche Erinnerung.

Es gibt einen Moment in 25 Grad im Winter, in dem Jacques Gamblin die kleine Raphaëlle in seine Arme nimmt und bei der mir am Set Tränen in die Augen kamen. Ohne Zweifel ging das allen so, es war ein sehr kraftvoller Moment ...

Ich könnte auch von dem Treffen mit Marion erzählen, ebenfalls einer sehr wichtigen Erinnerung. Wir tanzten bis in den frühen Morgen in einem Nightclub in Genf.

Was mir wirklich viel bedeutet ist zu entdecken, dass Menschen es genießen, mit mir zu arbeiten. Es gibt natürlich das Resultat, welches die Zuschauer sehen und beurteilen werden, aber es gibt auch den Weg dorthin, die Freude, die man hat, Leute zu treffen und sich mit ihnen während der Arbeit auszutauschen. Das ist einer der Gründe, warum es mir gefällt, in diesem Bereich zu arbeiten.

Der schlimmste Moment war, als ich Zweifel hatte, ob ich den Film erfolgreich zu Ende bringen würde. Marion und ich telefonierten jeden Abend, um uns über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung von 25 Grad im Winter auszutauschen und ich war am Boden zerstört, als ich dachte, wir würden es nicht hinkriegen. Aber ich wusste auch, dass ich eine gute Begleiterin hatte ...

Frage: Du wirst bald zwei Kinder haben. Was würdest du dir wünschen, was sie über den Beruf ihres Vaters als Regisseur in dreißig Jahren sagen?

Stéphane Vuillet: Manchmal zweifle ich daran, dass es diesen Beruf dann noch geben wird. Aber kürzlich fiel mir bei meinem 2½ -jährigen Sohn Andreas auf, dass ihn eine Geschichtenerzählerin faszinierte. Er hörte ihr mehr als eine Stunde lang zu. An diesem Tag dachte ich, es ist wichtig für Menschen, dass Geschichten erzählt werden. Das hat mir wieder mehr Zutrauen in die Zukunft des Filmens gegeben.

Was meine Arbeit angeht, so kann ich nur hoffen, dass meine Kinder ihren Freunden voller Stolz meine Filme zeigen werden ...

Stéphane Vuillet
Filmplakat zu '25 Grad im Winter'

Dirk Jasper FilmLexikon

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