Interview mit Thomas Durchschlag

"Nichts sollte hervorstechen, was der Geschichte nicht dienlich ist."

Thomas Durchschlag ist der Regisseur und Drehbuchautor des deutschen Kinodramas Allein.

Frage: Wie ist die Drehbuch-Idee entstanden?

Thomas Durchschlag: Bereits vor meiner Studienzeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) hatte ich von dem Phänomen gelesen, das die Psychologen "Borderline" nennen. Ich wollte wissen, warum Menschen sich selbst wehtun, warum sie sich die Arme aufschneiden, in Exzessen leben und sich selbst nicht lieben können. Während meiner Recherchen bei Ärzten und Therapeuten erfuhr ich dann, dass diese Art der Persönlichkeitsstörung in Fachkreisen schon sehr lange bekannt ist, aber erst in den letzten Jahren zu einem öffentlichen Thema wurde.

Frage: Haben sie ihr Studium bereits für die konkrete Filmarbeit genutzt?

Thomas Durchschlag: Die Grundentwicklung des Drehbuchs entstand an der KHM, die Realisierung des Films erfolgte erst danach. Die Zeit auf der KHM wirkte dabei wie ein Beschleuniger. Die Schule bietet die nötigen Freiräume zur Weiterentwicklung und gleichzeitig auch die Auseinandersetzung mit der Branche. Gebhard Henke vom WDR und Frank Döhman waren wunderbare Dozenten, und auch Joachim Ortmanns von Lichtblick Film, den Produzenten von Allein, habe ich auf diesem Wege kennengelernt.

Frage: Wie fiel die Wahl auf Lavinia Wilson für die Hauptrolle der "Maria"?

Thomas Durchschlag: Mir war von Anfang an klar, dass Allein maßgeblich von der Schauspielerin der Hauptfigur getragen wird. Wir haben dann ein aufwändiges Casting durchgeführt, und ich bin überaus glücklich, dass wir dabei auf Lavinia Wilson gestoßen sind. Mit Abstand passte sie am besten zu der Rolle und hatte die Figur sehr genau verstanden. Da ich sie vorher nur aus ihren bisherigen Film- und Fernseharbeiten kannte, mussten wir uns vorher erst einmal persönlich kennen lernen, um festzustellen, ob wir miteinander auskommen und uns gegenseitig würden vertrauen können.

Denn Vertrauen war die Basis, auf der Lavinia und ich dann später zusammengearbeitet haben. Der Film enthält viele Szenen, die sich auf einem sehr schmalen Grad befinden, Lavinia gibt der Figur eine Echtheit und eine starke emotionale Nachvollziehbarkeit. Ich bin Lavinia sehr dankbar für ihren Mut und ihr Vertrauen, sich zusammen mit mir auf die Reise dieses Films begeben zu haben.

Frage: In seiner Bildsprache wirkt Allein sehr direkt und realistisch ...

Thomas Durchschlag: Alles sollte sich der Geschichte und den Figuren unterordnen. Mein Kameramann Michael Wiesweg hat das in ganz wunderbarer Weise umgesetzt. Seine Bilder drängen sich niemals auf, sie sind nur für die Geschichte da und entfalten dadurch eine große emotionale Wucht. Der ganze Film ist so konstruiert: Nichts sollte hervorstechen, was der Geschichte nicht dienlich ist. Genauso verhält es sich mit der Musik, die nichts überlagern oder künstlich Stimmungen erzeugen, sondern nur vorhandene Emotionen stützen sollte.

Frage: Wie fiel die Wahl auf das Ruhrgebiet als Drehort?

Thomas Durchschlag: Eigentlich hätte Allein in jeder deutschen Großstadt spielen können, wo Menschen vereinsamen. Die Entscheidung für Essen, kam bei mir eher so aus einem Gefühl heraus. Allein der zentrale Ort von Maria und Jan, die von Richard Serra erschaffene Stahl-Bramme auf der Schurenbachhalde, ist absolut einzigartig. So etwas hätte man anderswo nur schwer gefunden: totale Freiheit und gleichzeitig ein Ort des Rückzugs.

Thomas Durchschlag
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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